"Die Macht muss die Seite wechseln": Reaktionen auf Gisèle Pelicot
Gisèle Pelicot ist zum Symbol im Kampf gegen sexualisierte Gewalt geworden. Kulturschaffende wie Helga Schubert und Fikri Anıl Altıntaş stehen auf ihrer Seite - und sagen, was jetzt getan werden muss.
Für Menschen auf der ganzen Welt ist Gisèle Pelicot eine Heldin im Kampf gegen sexualisierte Gewalt. Ihr Mut hat Debatten ausgelöst. Ihr Buch "Eine Hymne an das Leben: Die Scham muss die Seite wechseln" ist am 17. Februar gleichzeitig in 22 Sprachen erschienen. Künstlerinnen und Künstler suchen nach Formen, um die strukturellen Probleme, die der Fall Pelicot deutlich macht, auszudrücken. Jede dritte Frau und jeder fünfte Mann in Deutschland erleben mindestens einmal im Leben sexuelle Gewalt. Die Täter sind meistens Männer.
Für Schriftstellerinnen wie Helga Schubert und Anette Selg hat die 73-jährige Französin gezeigt, dass das Schweigen über Erniedrigungen gebrochen werden müsse. Die Künstlerinnen sind beeindruckt, dass Pelicot im Prozess gegen ihren Mann und 50 weitere ihrer Vergewaltiger eingefordert hat, die Videos und Fotos von den Taten öffentlich zu zeigen.
Helga Schubert: "Der Mann wird sich nie schämen"
Über zehn Jahre lang hatte ihr Mann sie mit schwersten Betäubungsmitteln sediert, vergewaltigt und vergewaltigen lassen. Die 86-jährige Schubert, die auch Psychologin ist, hält es auch für andere Frauen für wichtig, dass sich Pelicot im Prozess nicht einschüchtern ließ. Sie glaubt aber nicht, dass die Scham die Seite wechseln wird. "Der Mann wird sich nie schämen", stellt Schubert fest. "Die Scham muss nicht die Seite wechseln. Die Macht muss die Seite wechseln. Gisèle hat die Macht über ihr eigenes Leben, ihre Kontrolle, ihr eigenes Leben wiedergefunden."
Auch Annette Selg ist dankbar dafür, dass Gisèle Pelicot ihre Opfergeschichte mit der ganzen Welt geteilt hat. "Aber was ganz offensichtlich nicht passiert, ist, dass die Täter endlich beginnen, sich zu schämen. Nicht die Verurteilten im Pelicot-Prozess und nicht diese ganzen mächtigen Männer, die in den Epstein-Akten stehen. Und das macht mich wahnsinnig wütend."
Stück "Prima Facie": Umkehr der Beweislast
Die Schauspielerin Jennifer Sabel brilliert derzeit am Mecklenburgischen Staatstheater in dem Stück "Prima Facie", in dem es darum geht, wie Opfer einer Vergewaltigung vor Gericht gedemütigt werden. Dass "Prima Facie", ein Begriff aus dem Rechtswesen, immer noch Anwendung findet, macht sie fassungslos, genau wie das Publikum in den Vorstellungen. "Prima Facie" bedeutet "Anscheinsbeweis", also die Umkehr der Beweislast. In vielen Vergewaltigungsprozessen werden die Opfer nochmals traumatisiert, weil sie beweisen müssen, wie die Tat stattgefunden hat.
Sabel, die 2025 den Deutschen Schauspielpreis gewann, ist beeindruckt vom Publikum. "Es ist für mich ein Geschenk, wenn der ganze Saal übereinstimmt, dass sich etwas ändern muss an der Rechtsprechung." Sie fürchte aber, dass es dahin noch ein langer Weg sei. "Aber allein, dass 'Prima Facie' rauf und runter gespielt wird, dass Gisèle Pelicot so laut und selbstbewusst spricht und dass es die MeToo-Debatte gibt - dass alles trägt ein kleines Schäufelchen dazu bei."
Juli Katz: Frauen lernen die Scham von klein auf
Auch die Autorin Juli Katz glaubt, dass kleine Schritte zum gesellschaftlichen Wandel führen können. Die Literaturpreisträgerin aus MV betont, dass Frauen die Scham von klein auf lernen würden, wenn ihre Körper nicht den männlichen Ansprüchen standhielten.
Katz arbeitet gerade an einem Film über Scheidungen aus weiblicher Perspektive - und sieht darin eine Chance, Sehgewohnheiten zu hinterfragen. Es gehe ihr darum, die Gesellschaft mit ganz normalen Körpern zu konfrontieren, "die eben Dellen haben und nicht 90-60-90 sind", so die Autorin. "Ich habe eine Verantwortung mit dem, was ich nach außen transportiere. Und ich kann gängige Narrative auch brechen, indem ich mir etwas anderes überlege oder andere Entscheidungen treffe."
Fikri Anıl Altıntaş über die Verantwortung der Männer
Welche Verantwortung übernehmen die Männer? Für den Schriftsteller Fikri Anıl Altıntaş ist diese Frage essenziell. Er fordert, dass nicht nur die Scham, sondern auch die Wut die Seite wechseln müsse - von den Frauen hin zu den Männern. "Das Spannende ist ja, dass gerade dieser Fall dazu geführt hat, dass viele Männer sagen: Das sind die Schlimmen, ich bin einer von den Guten", beobachtet Altıntaş.
Doch genau hier beginne das Problem. Wer über sexistische Witze lache oder psychologische Gewalt in der Partnerschaft ausübe, dürfe das nicht als harmlos abtun. Der Satz müsse nun in Taten überführt werden. "Gerade für Männer muss es bedeuten, sich für diese Scham zu sensibilisieren und gleichzeitig auch eine Wut zu verspüren", betont der Autor. Wenn sich am männlichen Verhalten nichts ändere, werde die Gewalt weitergehen.
Wir müssten uns mehr Zeit für Heranwachsende nehmen, sagt der 33-Jährige, damit sie auch über Gefühle und Sexualität reden könnten. So werde verhindert, dass sie später gewalttätig werden. Altıntaş geht in Schulen und versucht, mit jungen Menschen an ihren Rollenbildern zu arbeiten.
Gregor Sander: Sensibilisierung für Sprache
Auch der Schriftsteller Gregor Sander hinterfragt im Zusammenhang mit dem ikonischen Pelicot-Satz seine eigene Verantwortung als Künstler. "Ich empfinde meine Position als Autor sehr mächtig", erklärt er. Daher stelle sich für ihn stets die Frage, wen seine Texte verletzen oder beschämen könnten. Ihm sei nicht nur die Handlung wichtig, sondern vor allem die Sprache und die Wortwahl. "Greife ich damit jemanden an? Wie wird Gewalt dargestellt, Sex oder Abhängigkeiten?", fragt sich Sander.
Es gehe ihm um Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache - auch ohne zu gendern. Er möchte zwar über alles schreiben können, achte aber darauf, wie seine Worte beim Gegenüber ankommen.