Smart Farming: Vogelschutz mit virtuellen Weidezäunen
Auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst in Mecklenburg-Vorpommern haben Forschende der Uni Göttingen zwei Jahre lang den Einsatz virtueller Zäune erprobt. Die sollen die zahlreichen am Boden brütenden Vögel besser schützen. Die Technik ist aber umstritten.
Säbelschnäbler, Rotschenkel, Kiebitze und Austernfischer - auf dem Darß leben viele Vogelarten, die auf dem Boden brüten und streng geschützt sind. Allerdings gibt es auf der Halbinsel an der Ostsee auch einen Ökohof mit 3.000 Rindern, die gern im feuchten Grünland grasen - genau dort, wo die Vögel ihre Nester bauen.
Ein Problem, denn die Rinder trampeln etliche Vogeleier kaputt. "Wenn 350 Jungrinder über so eine Fläche laufen, dann sind Trittschäden nicht zu vermeiden", sagt Landwirt Thomas Möhring. Er ist Produktionsleiter auf dem Ökohof Gut Darß und legt größten Wert darauf, dass seine Rinder an der frischen Luft auf der Weide grasen. Dort fühlten sie sich viel wohler als im Stall, sagt er.
Rinder wichtig für Lebensraum von Offenland-Vögeln
Auf den Weiden werden die Rinder tatsächlich auch gebraucht, erklärt Biologin Friederike Riesch von der Uni Göttingen: "Um die Landschaft offen zu halten und damit den Lebensraum für Offenland-Vögel zu erhalten." Auf der anderen Seite würden die Rinder eben Vogeleier zertreten und Nestlinge, die noch am Boden herumlaufen: "Das ist natürlich wiederum schlecht für die Vogelpopulation."
Weidetierhaltung und Vogelnesterschutz - beides gleichzeitig scheint kaum möglich zu sein. Theoretisch könnte Thomas Möhring um jedes Nest einen Drahtzaun ziehen. Das ist aber praktisch nicht machbar, sagt der Landwirt: "Für jede Auszäunung bräuchte ich ein separates Stromgerät, das den Zaun mit Strom versorgt. Und so kleine Auszäunungen werden zu 90 Prozent wieder überlaufen von den Rindern."
Virtuelle Zäune mit akustischem Signal
Die Lösung könnten virtuelle Zäune sein, die an der Uni Göttingen erforscht werden. Friederike Riesch braucht dafür nur ein Smartphone, eine spezielle App und ein Halsband für Rinder mit GPS-Funktion und einem kleinen Solarpanel als Stromquelle. In der App kann sie eine Karte öffnen und auf dem Bildschirm mit dem Finger die Zaungrenzen einzeichnen und festlegen. Dann kommt das GPS-Halsband ins Spiel, das jedes Rind in diesem System tragen muss. "Jedes Halsband hat eine Nummer für die Identifikation des Tieres. Die fügt man in der App ein und weist eine Fläche zu. Kommt das Tier der virtuellen Grenze näher, wird ein akustisches Signal abgespielt", erklärt Riesch.
Je höher der Ton, desto dichter ist das Rind an der Zaungrenze. Wenn es sich vom lauter werdenden Piepen nicht beeindrucken lässt und dem virtuellen Zaun zu nahe kommt, bekommt es über zwei Kontakte im Halsband einen milden Stromstoß. Die ultimative Aufforderung zum Umkehren, meint Riesch.
Für den Notfall ein milder Stromstoß
Der Stromstoß beim virtuellen Zaun sei von der Impulsstärke her in der Regel deutlich milder als das, was ein durchschnittlicher elektrischer Zaun abgebe, sagt Tierärztin Lisa Wilms, die die Experimente der Uni Göttingen auf dem Darß begleitet hat. Die kleinen Elektroschocks seien für die Tiere ungefährlich, betont sie. Davon ist auch Landwirt Thomas Möhring überzeugt: "Mit dem Ton wissen die Tiere sehr schnell, wann wirklich der elektrische Impuls kommt. Ich habe da keine Bedenken."
Allerdings brauchten die Agrarwissenschaftler der Uni Göttingen eine Ausnahmegenehmigung für ihr Forschungsprojekt, denn in Deutschland sind solche Systeme - anders als in den USA, Dänemark und Schweden - laut Tierschutzgesetz noch verboten. Der Deutsche Tierschutzbund befürchtet, dass es dadurch zu Verhaltensstörungen kommen könnte.
Wissenschaft: Rinder sind keinem Leid ausgesetzt
Dafür gebe es aber bislang keine Belege, betont Johannes Isselstein von der Uni Göttingen: "Die Verhaltensweisen der Tiere sind genauso wie bei einem normal physisch gezäunten System. Das Grase-Verhalten, das Liege-Verhalten, das Ruhe-Verhalten, der hormonelle Status - wir können keine Unterschiede feststellen zwischen einem traditionell physischen System und virtuellen Zäunen." Wissenschaftlich belastbar gebe es keine Hinweise darauf, dass die Tiere einem besonderen Leiden ausgesetzt wären.
Mit kleinen roten Tonscheiben hatten die Forscher die Vogelnester auf den Weiden simuliert und virtuell eingezäunte Flächen mit Weiden ohne Zäune verglichen. Inzwischen haben sie die Ergebnisse des zweijährigen Projekts ausgewertet. Demnach waren auf den nicht eingezäunten Flächen rund 15 Prozent aller Vogelnester unter die Hufe gekommen. Auf den virtuell eingezäunten Weiden gab es dagegen so gut wie keine Verluste.
Nachfrage aus der Landwirtschaft groß
Nun wollen die Wissenschaftler das System auch mit Wasserbüffeln in Brandenburg testen. Das Interesse und die Nachfrage aus der Landwirtschaft seien jedenfalls groß, betont Riesch. Auch, weil virtuelle Zäune vielseitig einsetzbar sind und unter anderem das immer wieder notwendige Versetzen von Zäunen deutlich einfacher machen können.
Zudem spart der Landwirt dadurch Reparaturkosten. Im Idealfall könnte das dazu führen, dass wieder mehr Tiere auf der Weide gehalten werden, hofft die Biologin: "Wenn man das verbinden würde mit einer Förderung für solche Maßnahmen, dann könnte das ein enormer Anstoß sein für die Landwirte, zusätzlich etwas für die Umwelt und die Natur zu tun."