Umfrage: Sucht ist ein großes Problem - und ein großes Tabu
Die neue #NDRfragt-Umfrage ergab: Fast ein Viertel der Befragten kennt keine Hilfsangebote für Suchterkrankte. Alkohol, Pornos, Tabletten: Einige Menschen aus der Community berichten über eigene Süchte.
Sucht ist in den Augen einer großen Mehrheit noch immer ein Tabuthema: 86 Prozent der Umfrage-Teilnehmenden empfinden das so. Viele Menschen würden sich nicht trauen, eine möglicherweise betroffene Person anzusprechen. Die Hauptunsicherheiten dabei sind Unklarheiten über eine tatsächliche Erkrankung (43 Prozent) und die Sorge, übergriffig zu wirken (41 Prozent). Gleichzeitig sehen 92 Prozent Suchterkrankungen als ein großes gesellschaftliches Problem. Tatsächlich sind in Deutschland laut Bundesregierung mehr als acht Millionen erwachsene Menschen von einer Suchtkrankheit betroffen - das ist jede und jeder zehnte Erwachsene.
Als besonders gravierend für die Gesellschaft wird von 94 Prozent Abhängigkeit von Alkohol wahrgenommen, gefolgt von der Abhängigkeit von digitalen Medien und dem Internet mit 93 Prozent. Dagegen betrachten nur 48 Prozent eine Cannabisabhängigkeit als ernsthaftes Problem für die Gesellschaft. Alle Ergebnisse der nicht repräsentativen, aber gewichteten #NDRfragt-Umfrage "Sucht - Wie geht unsere Gesellschaft damit um?" können Sie hier nachlesen. An der Umfrage haben 19.781 Menschen teilgenommen.
Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V., die in ihrem Jahrbuch einen detaillierten Überblick über die häufigsten Suchtmittel und Verhaltensüchte gibt, ist Alkohol tatsächlich Suchtmittel Nummer eins in Deutschland. Und es ist für viele Menschen mühsam, diesem Stoff auszuweichen: 77 Prozent haben bei der #NDRfragt-Umfrage angegeben, dass es schwer sei, auf Alkohol zu verzichten. Und 66 Prozent würden eine Erhöhung der Alkoholsteuer grundsätzlich befürworten.
Alkohol in der Familie: Ein Lauf auf rohen Eiern
"Es ist erschreckend, wie locker in Deutschland mit Alkoholismus umgegangen wird und dass es nach wie vor als uncool gilt, wenn man nicht trinkt", sagt Lena* (38). Sie erzählt von ihrer Kindheit mit alkoholkranken Eltern und der Scham, die sie begleitet hat: "Da ist die ganze Familie ein dysfunktionales System. Jeder Angehörige steckt mit drin, man versucht den Schein nach außen zu wahren, jeder spielt die Spielchen mit und läuft auf rohen Eiern", so Lena. Das sei für ein Kind ein enormer Leidensdruck - bis ins hohe Alter.
"Freundschafts- und Beziehungskiller"
Den Schein wahren, die Sucht verschweigen - auch Susanne* hat uns davon erzählt: "Ich schäme mich heute noch für das, was ich früher gemacht habe", sagt die 54-Jährige aus der Region Hannover. Sie erzähle niemandem, dass sie jahrelang drogenabhängig war. Denn das schrecke die Menschen ab, sei ein "Freundschafts- und Beziehungskiller", obwohl sie schon lange abstinent lebe. Franziska (36) aus Hamburg sagt: "Menschen mit Suchterkrankungen werden in unserer Gesellschaft stark stigmatisiert und diskriminiert, sie haben keine Lobby. Sie gelten als willensschwach und faul."
Die meisten Teilnehmenden stimmen zwar den Aussagen zu, dass eine Suchterkrankung grundsätzlich jeden treffen könne (87 Prozent) und eine Krankheit sei wie jede andere auch (69). Allerdings meinen auch immerhin 31 Prozent, dass Sucht keine herkömmliche Krankheit sei. Und 38 Prozent sind überzeugt: Mit genug Willensstärke wird man nicht süchtig.
Pornos, Nasenspray, Zucker und andere Stoffe
Einige aus der #NDRfragt-Community haben von ihren eigenen Süchten berichtet. Ein paar Beispiele: Günter* (74) aus dem Landkreis Nordwestmecklenburg konsumiert seit Jahrzehnten exzessiv Pornos, auch innerhalb von Beziehungen. Melanie* (44) aus dem Landkreis Hameln-Pyrmont ist süchtig nach Nasenspray. Bei Sönke* (34) aus dem Kreis Dithmarschen sind es Zucker und Schlaftabletten. Und Nina* (49) aus dem Heidekreis ist kaufsüchtig und deshalb verschuldet.
Sucht-Umfrage zu "Hand in Hand für Norddeutschland"
Anlass für diese Umfrage war die anstehende NDR Benefizaktion "Hand in Hand für Norddeutschland", die sich in diesem Jahr dem Thema "Leben ohne Sucht" widmet und aufklären will. Und dass Aufklärung nötig ist, zeigt auch eine Zahl: 24 Prozent und somit fast ein Viertel der Befragten wüssten nicht, wo sie für sich oder betroffene Angehörige konkrete Hilfsangebote finden könnten.
"Geht mich nichts an"
Manche lehnen Suchterkrankte und Hilfsangebote für diese Menschen regelrecht ab: "Geht mich nichts an, ist fast immer selbst verschuldet und muss von den Betroffenen selbst gelöst werden", sagt beispielsweise Martina (61) aus Hamburg. Und Bernd (76) aus dem Landkreis Oldenburg fragt: "Warum muss die Gesellschaft für das Fehlverhalten dieser Randgruppen bezahlen?"
Auf die Frage, was vor Suchterkrankungen schützen kann, war die meistgenannte Antwort: ein stabiles Selbstwertgefühl (66 Prozent), gefolgt von vorbildlichen Eltern beim Umgang mit Suchtmitteln (60 Prozent) und einem Umfeld, das unterstützt (54 Prozent).
Entzug als Teenager, Wunsch nach Aufklärung
Benedikt* (20) aus Göttingen hatte Glück: Der junge Mann wusste, wo ihm bei der Überwindung seiner Alkoholabhängigkeit geholfen wird. Er ging in eine Jugendhilfe, wurde nüchtern und hat inzwischen alles erreicht, was vorher nicht möglich war: "Gutes Leben, eigene Wohnung, Abitur. Und jetzt studiere ich", erzählt er. Was seiner Meinung nach vor Suchterkrankungen schützt? "Es scheint mir so unbedingt notwendig, aufzuklären und die Gemeinschaft dafür zu sensibilisieren, dass Sucht ein anerkanntes Problem ist. Und dass es Lösungswege gibt, die den Menschen aufgezeigt werden dürfen."
Im Rahmen der Umfrage haben uns viele Menschen über ihre eigenen Erfahrungen mit Sucht geschrieben - vielen Dank für Ihre Offenheit und Ihr Vertrauen! In dieser Anwendung bereiten wir einige Berichte für Sie auf. Um den ganzen Beitrag zu sehen, tippen Sie auf die jeweilige Kachel. Sie können die Tipps nach Erfahrungen aus Sicht von Betroffenen oder Angehörigen filtern. Alle in den Kacheln genannten Namen haben wir geändert.
Über diese Befragung
Die Antworten stammen aus der Umfrage "Sucht - wie geht unsere Gesellschaft damit um?", an der sich 19.781 Menschen aus Norddeutschland beteiligt haben.
Für die Ergebnisse wurden Antworten ausgewertet, die vom 13. bis 17. November 2025 bis 6 Uhr abgegeben wurden. Unsere Analyse konzentriert sich auf das norddeutsche Stimmungsbild und wertet gezielt die Antworten aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen aus. Die Umfragen werden online ausgefüllt.
Die Ergebnisse der Befragung sind nicht repräsentativ. Wir haben sie allerdings nach den statistischen Merkmalen Alter, Geschlecht, Bundesland, Schulabschluss und Familienstand gewichtet. Das heißt: Antworten von Bevölkerungsgruppen, die unter den Befragten seltener vertreten sind als in der norddeutschen Bevölkerung, fließen stärker gewichtet in die Umfrage-Ergebnisse ein. Und die Antworten von in der Befragung überrepräsentierten Gruppen werden schwächer gewichtet. Insgesamt verteilen sich die Antworten dann am Ende eher so, wie es der tatsächlichen Verteilung der Bevölkerungsgruppen in Norddeutschland entspricht.
Abweichungen von 100 Prozentpunkten in Grafiken sind rundungsbedingt oder ergeben sich aus der Antwortoption "keine Angabe".
Mitarbeit
Umfrageerstellung: Nora Köhler, Kathrin Bädermann und Friederike Hoppe
Datenanalyse: Lisa Richter
* Allen Teilnehmenden der Umfrage mit eigenen Suchterfahrungen haben wir zu ihrem Schutz einen anderen Namen gegeben.