Mit abhängig? Was Freunde oder Familie von Suchtkranken tun können
Bei der Suchterkrankung einer nahestehenden Person leidet das Umfeld oft mit. Eine Expertin erklärt, wie Familie und Freunde besser helfen können - für ein "Leben ohne Sucht".
Manch einer kennt die Situation aus der eigenen Familie, Nachbarschaft oder aus dem Freundeskreis: Ein Mann, eine Frau oder auch ein Kollege trinkt eindeutig zu viel - nicht nur bei Feiern, sondern auch im Alltag. Oftmals leidet das Umfeld mit. Manchmal decken Angehörige sogar die Sucht und erfinden Geschichten, um das Verhalten zu erklären oder zu entschuldigen. Co-Abhängigkeit nennt sich das und es kann dazu führen, dass die Suchterkrankung ohne Konsequenzen und im schlimmsten Falle lange bestehen bleibt.
Immer das Gespräch suchen
Dominique Maibaum ist Sozialpädagogin und betriebliche Suchtkrankenhelferin in den Helios Kliniken in Schwerin. Sie rät Angehörigen von Suchterkrankten immer, das Gespräch zu suchen - ruhig und mit Ich-Botschaften. Dabei sollte dem Betroffenen Raum gegeben werden, sich zu öffnen und sich selbst zu reflektieren. Ziel sollte bei einem solchen Gespräch nicht die große Lösung sein. Vielmehr sei es für den Betroffenen schon ein großer Schritt, sich durch den Austausch das Problem einzugestehen, so Maibaum.
An Beratungsstellen wenden
Angehörige sollten außerdem, sobald es ihnen nicht mehr gut geht, sie unter der Situation leiden, sich auch selbst Hilfe holen, so die Expertin. Beratungsstellen, an die sich auch Angehörige wenden können, gibt es in jeder größeren Stadt und in den Landkreisen. Der Hausarzt könne ebenfalls ein Ansprechpartner sein.
Hilfe nicht aufzwingbar
Auch im Freundeskreis sei das Gespräch ein wichtiges Mittel. Dominique Maibaum sagt, wenn man als Freund das Gefühl hat, meinem Gegenüber geht es nicht gut, sollte man das respektvoll ansprechen. Hilfe sollte man anbieten, könne sie aber nicht aufzwingen. Der Wunsch danach müsse vom Betroffenen selbst kommen. Manchmal brauche das Zeit, so Maibaum.
Sucht mit Scham behaftet
Weil Sucht für alle Beteiligten mit Scham behaftet sein kann, empfiehlt Maibaum gerade dann, wenn der Zugang schwierig oder es zu aggressivem Verhalten kommt, Informationsangebote zur Hilfe zu nehmen. Sie können dem Betroffenen die Möglichkeit bieten, sein eigenes Verhalten zu reflektieren und zu hinterfragen. Es gibt laut der Expertin inzwischen ein sehr gutes Online-Angebot beispielsweise beim Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit.
"Je eher die Hilfe startet, desto besser"
Ansonsten kann der Weg zur Hilfe lang sein, oft würde er erst genommen, wenn der Druck sehr groß ist - der Partner sich beispielweise trennt oder der Führerschein entzogen wird. Um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, rät die Suchtkrankenhelferin gerade im vertrauten Familienkreis, schnell zu helfen und die Abhängigkeit eben nicht jahrelang zu decken. "Je eher die Hilfe startet, desto besser", so Maibaum.
Abstinenz ist ein langer Prozess
Wichtig sei aber auch, zu verstehen, dass die Abhängigkeit nicht mit einem Entzug erledigt ist, weiß die Expertin. Abstinenz sei ein langer Prozess. Betroffene müssten im Grunde ganz neue Verhaltensmuster lernen. 90 Tage müsse ein neues Verhalten wiederholt werden, bis es verankert ist, so Maibaum. "20 Jahre Sucht arbeite ich nicht in 14 Tagen auf." Um den Prozess zu begleiten, könnten aber auch Angehörige in die Therapie eingebunden werden.
Umdenken beim Thema Alkohol nötig
Ganz wichtig sei aus Sicht der Expertin aber auch ein generelles Umdenken gerade beim Thema Alkohol: Mecklenburg-Vorpommern ist nach einer Untersuchung der Barmer Krankenkasse das Bundesland, wo die meisten Menschen mit der Diagnose Alkoholsucht leben. Davon sind deutlich mehr Männer als Frauen betroffen. Es müsse dringend umgedacht und schon früh mit der Prävention angefangen werden - am besten, "bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist".