Rita Mangliers
AUDIO: So blickt eine Rentnerin auf die Rentenreform (4 Min)

Rentenreform: "Alles, was Rentnern gut tut, wird gestrichen"

Stand: 24.06.2026 08:21 Uhr

Die Rentenkommission hat Empfehlungen für eine umfassende Reform vorgelegt, die Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auch so umsetzen will. Die Hamburger Rentnerin Rita Mangliers befürchtet dadurch mehr Altersarmut.

von Sonja Puhl und Daniel Küthe

"Alles, was Rentnern gut tut, wird dann letztendlich gestrichen. Das geht mir tierisch auf den Keks", schimpft Rita Mangliers. Was sie besonders treffen wird, ist die Abschaffung von Minijobs: "Minijobs nur noch für Schüler - das geht überhaupt nicht." Denn um ihre kleine Netto-Rente von 1.200 Euro aufzubessern, arbeitet die 69-Jährige seit einem halben Jahr als Minijobberin in ihrem alten Beruf als zahnmedizinische Fachangestellte, erzählt sie NDR Info.

Da sei der Stundenlohn wenigstens etwas höher als in anderen Minijobs. Müsste sie darauf aber Abgaben zahlen, wäre das reine Beschäftigungstherapie.

Kanzler Merz und Arbeitsministerin Bas bei der Vorstellung des Berichts der Rentenkommission

Die Rentenkommission hat ihre Vorschläge präsentiert. Politik, Gewerkschaften und Verbände im Norden sind nicht mit allem glücklich.

"Lieber eine Kinokarte als Blumen"

Schon jetzt würde das Geld gerade mal so für den Lebensunterhalt reichen, Kino- oder Konzertbesuche wären selten bis gar nicht drin. Deshalb würde sie sich von ihren Töchtern auch nie Blumen oder Deko als Geschenk wünschen: "Ich möchte ein Netz mit Apfelsinen haben oder eine Kinokarte, Duschgel oder so was."

Seit drei Jahren ist sie Rentnerin. Ungerecht findet sie, dass es zu wenig Rabatte für Rentnerinnen und Rentner gebe: "Im Dönerladen hier gibt es Schüler-Döner von 13 bis 15 Uhr für fünf Euro. Da gehe ich mit meinem Rentenausweis rein und sage, ich hätte gerne einen Döner für fünf Euro. Da lacht er und sagt: 'Nee, das haben wir nur für Schüler.' Da fühle ich mich stark diskriminiert."

Fast 50 Jahre gearbeitet - Rente trotzdem sehr niedrig

Rita Mangliers
Jahrzehntelang hat Rita Mangliers gearbeitet - doch ihre gesetzliche Rente reicht heute kaum.

Vor 50 Jahren begann sie ihre Ausbildung als Zahnarzthelferin. Seitdem habe sie gearbeitet, in die Rentenkasse eingezahlt. Trotzdem würde ihre Rente so niedrig ausfallen, dass sie auf einen Zuverdienst angewiesen sei. Als gelernte Zahnarzthelferin habe sie in einem kleinen Betrieb gearbeitet, ohne Tarifvertrag: "Der Lohn war immer sehr klein", erzählt Mangliers.

Lange Zeit wenig in die Rentenkasse eingezahlt

Ihre beiden Kinder habe sie nicht gleich in den Kindergarten gegeben: "Ich wollte zwei, drei, vier Jahre mit ihnen zusammen sein, Und dann hab ich nebenbei abends für meinen ersten Mann noch Rechnungen geschrieben für die Firma." Kostenlos. Deshalb mache sie sich heute teilweise Vorwürfe. Auch ihr Mann habe als selbstständiger Kfz-Mechanikermeister zu wenig in die Rentenkasse eingezahlt, sodass die Witwenrente nach seinem Tod minimal sei.

Die letzten Jahre vor der Rente hatte sie ihre Arbeitszeit schrittweise bis auf 15 Stunden reduziert. "2021 hatte ich einen Herzinfarkt und fand mich auf der Intensivstation wieder. Da hab ich dann Rente eingereicht, weil es dann auch ging für langjährig Versicherte. Was ja auch wiederum gestrichen werden soll", sagt Mangliers.

Keine private Vorsorge - ein Versäumnis

Dass sie kein Eigentum und keine Ersparnisse habe, bedauert die Rentnerin und rät jungen Leuten dringend dazu, privat vorzusorgen: "Ich glaube, dass man sich nicht mehr auf das Rentensystem verlassen kann." Alle, die arbeiten, müssten einzahlen - auch Politiker und Beamte, findet sie. Eine Empfehlung der Rentenkommission lautet dann auch, den Kreis der Einzahler zu erweitern.

Wunsch nach einer Mindestrente von 2.000 Euro

Für sich und ihre Altersgenossinnen und Altersgenossen wünscht sich Mangliers eine Mindestrente: "Es sollte für jemanden, der durchgehend 45 Jahre gearbeitet hat, eine Rente von mindestens 2.000 Euro geben. Für die Leute, die im Hafen gearbeitet haben, auf die Dächer gestiegen oder in der Kanalisation runtergeklettert sind, für die ist das Müll, dass die jetzt so wenig Rente kriegen. So geht man nicht mit alten Leuten um."

Sozialverband warnt vor Altersarmut

Henriette Wunderlich, Sozialverband Deutschland
Niedrige Renten führen häufig zu Altersarmut, weiß Henriette Wunderlich vom Sozialverband Deutschland.

Wie Rita Mangliers geht es vielen Rentnerinnen und Rentnern in Deutschland, beklagt der Sozialverband Deutschland e.V. (SoVD). Referentin Henriette Wunderlich weist im Interview mit NDR Info auf "die extrem hohe Zahl verdeckter Altersarmut" hin. Viele Menschen mit niedrigen Renten hätten sogar eigentlich Anspruch auf Grundsicherung und würden den nicht wahrnehmen - teils aus Scham.

Frauen haben oft schlechter bezahlte Jobs

Ausschlaggebend für eine niedrige Rente sind Erwerbsbiografien wie die von Rita Mangliers. "Wenn ich wenig verdiene, weil ich eben in Teilzeit arbeite oder in einem Job, der schlecht bezahlt wird, wenn ich längere Erwerbsunterbrechungen habe, dann habe ich am Ende eben auch eine niedrigere Rente", sagt Wunderlich. "Und das ist häufig bei Frauen der Fall, die viel mehr Sorgearbeit übernehmen und traditionell leider in schlechter bezahlten Jobs unterwegs sind." Erkrankungen verschärfen das Problem.

Gesetzliche Rente sichert aktuell den Lebensstandard nicht

Ebenso spielen persönliche Entscheidungen innerhalb einer Partnerschaft eine Rolle: "Wer einen Partner oder eine Partnerin hat, die sehr viel verdient, zieht sich vielleicht aus dem Berufsleben zurück - und dann hält die Ehe oder die Partnerschaft nicht", warnt Wunderlich. Hauptkritik ihres Verbandes: "Die gesetzliche Rente ist dafür da, um den Lebensstandard zu sichern - und das tut sie aktuell nicht."

"Altersvorsorge an der Börse nicht kalkulierbar"

Damit das langfristig besser werden soll, ist ein weiterer Vorschlag der Rentenkommission, einen Teil der Rentenbeiträge am Aktienmarkt anzulegen. Diese beitragsfinanzierte Kapitalsäule orientiert sich am sogenannten schwedischen Modell. Der Sozialverband Deutschland kritisierte diese geplante Kapitalsäule allerdings, weil solche Erträge nicht kalkulierbar seien.

Kanzler Merz und Arbeitsministerin Bas bei der Vorstellung des Berichts der Rentenkommission

Die Rentenkommission hat ihre Vorschläge präsentiert. Politik, Gewerkschaften und Verbände im Norden sind nicht mit allem glücklich.

Rentnerin beim Putzen

Die Rentenkommission empfiehlt, dass von Abgaben befreite Minijobs nur noch für Schülerinnen und Schüler möglich sein sollen.

Albrecht von Lucke, Politikwissenschaftler

Der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke geht nicht davon aus, dass die Kommissionsvorschläge 1:1 umgesetzt werden. Wenn aber der Kern überlebe, sei es ein "neuer Schritt".

Ein Porträtbild der ARD-Hauptstadt-Korrespondentin Dagmar Pepping.

Dagmar Pepping meint, nun komme es darauf an, das Paket nicht wieder aufzuschnüren, denn es könne "das System der Altersabsicherung für die nächsten Jahrzehnte stabilisieren".

Kanzler Merz und Arbeitsministerin Bas bei der Vorstellung des Berichts der Rentenkommission
Empfehlungen von Kommission

Die Vorschläge der Rentenkommission sind offiziell - und die Bundesregierung will zügig handeln. Kanzler Merz und Arbeitsministerin Bas kündigten eine vollständige Umsetzung der Empfehlungen an.

Volker Geyer, dbb-Bundesvorsitzender

Beamte werden nach den Vorschlägen der Rentenkommission vorerst nicht pflichtversichert. Das sei auch richtig so, sagte Volker Geyer auf NDR Info.

Ein nachdenklicher älterer Mann vor einem Computer

Eine Säule der künftigen Rente soll demnach aus Aktien bestehen. Fragen und Antworten dazu aus unserer Wirtschaftsredaktion.

Rentnerin zählt Kleingeld

Viele Befragte bewerten die Vorschläge zur Rentenreform kritisch und machen sich Sorgen um Armut im Rentenalter.

Ein älteres Paar sitzt auf einer Parkbank.

Ab 2032 soll beispielsweise das Renteneintrittsalter schrittweise ansteigen - angepasst an die Lebenserwartung.

Der Politologe Thorsten Faas von der FU Berlin.

Wer breite Mehrheiten will, könne keinen großen Wurf von den Vorschlägen der Rentenkommission erwarten, sagte Thorsten Faas auf NDR Info.

Ein Jogger läuft neben einer Seniorin.

Demnach soll es ein späteres Renteneintrittsalter und mehr Beitragszahler geben. Auch die Zahl neuer Beamter soll reduziert werden.

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NDR Info | Aktuell | 24.06.2026 | 08:13 Uhr

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