Lenz neu betrachtet: Junge Illustratorinnen zeichnen Geschichten seines Lebens
Anlässlich seines 100. Geburtstags haben sich junge Illustratorinnen und Comiczeichner dem Leben und Werk von Siegfried Lenz genähert. Sein Nachlass lieferte die Inspiration für die insgesamt 19 grafischen Erzählungen. Diese erscheinen nun unter dem Titel "Siehst du es?".
Ein ganzes Jahr lang haben die 18 jungen Absolventinnen des Masterstudiengangs recherchiert, haben Schauplätze aus Lenz-Erzählungen und Romanen aufgesucht, haben Zeitzeugen befragt und in Archiven gewühlt. Und im Nachlass des Autors so manches Objekt gefunden, das sie inspiriert hat. Wie die schwarze Badehose, mit der Antonia Rib ein wenig bekanntes Kapitel von Lenz und seinem bekanntesten Kritiker aufmacht: "Ich hatte verschiedene Texte gelesen, die Lenz über Marcel Reich-Ranicki geschrieben hat. Da hieß es in einem Nebensatz: 'Wie letztens, als wir wieder schwimmen waren'. Da habe ich mich so festgebissen, weil ich die Vorstellung witzig fand. Dann habe ich recherchiert, wie akkurat diese Info ist, dass die auch wirklich im Schwimmbad waren. Wir haben dann geguckt, wer wo zu diesem Zeitpunkt gewohnt hat und welches Bad am meisten Sinn ergeben würde. Wir haben uns drauf geeinigt, dass es das Holthusen-Bad gewesen sein muss."
Der berühmte Bau von Fritz Schumacher im Hamburger Stadtteil Eppendorf - deutlich wiedererkennbar auf Ribs Zeichnung. Genau die richtige Kulisse für die legendären Streitgespräche der beiden Literaten. "Mein unbestechlicher Zackenbarsch", nennt Lenz seinen Kritiker in Badehose.
Blick auf Lenz' Geburtsstadt Lyck
Ebenso gründlich geforscht hat auch Katrina Biedenbender, um Siegfried Lenz' Geburtsstadt Lyck lebendig werden zu lassen. Die Comic-Künstlerin ist mit einem dicken Packen von 800 Fotos buchstäblich eingetaucht in dessen Kindheit. Entstanden sind liebevolle Zeichnungen von Klein-Siggi beim Angeln, Schlittschuhlaufen oder Comic-Lesen, während im Bildhintergrund schon die Nazis aufmarschieren. "Da bin ich dann gelandet, dass ich das komplette Städtchen recherchiert habe, dass ich geschaut habe, wo könnte er langgegangen sein", berichtet Biedenbender von ihrer Herangehensweise. "Ich weiß auch, wo er gewohnt hat. Ich konnte im Prinzip auch die Wege, die er als Kind gelaufen ist, nachverfolgen."
Beeindruckend genau recherchierte Details
Diese Kombination aus Genauigkeit und Neugier hat einen verblüfft, der das Werk von Siegfried Lenz kennt wie wohl kaum ein anderer: sein Freund, Lektor und Verleger Günter Berg. Er hat den Comic-Studentinnen das Archiv geöffnet, ließ sie in Briefen und Tagebüchern blättern und hat erzählt, wie das so war mit seinem Autor. Etwa bei den regelmäßigen Besuchen beim Kollegen Günter Grass in dessen Haus in Behlendorf: "Diese Geschichte hat eine der Studierenden sofort infiziert. Aber statt das einfach zu zeichnen, wie das so ist, wenn da zwei Männer sitzen und rauchen, musste dann genau herausgearbeitet werden, mit welchem Auto wir morgens hinfuhren oder abends und wie lang das dauerte, was genau geredet wurde, und ich dachte: Kinder, Kinder, ist das nicht alles ein bisschen aufwändig?", erzählt Berg.
"Aber wenn man sich dann diese Strecke, wie das eben heißt, diese paar Doppelseiten anschaut, dann sieht man, wieviel Präzision in jeder dieser gestalteten Lebensgeschichten von Lenz stecken. Es ist unglaublich detailreich", ergänzt er. Dieses Buch werde man nicht nur einmal blättern und lesen, sondern mehrfach, prognostiziert der Verleger.
Damit trifft es Günter Berg sehr genau. Denn die Neugier, mit der die jungen Illustratorinnen sich in den Autor reingelesen haben, ihr frischer Blick und die liebevollen Zeichnungen beweisen, wie modern und gültig dieser Autor immer noch ist.
Fantasie-Lenz erzählt von Entstehung der "Deutschstunde"
Wie für Madita Schwenke, die sich auf die berühmte "Deutschstunde" gestürzt hat und ein junges Mädchen zeichnet, das sich so weit in den Text vertieft, bis ihr der Autor selbst erscheint und gemütlich Pfeife rauchend vom Entstehen des Romans erzählt. "Wir hatten einen sehr persönlichen Zugang zu Lenz", berichtet Madita Schwenke, "wir haben sehr viel aus seinem Nachlass gesehen. Wir haben Briefwechsel zwischen Lilo und den Schmidts gelesen, und Grass, und Reich-Ranicki. Das ist dann eine sehr persönliche Ebene, auf der man dem Autor begegnet." Das sei wohl auch in ihrer Comic-Strecke so, sagt die Illustratorin, mit dem Fantasie-Lenz, mit dem man sich auf einmal unterhalte, und über den man Details zur Entstehung der Deutschstunde und der Rezeption erfahre.