Schuldneratlas 2025: Mehr Menschen im Norden überschuldet
Überschuldung steigt 2025 wieder – auch im Norden. Nur Mecklenburg-Vorpommern trotzt dem Trend mit sinkenden Zahlen, zeigt der neue Schuldneratlas von Creditreform, den das NDR Datenteam ausgewertet hat.
Die Zahl der überschuldeten Verbaucherinnen und Verbraucher ist in den vergangenen sechs Jahren immer weiter gesunken - bis jetzt: In diesem Jahr kehrt sich der Trend um, die Überschuldung steigt bundesweit wieder an. Das zeigt der neue Schuldneratlas der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Bundesweit kamen in diesem Jahr 111.000 neue Überschuldungsfälle hinzu, 10.000 davon im Norden.
Mecklenburg-Vorpommern ist das einzige Bundesland mit positiver Entwicklung
Diese Zunahme zeigt sich in Norddeutschland trotzdem nur in Teilen. Mecklenburg-Vorpommern ist das einzige Bundesland, in dem die absoluten Überschuldungszahlen zurückgegangen sind. Insgesamt sind dort 1.000 Menschen weniger überschuldet als im Vorjahr.
In den anderen norddeutschen Bundesländern sind die Fallzahlen hingegen angestiegen. Trotzdem ist der der Anteil der überschuldeten Menschen zumindest in Hamburg und Schleswig-Holstein im Vergleich zum Vorjahr gesunken.
Als überschuldet gilt nach Angaben von Creditreform, wer dauerhaft Rechnungen nicht bezahlen kann, weil das Geld fehlt und Kredite nicht bewilligt werden. In Norddeutschland sind das gut eine Million Menschen.
Die Daten zeigen: Bremerhaven ist in ganz Deutschland mit einer Überschuldungsquote von 18,3 Prozent am stärksten betroffen. Auf Platz zwei und drei im Norden folgen Neumünster in Schleswig-Holstein (15,7 Prozent) sowie Wilhelmshaven (14,2 Prozent). Besonders in Städten ist damit die Überschuldungsquote in Norddeutschland hoch.
Unterschiedliche Überschuldung in Städten und auf dem Land
Rainer Bovelet ist Konjukturforscher und arbeitet seit Jahrzehnten am Schuldneratlas mit. Er führt die Stadt-Land-Differenz auf einen Mentalitätsunterschied zurück: "Auf dem Land stützt man sich finanziell tendenziell gegenseitig mehr und ist konservativer, was das Geld zusammenhalten angeht." Aber auch ländlichere Regionen wie Ostfriesland, viele der Landkreise im Umland von Hannover sowie der Kreis Dithmarschen in Schleswig-Holstein weisen vergleichsweise hohe Überschuldungsquoten auf.
Verbessert hat sich die Überschuldungslage im Norden vor allem in Mecklenburg-Vorpommern und entlang der niedersächsischen Nordseeküste. Obwohl gerade in Ostfriesland schon seit Jahren viele Menschen überschuldet sind, ist die Quote hier flächendeckend gesunken.
Im Westen Niedersachsens um Osnabrück und Cloppenburg, in vielen Landkreisen um Hannover sowie an der schleswig-holsteinischen Westküste hat die Überschuldung hingegen wieder zugenommen, ebenso wie in den meisten Kreisen in Gesamtdeutschland.
Finanzielle Rücklagen bei vielen Menschen aufgebraucht
"Die Nachwirkungen der Krisen werden jetzt sichtbar", sagt Bernd Bütow, Geschäftsführer von Creditreform. Die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg, steigende Energie-, Miet- und Lebensmittelpreise zeigen sich in diesem Jahr auch in der Entwickung der Überschuldung.
Die Folgen zeigen sich damit verzögert - in den vergangenen Jahren seien viele Menschen durch Sparen mit diesen Unsicherheiten umgegangen. Jetzt seien die finanziellen Puffer vieler Menschen schlicht aufgebraucht, sagt Patrick Hantzsch. Er leitet die Wirtschaftsforschung bei Creditreform.
Auch gutverdienende Menschen von Überschuldung betroffen
Besonders Menschen unter 30 und über 60 seien zunehmend von Überschuldung betroffen, sagt Hantzsch. Für junge Menschen führt er das vor allem auf sogenannte "Buy Now - Pay Later"-Angebote beim Online-Shopping zurück. Bei älteren Menschen sieht er die Gründe vor allem in niedrigen Renten und steigenden Lebenshaltungskosten.
Ein Warnsignal sei zudem, dass zunehmend auch gut verdienende Menschen von Überschuldung betroffen seien. Außerdem sei sowohl die "harte" als auch die "weiche" Überschuldung gestiegen. Harte Überschuldung bedeutet, dass die Verschuldung schon juristische Folgen durch beispielsweise Gerichtsverfahren hat. Dass beide Arten ansteigen, ist in den letzten zwanzig Jahren nur selten vorgekommen. Das deutet darauf hin, dass künftig noch mehr Menschen in die Überschuldung rutschen.