"Hand in Hand": Süchtig nach Glücksspiel und hoch verschuldet
Rund 1,3 Millionen Deutsche sind von Spielsucht betroffen, so das Bundesgesundheitsministerium. Gerade Online-Glücksspiel birgt ein hohes Risiko. Die Beratungsstellen in Mecklenburg-Vorpommern haben alle Hände voll zu tun.
Bei Bernd* fing alles vor gut zehn Jahren an, nach der Trennung von seiner Partnerin war er abends meist alleine. "Dann habe ich einen Ausweg gesucht und bin irgendwie in eine Spielothek geraten. Ich hatte auch Glück, gleich beim ersten Mal", erzählt er. Nach und nach zog ihn das Automatenspiel immer mehr in den Bann. Er verlor dabei soviel Geld, dass er schon am Monatsersten nichts mehr auf dem Konto hatte, sich bei Freunden etwas leihen musste.
"Jetzt kommt der Gewinn"
Bernd entwickelte Strategien, um aus der Abwärtsspirale wieder heraus zu kommen, nahm nur noch kleine Summen mit, wollte nur noch einmal pro Woche spielen. Aber die Faszination für das Spiel war stärker. "Bei jedem Dreh, bei jedem neuen Dreh sagt man: Jetzt klappt's, jetzt kommt der Gewinn, jetzt macht‘s klick und dann hat man nur noch Gewinne. Diese Geräusche triggern, dann das Licht, diese sehr hohe Auflösung der Automaten."
Für viele schwer zu greifen
Wie Bernd geht es vielen Hilfesuchenden in der Suchtberatungsstelle der Rostocker Volkssolidarität. Sie ist neben Schwerin, Neubrandenburg und Stralsund eine von vier Schwerpunktberatungsstellen für Spielsucht in Mecklenburg-Vorpommern. Den Moment zu erkennen, in dem aus unterhaltsamem Spiel bitterer, zwanghafter Ernst wird, das falle allen schwer, sagt Suchtberaterin Merle Paul.
Spielsucht unterscheidet sich von anderen Süchten
Besonders vertrackt, sei nach ihrer Erfahrung, dass Alkohol- oder Drogenabhängigkeit für viele leichter nachzuvollziehen sei. Es werde etwas konsumiert, was mit dem Körper etwas macht und der Körper möchte das wiederhaben. Beim Glücksspiel sei das nicht der Fall. "Deswegen ist es für Betroffene und für Angehörige auch häufig ein längerer Prozess, sich einzugestehen, dass das eine Erkrankung ist und dass man selber erkrankt ist", erklärt die Suchtberaterin.
Gefährlicher Trend Online-Glückspiel
Ein gefährlicher Trend, den sie und ihre Kollegen beobachten, ist, dass das Glücksspiel sich immer mehr in den Online-Bereich verlagere. Dort sei es ganz besonders gefährlich. "Wenn ich in ein Casino oder in ein Wettbüro gehen muss, dann muss ich ja erstmal von meinem Sofa aufstehen, ich muss das Risiko eingehen, dass mich jemand sieht. Online kann ich von meiner Couch aus mitten in der Nacht, rund um die Uhr Wetten platzieren. Da ist der Kontrollverlust natürlich viel schneller passiert", so Merle Paul.
Hoch verschuldet durch Sportwetten
Zunehmend beliebt seien Sportwetten, wobei das klassische Pferderennen hierzulande längst vom Fußball verdrängt wurde. Martin*, ein weiterer Klient der Rostocker Suchtberatungsstelle, hat damit soviel Geld verspielt, dass er heute mit rund 80.000 Euro verschuldet ist. "Ich konnte ein halbes Jahr lang meine Miete nicht mehr bezahlen, war drei Tage lang ohne Strom. Ich hatte zwei Aquarien, da sind die Fische drin gestorben. Das hat mich bisschen wachgerüttelt."
Lebenslängliche Sperre hilft
Bernd hat sich inzwischen lebenslänglich für das Glücksspiel sperren lassen. Martin ist froh, dass er Eltern und Freunden endlich die Wahrheit erzählt hat und dass die jetzt fest an seiner Seite stehen. Der Weg raus aus der Sucht klappt für beide Männer nur mit professioneller Hilfe, mit Einzel- und Gruppentherapie. Es tut ihnen gut zu erleben, dass es auch andere Betroffene gibt.
Geld für weitere Angebote fehlt
Die Volkssolidarität würde ihr Angebot gerne erweitern, dafür fehlt aber schlicht das Geld. Erst vor kurzem hat die Stadt Personalstellen in der Suchthilfe kurzfristig gestrichen. Und auch das Geld vom Land reiche nicht aus. Andreas Vichel, der Leiter der Rostocker Beratungsstelle, rechnet vor: "Das Land verdient jedes Jahr 145 Millionen Euro über Glücksspiel. Mit nur einem Prozent könnten die Glücksspielberatungsstellen so gefördert werden, wie es eigentlich mal vereinbart war." Wobei der tatsächliche Bedarf sogar deutlich höher sei.
*Namen von der Redaktion geändert