Suchtkranke Jugendliche in SH: Wo sie Hilfe bekommen - und wo es hakt
Jugendliche Suchtkranke haben in Schleswig-Holstein kaum Chancen, einen Therapieplatz zu finden, sie benötigen eine umfassende Betreuung. Eine spezialisierte Station will gegensteuern.
"Sucht U21" nennt sich eine spezialisierte Station im Psychiatrischen Krankenhaus Rickling (Kreis Segeberg). Hier finden junge Suchtkranke zwischen 16 und 21 Jahren Hilfe, die weit über die reine Entgiftung hinausgeht. Mit einem interdisziplinären Ansatz unterstützt das Team die Jugendlichen dabei, ihr Leben neu zu ordnen.
Sie rauchen Heroin, sind spielsüchtig oder abhängig von Tabletten
Jugendliche schlurfen in einen großen, hellen Gruppenraum. Hier steht die Tischtennisplatte, ein Sofa, Sessel, ein Couchtisch. Sie setzen sich. "Wir machen heute eine Einheit in Richtung Rückfallprofilaxe." Das sagt Malte Kopp, Sozialpädagoge und Therapeut auf der Station "Sucht U21" der Psychiatrischen Klinik Rickling. Er steht am Flipchart. "Wer hat eine Idee, wie wir bestimmte Faktoren nennen würden, die zu einem Rückfall führen könnten?"
Die Jugendlichen sind zwischen 16 und 21 Jahre alt und suchtkrank. So wie eine 19-Jährige, die anonym bleiben will, aber bereit ist, zu erzählen.
Ich bin hierhergekommen, da habe ich täglich noch um die zwei Gramm Heroin konsumiert. Anonym, 19 Jahre alt
Auch die anderen, die hier zusammensitzen, sind süchtig - nach Computerspielen, Alkohol, Cannabis oder anderen illegalen Substanzen wie Crack oder Kokain. Malte Kopp verteilt Zettel und Stifte. Die Jugendlichen schreiben "Traurigkeit", "Freundeskreis", "Familie" auf die Zettel, sammeln, sprechen über Situationen, die einen Rückfall begünstigen. Kopp stellt Fragen, gibt Impulse. Edukation heißt diese Einheit, ein Baustein von vielen auf dieser Station.
Nur wenige Jugendliche bekommen einen Therapieplatz
Wer das Glück hat, hier einen Therapieplatz zu bekommen, macht immer auch einen Entzug, überwacht, zum Beispiel durch Neurologin DÎlara Kersebaum. Das Tragische sei, dass die Jugendlichen Substanzen in einer Vielfalt und in einer Dosierung einnehmen, die sehr viel mit ihrem Körper machen. Gleichzeitig könnten sie "die Effekte nicht einordnen, nicht abschätzen und auch die Risiken und die Folgen nicht einschätzen."
Die Kinder- und Jugendpsychiatrien seien auf diese Patientengruppe nicht ausgelegt, so die Neurologin. Die 19-jährige Patientin, die ihren körperlichen Entzug schon hinter sich hat, beschreibt das Problem so: "Die meisten Kliniken oder auch ambulante Therapeuten, die nehmen einen gar nicht ernst, wenn man Drogen nimmt, weil man halt auch gar nicht therapierbar ist. Du bis dann ja gar nicht wirklich klar im Kopf und du kannst eben an gewissen Sachen dann auch gar nicht arbeiten." Das sei hier eben anders.
Beratungsstellen für Angehörige und Suchterkrankte in Schleswig-Holstein
Präventions- und Beratungsangebote gibt es flächendeckend in ganz Schleswig-Holstein. Jede ambulante Beratungsstelle berät auch Jugendliche und deren Angehörige, und das kostenfrei. Das Gesundheitsministerium hat gemeinsam mit der Landesstelle für Suchtfragen Schleswig-Holstein e.V. die digitale Suchtberatung auf den Weg gebracht, um die landesweite Erreichbarkeit zu verbessern.
In Flensburg gibt es bei der Diakonie eine Jugendsuchtberatung. Suchtprävention findet in sehr vielen Schulen in Schleswig-Holstein statt. Der Verein Odyssee e.V. hat sich auf die Suchtprävention im "illegalen" Bereich spezialisiert. "Sie bieten seit neuestem sogar Cannabis-Checking an", sagt Björn Malchow von der Landesstelle.
Der Landesverein für Innere Mission in Schleswig-Holstein, der auch Träger des Psychiatrischen Krankenhaues in Rickling ist, bietet mit außerdem sieben Suchtberatungsstellen im Land Präventionsangebote und Beratung an.
Zahlen zu suchtkranken Jugendlichen? Fehlanzeige
Aber Therapieplätze für jugendliche Suchtkranke? Das Problem beginne schon damit, dass es kaum möglich sei, einen Überblick über den Bedarf an stationären Therapieplätzen zu bekommen. "Genaue Zahlen sind nicht herauszukriegen, weil die nicht erhoben werden", so Björn Malchow. Das Ministerium schreibt dazu: "Eine gesonderte Ausweisung des Bereiches Sucht wird im Zuge der (…) Krankenhausreform geprüft."
Therapieplätze für jugendliche Suchtkranke gibt es kaum
An der Fachklinik Bokholt können Patientinnen und Patienten ab dem 16. Lebensjahr einen Entzug machen. Therapien finden hier aber nicht statt. Ausschließlich für suchtkranke Jugendliche ausgewiesene stationäre Therapieplätze gebe es nur in Rickling, so Malchow. In Schleswig (Helios) können Jugendliche bei Bedarf in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ebenfalls einen qualifizierten Entzug machen. Hier gibt es keine festgelegte Anzahl an Plätzen, so Pressesprecherin Linda Müller.
Malchow nennt außerdem das COME IN! in Hamburg. Hier könnten sich auch Jugendliche aus Schleswig-Holstein behandeln lassen. Diese drei Angebote würden aber längst nicht ausreichen, so der Sucht-Experte. Beratungsstellen würden regelmäßig an die Landesstelle berichten, dass sie Probleme haben, die betroffenen Jugendlichen in stationäre Einrichtungen zu vermitteln. "Es gibt für diese komplexen Fälle" schlicht nicht genügend Behandlungskapazitäten in Schleswig-Holstein.
Zehn Jugendliche können gleichzeitig intensiv therapiert werden
Auf Station "Sucht U21" bietet das Psychiatrische Krankenhaus Rickling zehn Plätze für genau diese Patientengruppe. Ein wichtiges "Leuchtturm-Projekt", so Malchow. Wer als Kind oder Jugendlicher eine Sucht entwickelt, erklärt Sozialpädagoge Malte Kopp, der unterbreche in der Regel seinen emotionalen Reifungsprozess. Den sollen die Patientinnen und Patienten hier nachholen, so das Ziel.
Ein Familien-ähnlicher Alltag spielt deshalb eine große Rolle: ein wertschätzender Umgang, feste Zeiten, feste Aufgaben, gemeinsames Essen. Kersebaum: "Wir betrachten den Suchtaspekt nicht isoliert. Das zeichnet uns aus als Station."
Hier sollen die Jugendlichen verstehen, was mit ihnen los ist
Alle Patientinnen und Patienten haben eine feste Bezugsperson. Im Fall der 19-Jährigen ist das Carolin Schierwater. Bei ihr hat sie jetzt eine Therapiesitzung in dem kleinen schlichten Büro der Psychologin. Hier soll sie im Gespräch verstehen, warum sie süchtig geworden ist und in welchen Situationen sie Drogen nimmt. "Haben Sie irgendwelche Auswirkungen durch den Konsum gemerkt?", fragt Schierwater. "Ähm, ja..." Die Jugendliche überlegt. "Körperlich auf jeden Fall. Ich sah halb tot aus. Ist halt krass, dass man das nicht so wirklich merkt, während es passiert."
Schierwater möchte, dass alle Team-Mitglieder bei jeder Person genau schauen, was sie jeweils braucht. Themen wie Therapie-Abstand, Bewältigungsmechanismen oder auch das Herstellen eines Störungsverständnisses spielen eine Rolle. "Wirklich zu verstehen, was ist los mit mir, wer bin ich?", das ist Schierwater wichtig.
Das Ziel: Ohne Drogen Spaß haben
Qualifizierter Entzug, Diagnostik, Gesprächstherapie. Dazu Ergo-, Musik-, Kunsttherapie. Je nachdem, was der Patient oder die Patientin braucht. All das gehört zum Konzept auf dieser Station. Therapien finden auch mal beim Spaziergang statt. So wie heute. Vor ein paar Tagen ist ein 20-Jähriger neu auf die Station gekommen.
Seit mehr als fünf Jahre raucht er täglich mindestens ein Gramm Cannabis. Auch aufputschende Drogen hat er ab und zu genommen. Zuletzt war er nur noch in seinem Zimmer oder mit der Beschaffung von Drogen beschäftigt. Der Patient hat schon mal eine stationäre Therapie gemacht. Allerdings ohne Entzug. Das habe wenig gebracht. Von "Sucht U21" erhofft er sich mehr. Jetzt geht Malte Kopp mit ihm zu Fitness-Geräten auf dem Klinik-Gelände.
Ich finde es richtig gut hier, vor allem dadurch, dass es so ein großes Auffangnetz für uns gibt. Anonym, 20 Jahre alt
Er möchte clean werden und lernen, wie ein Leben ohne Drogen funktioniert. Auch Bewegung soll ihm dabei helfen. Sein Bezugstherapeut Malte Kopp zeigt ihm, dass schon wenige Klimmzüge ein gutes Gefühl geben können. "Ich finde es richtig gut hier," sagt der junge Mann, "vor allem dadurch, dass es so ein großes Auffangnetz für uns gibt. Es gibt hier Ärzte, Psychologen, die die ganze Zeit für uns da sind." Sogar für die Nachsorge gebe es hier Leute. "Das ist ein sehr guter Rahmen hier würde ich sagen." Wie lange er bleiben wird? Acht Wochen maximal.
Das Team würde gerne mehr Plätze anbieten können. Aber dafür brauche es Geld und politischen Willen. Die Warteliste mit suchtkranken Jugendlichen, die dringend Hilfe brauchen, ist lang.