Migräne in SH: Mehr Behandlungen, mehr Betroffene?
In Schleswig-Holstein ist jeder Zehnte von Migräne betroffen. Die Zahl der ambulanten Behandlungsfälle steigt. Auch Krankschreibungen werden mehr. Warum das für Betroffene trotzdem eine gute Nachricht sein kann.
Nackenschmerzen, Verspannungen oder extreme Müdigkeit - wenn Ann-Kathryn Staniszewski das spürt, dann weiß sie, dass bald eine Migräneattacke beginnt. Es folgen pochende Schmerzen an der rechten Schläfe - manchmal zwei, manchmal bis zu 72 Stunden lang.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine neurologische Erkrankung mit wiederkehrenden heftigen Kopfschmerz-Attacken. Begleitet werden sie von weiteren Symptomen wie Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit und auch Sehstörungen.
Für die 28-Jährige aus Schenefeld (Kreis Pinneberg) ist aber nicht der Schmerz das Schlimmste. Seit ihrem vierten Lebensjahr setzt Migräne sie immer wieder außer Gefecht.
Ich bin dann häufig zu nicht mehr viel fähig. Ich brauche dann wirklich diesen dunklen Raum. Ich muss mich abschotten. Für mich ist das in der Hinsicht auch schwer, weil ich mein ganzes Leben um die Migräne bauen muss. Ann-Kathryn Staniszewski
Was passiert, wenn "Tante Maggie" zu Besuch ist
In letzter Zeit häufen sich die Migränetage, erzählt Ann-Kathryn. "Man verliert so ein bisschen die Freude am Leben, man verliert die Freude, irgendwas planen zu wollen, weil man weiß, man wird wieder enttäuscht." Auch für Familie und Freunde ist Ann-Kathryns Migräne eine Belastung.
Um ihrem Sohn besser zu erklären, was dann mit ihr passiert, hat sie der Krankheit einen Namen gegeben: Tante Maggie. Wenn sie zu Gast ist, sei Ann-Kathryn ein anderer Mensch, sagt ihre Freundin Tessa Hölzinger.
"Da ist sie in sich gekehrt, abweisend. Weil sie einfach gucken muss: Wie kann ich mich gerade um mich sorgen, damit meine Akutsituation besser wird?" Für Ann-Kathryn ist dieser Rückzug auch emotional belastend. "Man fühlt sich häufig alleine, weil man eben so desozialisiert ist", sagt sie.
Behandlungsfälle und Krankschreibungen steigen
Dabei ist in Schleswig-Holstein jeder Zehnte von Migräne betroffen. Eine aktuelle Auswertung der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) zeigt: Die Anzahl der ambulanten Behandlungsfälle wegen Migräne ist gestiegen. 2020 lag die Gesamtzahl bei 123.744, 2025 waren es 149.221. Das entspricht einer Zunahme um 20 Prozent. Einzelne Patientinnen und Patienten können dabei mehrfach gezählt werden.
Auch die Techniker Krankenkasse (TK) registriert mehr Arbeitsunfähigkeitsfälle wegen Migräne. 2020 entfielen in Schleswig-Holstein rechnerisch 1,7 Fälle auf jeweils 100 Versichertenjahre. 2024 waren es 3,92. Damit hat sich der Wert mehr als verdoppelt. Im Vergleich zu 2016 wurden zweieinhalbmal so viele Fälle dokumentiert.
Jeder Zehnte Schleswig-Holsteiner betroffen
Die Zahlen bedeuten allerdings nicht automatisch, dass heute deutlich mehr Menschen an Migräne leiden. In Schleswig-Holstein dürften rund 300.000 Menschen von Migräne pro Jahr betroffen sein, erklärt Professor Hartmut Göbel, ärztlicher Direktor der Schmerzklinik Kiel. Die Zahl ist eine Hochrechnung auf Grundlage repräsentativer Prävalenzdaten des Robert Koch-Instituts; eine eigene aktuelle epidemiologische Vollerhebung für Schleswig-Holstein gibt es demnach nicht.
Früher seien viele Betroffene wegen Kopfschmerzen nicht zum Arzt gegangen und hätten sich selbst behandelt, meist ohne Erfolg. "Heute mit zunehmendem Wissen, mit zunehmendem Bewusstsein gehen eben mehr zum Arzt", sagt Göbel. Betroffene bekommen dadurch eine Diagnose, die sich dann in den Statistiken wiederfindet.
Mehr Bewusstsein in der Gesellschaft
Hinter den steigenden Zahlen steckt deshalb auch eine gute Nachricht: Versorgungslücken werden kleiner. "Mehr Patientinnen und Patienten werden richtig diagnostiziert und bekommen spezifische Therapie", erläutert Göbel. Auch soziale Medien könnten dazu beitragen, dass Betroffene ihre Beschwerden erkennen und ärztliche Hilfe suchen.
Schleswig-Holstein spielt laut Göbel auch in der Migräneforschung eine große Rolle. Die Schmerzklinik betreut das internationale Regelwerk zur Diagnose und Klassifikation von Migräne und mehr als 360 weiteren Kopfschmerzformen. Dort wurde auch eine kostenlose Migräne-App entwickelt.
Migräne-App aus SH hilft
Mehr als 1,1 Millionen Mal wurde sie heruntergeladen. Betroffene können darin ihre Beschwerden und mögliche Auslöser dokumentieren und Informationen finden. Ein neues Modul bietet physiotherapeutische Übungen. Erste Forschungsdaten deuten darauf hin, dass diese die Behandlung von Migräne verbessern können.
Auch Ann-Kathryn nutzt die Migräne-App. Trotz all der Belastung bleibt sie positiv. Schmerzfreie Tage könne sie inzwischen besonders genießen, sagt sie:
Ich merke einfach, wie die Freude zurückkommt, wie ich alles anders genießen kann, alles intensiver für mich ist, schöner für mich ist. So Kleinigkeiten wie mit der Familie Abend zu essen. Ann-Kathryn Staniszewski
Sie hofft, dass Migräne in der Gesellschaft künftig noch stärker wahrgenommen wird - nicht als einfacher Kopfschmerz, sondern eben als neurologische Erkrankung mit all ihren Folgen.