Bahnübergänge: Neuer Höchststand bei Unfalltoten erwartet
An den knapp 16.000 Bahnübergängen im Netz der Deutschen Bahn gibt es immer wieder Tote und Verletzte. Auch im Norden gab es zuletzt schwere Unfälle. Die Bahn versucht die Zahl zu senken - bislang mit wenig Erfolg.
Der Bahnübergang Neumünster-Stoverseegen in Schleswig-Holstein sieht auf den ersten Blick unscheinbar aus: Eine wenig befahrene Straße, bewegliche Schranken sowie große rot-weiße Andreaskreuze und eine Lichtzeichenanlage warnen vor nahenden Zügen. Bahnübergänge wie diesen gibt es Tausende im Norden, jeden Tag passieren viele Autos die Schienen unversehrt.
Besonders an Bahnübergängen kommt es zu vielen Unfällen
Doch immer wieder kommt es an Bahnübergängen zu schweren Zusammenstößen mit Fahrzeugen oder Fußgängern. Im gesamten Zugverkehr sind sie die kritischen Stellen, an denen die meisten Unfälle passieren - oft mit tödlichen Folgen.
Und so traf es im Juni 2023 Murat C. am Bahnübergang in Neumünster: Sein Lieferwagen war mit einem Regionalexpress kollidiert. Der Zug schob das Fahrzeug mehrere Hundert Meter vor sich her, bevor er zum Stehen kam. Der 49-Jährige starb noch am Unfallort. Der Grund: menschliches Versagen.
2025: Mehr Tote und Schwerverletzte als in den beiden Vorjahren
Auch in diesem Jahr gab es deutschlandweit bereits mehr als 100 Unfälle. Viele davon waren schwer – die Zahl der Todesopfer und Verletzten liegt schon jetzt über den beiden Vorjahren. Das ergab eine Auswertung von Zahlen der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung (BEU) durch das NDR Datenteam und Panorama 3.
Die Deutsche Bahn zeigt sich betroffen: "Jeder Unfall, jeder Verletzte und auch jeder Tote ist einer zu viel. Wir werden uns nicht daran gewöhnen, dass solche Unfälle passieren", beteuert Bahnsprecher Achim Stauß. Dass insbesondere Bahnübergänge ein Unfallrisiko darstellen, ist der Deutschen Bahn bewusst.
Obwohl die Risiken bekannt sind, geht der Abbau von Bahnübergängen nur schleppend voran. Nach DB-Angaben ist ihre Zahl seit 2010 zwar um knapp ein Fünftel gesunken – doch die Zahl der Unfälle an beschrankten wie unbeschrankten Übergängen bleibt nahezu unverändert.
Ein Blick in die Vergangenheit verdeutlicht, wie viele Bahnübergänge bereits beseitigt wurden: Seit den 1950er-Jahren hat sich ihre Zahl etwa halbiert, vor allem durch Streckenstilllegungen und -verkäufe. Dadurch ist auch die Zahl der Unfallopfer deutlich gesunken. Seit rund zehn Jahren stagniert diese Entwicklung allerdings, zuletzt wurden pro Jahr nur noch wenige Dutzend Bahnübergänge abgebaut.
DB-Sprecher Stauß räumt aber ein, dass der Rückgang inzwischen stagniere. "Natürlich hat man in der Vergangenheit am ehesten die Bahnübergänge angefasst, die relativ einfach durch Brücken oder Tunnel zu ersetzen waren. Und jetzt kommen die schwereren Fälle, die auch schwieriger zu finanzieren sind", sagt Stauß im Interview mit dem NDR. Er sei aber zuversichtlich, dass die Bahn zusammen mit Bund, Ländern und Kommunen die Zahl der Bahnübergänge weiter reduzieren könne.
Durch Fehlverhalten auf der Straße passieren die meisten Unfälle
Schaut man auf die Unfallursachen, zeigt sich ein klares Bild: Die meisten Unfälle gehen auf das Fehlverhalten von Straßenverkehrsteilnehmern zurück. In rund 95 Prozent aller Fälle haben Fußgänger oder Fahrzeugführer Regeln missachtet. Fast die Hälfte ignorierte, dass der Schienenverkehr Vorrang hat, ein Viertel umfuhr sogar bereits geschlossene Halbschranken.
Immer wieder kommt es aber auch zu Versäumnissen von Schrankenwärtern und Bahnübergangsposten, die vor allem an Baustellen eingesetzt sind. So auch im Fall von Neumünster: Wegen Bauarbeiten war die Schranke außer Betrieb, der Übergang sollte manuell gesichert werden. Doch um 20.45 Uhr war die Sicherungskette offen: Murat C. fuhr auf die Gleise und kollidierte mit einem Regionalexpress. Der Mann, der den Übergang für die Bahn hätte sichern sollen, wurde mittlerweile wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Das Strafmaß ist im Berufungsverfahren allerdings noch strittig.
Der bundesweit in diesem Bereich führende Experte, Eric Schöne von der TU Dresden, kann an den bestehenden Bahnübergängen, "keine Verbesserungen der Sicherheit" erkennen. "Man sollte dort mehr Geld und Zeit hineinstecken, um generell mehr Bahnübergänge zu beseitigen - vor allem aber, um die Bahnübergänge zu beseitigen, die problematisch sind."
"Das ist einfach eine Frage der Zeit, bis der Mensch einen Fehler macht", sagt Eric Schöne über Bahnübergänge, die von Bahnmitarbeitenden gesichert werden. Der Verkehrsingenieur plädiert deshalb für mehr zusätzliche Sicherungstechnik, sogenannte Nachwarnsysteme, die bei menschlichem Versagen die Schranken automatisch schließen, wenn sich ein Zug nähert.