Auf einem Ortsschild ist das Wort "Covid" durchgestrichen, ein Pfeil weist Richtung Pandemie. (Fotomontage)
AUDIO: Kommentar zur Corona-Politik: "Deutschland war für viele ein Vorbild" (4 Min)

Kommentar zu fünf Jahren Corona: Mehr Freiheit oder weniger Tote?

Stand: 28.01.2025 12:20 Uhr

Peter Mücke hat die Corona-Pandemie als ARD-Korrespondent in New York erlebt. Angesichts dort zunächst verharmlosender Aussagen der Stadtoberen und später Abertausenden Toten findet er, dass die Politik in Deutschland vieles richtig gemacht hat.

Die Corona-Zeit haben meine Familie und ich in den USA verbracht, in New York, einer Stadt, die als Epizentrum der Pandemie auch durch die deutschen Medien geisterte. Dort haben wir erlebt, was es heißt, wenn das Coronavirus unterschätzt wird und die Politik versagt.

Ein Präsident Trump, der davon spricht, es handle sich nur um eine Grippe; ein Bürgermeister und ein Gouverneur, die die Bevölkerung in Sicherheit wiegen, weil man ja das beste Gesundheitssystem auf diesem Planeten hier in New York habe und auffordern, man solle seinen Alltag einfach weiterleben. Die Konsequenz: zum Teil mehr als 800 Tote täglich in der Stadt, lange Reihen von Kühllastern vor den Kliniken, um die Leichenberge zu lagern; Menschen, die sterben, weil die überfüllten Krankenhäuser sie nicht mehr aufnehmen können. Ein Feldlazarett im Central Park, ein Lazarettschiff im Hafen und - viel zu spät - ein Total-Lockdown von fast einem Jahr.

Deutschland als leuchtendes Vorbild in den USA

Für Medien, Wissenschaftler und viele Bürger in den USA war zu dieser Zeit Deutschland ein leuchtendes Vorbild. Wissenschaftler mit ausgewogenen Einschätzungen; eine Politik, die darauf hörte und entschlossen handelte; Kliniken, die sich schnell auf die Herausforderungen einstellten mit dem Ergebnis, dass in Deutschland viel weniger Menschen sterben mussten als fast überall sonst auf der Welt.

Deshalb finde ich es irritierend, mit welcher Härte und Besserwisserei hierzulande inzwischen die Corona-Politik kritisiert wird. Natürlich hätten Bundes- und Landesregierungen auch eine Strategie mit weniger Einschränkungen für die Bevölkerung verfolgen können - kein Maskenzwang, weniger Ausgehverbote, keine 3G-Regeln. Darüber kann man, darüber sollte man auch reden. Aber dann nicht nur unter dem Aspekt Einschränkung der Bürgerrechte, sondern auch darüber, ob man bereit gewesen wäre, für ein Mehr an Freiheit auch mehr Tote in der Bevölkerung hinzunehmen. Und dass der lasche Umgang mit der Pandemie vor der zweiten Welle überhaupt erst zu vielen dieser beklagten Einschränkungen geführt hat.

Auf einem Ortsschild ist das Wort "Covid" durchgestrichen, ein Pfeil weist Richtung Pandemie. (Fotomontage)

Für die Politik gibt es viele Hausaufgaben. So müsse unter anderem das Infektionsschutzgesetz gründlich überarbeitet werden, meint NDR Info Wissenschaftsredakteurin Korinna Hennig.

Kinder Corona aussetzen oder Infektionsketten unterbrechen

Natürlich muss man über die langen Schulschließungen reden, die für viele Kinder und Jugendliche bis heute zum Teil schwere Folgen haben - aber dann mit dem Stand von damals, als plötzlich ein neues, unbekanntes Virus mit schwersten Infektionsverläufen und einer Sterblichkeit zehn bis 20 Mal höher als bei einer Grippe auftauchte. Da muss Politik abwägen: Kinder Corona aussetzen oder Infektionsketten unterbrechen, damit ein Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Mit den Kenntnissen von heute und der Möglichkeit einer Impfung fällt vielen das Urteil allzu leicht.

"Ein autoritärer Staat nutzte die Pandemie, um die Freiheit seiner Bürger einzuschränken": Selbst im Wahlkampf versuchen Parteien mit dieser Parole Stimmung zu machen. Für eine wie auch immer geartete Aufarbeitung der Corona-Zeit nach der Bundestagswahl macht das wenig Hoffnung auf mehr als ein politisches Tribunal ohne Erkenntnisgewinn. Dabei müsste es das Ziel sein, Lehren aus dieser Pandemie zu ziehen, um für das nächste Mal besser vorbereitet zu sein. Ich würde sogar sagen: noch besser. Denn im Großen und Ganzen ist in Deutschland vieles gut gelaufen. Vielleicht fällt dieses Urteil leichter, wenn man in einem anderen Land erlebt hat, wie schlecht Corona-Politik sein konnte.

Die neue Staffel des NDR Info Podcasts Coronavirus-Update widmet sich der Frage, wie gut wir vorbereitet sind auf eine mögliche neue Pandemie und welche Erreger das Potenzial dafür haben. Mit dabei: die Virologen Christian Drosten und Sandra Ciesek. Die neuen Folgen sind ab sofort immer dienstags in der ARD Audiothek verfügbar. 

Zweiteiliges Design mit topografischen Linien links und dem Schriftzug „11KM STORIES“ in Blau und Orange auf beigem Hintergrund rechts.

Gefangenentausch im August 2024: Der Deal mit Putin.

Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage)

Sandra Ciesek, Christian Drosten und andere Forschende erklären, was wir aus der Pandemie gelernt haben.

Der Virologe Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin.

In der neuen Staffel des Podcasts Coronavirus-Update geht es um die Frage, wie gut wir vorbereitet sind auf eine neue Seuche. Topkandidat: das Vogelgrippe-Virus H5N1.

Die Soziologin Jutta Allmendinger sitzt bei einer Veranstaltung auf einem Podium und spricht in ein Mikrofon.

Es seien viele Fehler in der Kommunikation der Corona-Maßnahmen gemacht worden, sagte die Soziologie-Professorin Jutta Allmendinger auf NDR Info.

Dr. Julia Fischer und Dr. Emanuel Wyler vor einem türkisen Hintergrund.

Was haben wir aus der Corona-Zeit gelernt? Mikrobiologe und Corona-Experte Dr. Emanuel Wyler beantwortet Eure Fragen.

Eine Passantin trägt eine FFP2-Maske in der Hand.

Der Umgang mit der Corona-Pandemie sorgt bis heute für Streit. Hätte bessere Kommunikation geholfen, Fehler zu vermeiden? 11KM sucht nach Antworten mit einer Frau, die in der Krise zum Anker für Viele wurde.

weggeworfener Mund-Nasen-Schutz auf einem Weg

Laut einer #NDRfragt-Umfrage findet knapp die Hälfte die Corona-Regeln rückblickend angemessen. Ähnlich vielen gingen sie zu weit.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 28.01.2025 | 07:52 Uhr

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