Menschen stehen in einer Reihe vor Bildschirmen und bedienen Tastaturen
AUDIO: Hand in Hand: Warum werden manche Menschen süchtig, andere nicht? (6 Min)

Warum Menschen süchtig werden: Ein Blick in die Forschung

Stand: 01.12.2025 10:52 Uhr

"Leben ohne Sucht" ist das Motto der NDR Benefizaktion "Hand in Hand für Norddeutschland". Während manche Menschen ein Leben lang mit einer Sucht kämpfen, scheinen andere immun zu sein. Wie erklärt das die Wissenschaft? Und welche Therapien können helfen?

Mit Sucht verbindet man meist die allgemein bekannten Süchte: Drogen, Alkohol oder Zigaretten. Aber es gibt auch zahlreiche sogenannte nicht-stoffgebundene Süchte: Mediensucht, Spielsucht, Kaufsucht oder auch Magersucht.

Warum werden manche Menschen süchtig und andere nicht - obwohl auch sie viel trinken, rauchen oder gerne Glücksspiele spielen? Zu dieser Frage liefert die Forschung noch keine endgültigen Antworten. Dass unsere Gene eine Rolle spielen, gilt als sicher. Aber auch welche Erfahrungen wir gemacht haben und wie es uns gerade geht, scheint unsere Suchtanfälligkeit zu beeinflussen. Jenny Witt aus der ARD Gesund-Redaktion hat sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt.

Ist es tatsächlich so, dass manche Menschen quasi immun gegen Sucht sind?

Jenny Witt: Es gibt auf jeden Fall Unterschiede - das sagen sowohl Suchtforschende, als auch die Ärztinnen und Ärzte, die Menschen mit Suchtproblemen behandeln. Vielleicht kennt man das aus dem eigenen Bekanntenkreis: Manche Menschen rauchen seit Jahren und trotzdem fällt es ihnen relativ leicht, mit dem Rauchen aufzuhören. Aber andere schaffen es einfach nicht, auch wenn sie es mehrmals versuchen.

Beim Alkohol zeigen sich auch einige interessante Unterschiede. Denn es gibt Menschen, die schon nach ganz wenig Wein oder Bierkonsum einen heftigen Kater bekommen. Oder Kopfschmerzen schon am selben Abend. Interessanterweise sind wohl gerade diese Menschen, die Alkohol schlecht vertragen, weniger suchtgefährdet. Das sagt zum Beispiel die Hamburger Suchtärztin Mandy Roy. Sie ist leitende Oberärztin in der Asklepios-Klinik Hamburg Nord-Ochsenzoll und ich habe mit ihr darüber gesprochen. Aber warum Menschen so unterschiedlich reagieren - das ist eine Frage, die sich die Forschung schon lange stellt.

diverse Tabletten liegen in einer geöffneten Hand

Die neue #NDRfragt-Umfrage zeigt: Fast ein Viertel der Befragten kennt keine Hilfsangebote für Suchterkrankte.

Die Gene spielen eine Rolle, richtig?

Witt: Das stimmt, auch wenn viele weitere Faktoren hinzukommen. Es sind mehrere Gene, nicht nur ein Sucht-Gen. Das ist ein Irrglaube. Und viele Studien haben gezeigt, dass man eine genetische Veranlagung zur Sucht vererben kann. Aber: Daraus muss dann keine Sucht entstehen. Da müssen oft andere Dinge hinzukommen, quasi als Auslöser.

Ein wichtiger Risikofaktor sind psychische Erkrankungen wie Depression, Angststörungen oder auch ADHS - das sagt der Suchtforscher Hans-Jürgen Rumpf vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Oder auch emotionale Probleme. Wenn der Kontakt mit anderen Menschen schwierig ist, dann flüchten manche zum Beispiel in die digitale Welt. Manche entwickeln dann vielleicht eine Mediensucht, kommen aus dieser Welt gar nicht mehr heraus.

Auch wenn wir mal viel Stress oder sogar Trauma erleben - oder erlebt haben - kann es uns anfälliger für Sucht machen. All diese Faktoren können die sogenannte "Ausprägung" unserer Gene verändern, das weiß die Forschung inzwischen. Und das kann dann unter Umständen ein Suchtverhalten auslösen, das bislang einfach in den Genen geschlummert hat.

Gibt es da nicht neue Einblicke aus der Hirnforschung - also Hinweise, wie man den Teufelskreis einer Sucht unterbrechen könnte?  

Witt: Ja, neue Erkenntnisse gibt es auf jeden Fall. An der Universität Genf hat zum Beispiel eine Forschungsgruppe vor Kurzem bestätigt, dass auch Mäuse - genau wie Menschen - ganz unterschiedlich auf Drogen reagieren.

Das waren genetisch identische Mäuse, muss man wissen. Und denen wurde Kokain gegeben. Einige wurden süchtig nach der Droge, aber andere nicht. Als man dann ihre Gehirnaktivität verglich, zeigte sich, dass die Synapsen der süchtigen Mäusen richtig überaktiv waren. Die schickten also abnormal viele und starke Signale durchs Gehirn. Und bei den Mäusen, die nicht süchtig wurden, hat das Team das nicht beobachtet. Aber eine Erklärung, warum das so ist - die hat auch diese Studie nicht geliefert, daran muss noch weiter geforscht werden.

eine Leuchttafel mit der Aufschrift "#Weil alle zählen"

Leben ohne Sucht - das ist das Thema der diesjährigen NDR Benefizaktion. Fragen und Antworten zum Partner der Aktion.

Lässt sich denn trotzdem etwas daraus ableiten, wie Menschen mit Suchtproblemen besser geholfen werden kann?

Witt: Ja und nein. Einerseits ist es natürlich wichtig, solche Prozesse zu verstehen. Wenn die Forschung auf überaktive Hirnstrukturen hinweist, dann könnte man vielleicht auch Medikamente entwickeln, die diese Regionen beruhigen. Oder die den Dopaminstrom dort einschränken. Suchtärzte hoffen natürlich, dass zukünftig neue Therapien auf den Markt kommen. Gerade, weil rund 80 Prozent der Patientinnen und Patienten in Therapie danach wieder zurück in die Sucht fallen. Eine sehr, sehr hohe Quote, sagt die Ärztin Mandy Roy.

Andererseits hat Sucht eben viele Ursachen. Nicht alle davon lassen sich mit Medikamenten behandeln. Insgesamt kommt die Forschung nur Schritt für Schritt voran. Jede Studie liefert eher ein wichtiges, wissenschaftliches Puzzleteil als den einen großen Durchbruch, aus dem dann eine Therapie wird.

Aber wie werden solche Patienten denn momentan behandelt, welche Ansätze haben sich bewährt?

Witt: Psychotherapie ist da ein ganz wichtiges Therapiewerkzeug. Gerade die Verhaltenstherapie kann oft helfen, und zwar sowohl bei der Abhängigkeit von Substanzen als auch bei verhaltensbasierten Süchten - also Glücksspiel- oder Onlinesucht. Bei den Patienten, die von Substanzen abhängig sind, gibt es außerdem schon bestimmte Medikamente, die die Behandlung unterstützen. Methadon zum Beispiel - das ist schon lange bekannt als ein Ersatzmittel für Heroin.

Und dann gibt es schon sogenannte Blocker wie Naltrexon. Die belegen bestimmte Rezeptoren im Gehirn, so dass die Reize von den Drogen nicht mehr durchkommen. Die verlieren dabei also an Wirkung. Aber wie gesagt: Trotz solcher Arzneimittel ist die Rückfallquote wirklich hoch. Also läuft die Suche nach Therapien weiter. Forschende tun ihr Bestes, um dieses Phänomen "Sucht" noch besser zu verstehen. Aber das sind weiterhin große Aufgaben für die Wissenschaft.

Das Interview führte Philipp Schmid.

"Leben ohne Sucht" das ist das Motto der NDR Benefizaktion "Hand in Hand für Norddeutschland", mit der wir die Projekte der Suchthilfe des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes unterstützen möchten. In den kommenden Tagen stellen wir Ihnen einige davon vor und viele weitere Infos und auch wie Sie spenden können finden Sie hier.

Hand in Hand für Norddeutschland

"Leben ohne Sucht": Das ist das Motto der diesjährigen Benefizaktion des NDR zusammen mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Der Morgen | 01.12.2025 | 08:10 Uhr

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