Bombenfunde in Niedersachsen: Diese Orte trifft es oft
Immer noch werden im Norden viele Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Oft kommt es dadurch zu Evakuierungen und Sperrungen. Eine Datenanalyse zu Niedersachsen zeigt, welche Städte dort besonders betroffen sind.
Erst vor ein paar Tagen war es wieder so weit: Im Stadtgebiet von Uelzen gibt es den Verdacht auf einen Blindgänger. Die alte Fliegerbombe wurde Anfang Februar bei Bauarbeiten entdeckt. Die Stadt bereitet nun vorsorglich eine mögliche Evakuierung vor - im Ernstfall müssten mehrere Tausend Anwohner ihre Häuser verlassen.
Solche Einsätze gehören in Niedersachsen zum Alltag: Allein 2025 rückte der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KBD) mehr als 1.300 Mal aus, weil alte Munition gefunden wurde. Auswertungen des NDR Datenteams zeigen, wo in den vergangenen fünf Jahren Bomben geräumt und Menschen evakuiert werden mussten. Am stärksten betroffen ist Osnabrück: Dort gab es seit 2021 insgesamt 16 Räumungen. Im Schnitt musste dabei jeweils mehr als 8.000 Menschen ihre Wohnungen verlassen.
Auch in Göttingen und Hannover werden nach wie vor häufig Blindgänger entdeckt. Wie Osnabrück waren beide Städte im Zweiten Weltkrieg besonders oft Ziele von Luftangriffen der Alliierten. Auch in Ahlhorn und Wittmund werden regelmäßig alte Fliegerbomben gefunden.
Die Funde sind kein Zufall: Die Angriffe zielten meist auf Städte mit Rüstungsbetrieben, erklärt Marcus Rausch, stellvertretender Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Niedersachsen. Das trifft neben Osnabrück auch auf Hannover und Göttingen zu.
Bahngleise waren oft Ziel von Bombenangriffen
Noch etwas fällt auf: Viele der Fliegerbomben liegen in der Nähe von Bahnstrecken. In Osnabrück etwa wurde das Lokviertel massiv bombardiert. Dort mussten zuletzt immer wieder Tausende Menschen ihre Wohnungen verlassen, damit weitere Blindgänger beseitigt werden konnten. "Das war ein riesengroßer Umschlagplatz für Rüstungsgüter, weil es ein großer Verschiebebahnhof gewesen ist", sagt Rausch.
Neben den Großstädten sind vor allem Orte mit großen Flugplätzen - wie Wittmund oder Ahlhorn - oder auch Orte mit großen Stahlwerken oder anderen Industriebetrieben betroffen. Klar ist aber auch: "Dort, wo viel gebaut wird, wird auch viel gefunden", so Rausch. Kampfmittel tauchen entweder bei gezielten Suchen nach einer entsprechenden Luftbildauswertung auf oder werden zufällig auf Baustellen entdeckt.
Alte Luftbilder liefern die Hinweise auf Blindgänger
Soll an einem Ort gebaut werden, kann als Auflage für die Baugenehmigung verlangt werden, vorher eine Luftbildauswertung des Grundstückes zu machen, um mögliche Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg zu finden. Auch das ist Aufgabe des Kampfmittelbeseitigungsdienstes. Die Menge an Kampfmitteln, die sie finden, steigt seit Jahren. 2024 waren es mehr als 220 Tonnen. Laut Experte Rausch könnte ein möglicher Grund die leicht angezogene Baukonjunktur sein.
Die Luftbilder stammen noch aus dem Zweiten Weltkrieg. Eigentlich haben die Alliierten die Fotos nach Bombenangriffen aufgenommen, um festzustellen, ob sie ihre Ziele getroffen haben. Die Luftbildauswerter suchen darauf nach kleinen Einschlagskratern von etwa ein bis anderthalb Metern Durchmesser. Explodierte Bomben erzeugen deutlich größere Krater, ein kleiner Einschlag kann auf einen nicht explodierten Blindgänger hindeuten.
Entschärfen oder sprengen: eine Entscheidung des Sprengmeisters
Ist das der Fall, gibt es genauere Untersuchungen - ohne den möglichen Blindgänger freizulegen. Erhärtet sich der Verdacht, muss ein Sicherheitsradius und ein Termin festgelegt werden. Alle Menschen, die innerhalb dieses Bereichs wohnen, müssen ihre Häuser verlassen. Erst dann beginnen die Arbeiten: Die Mitarbeiter des KBD legen die Bombe frei und identifizieren sie.
Der Sprengmeister vor Ort entscheidet dann, was als nächstes geschieht: Versucht er, die Bombe händisch zu entschärfen? Kann man sie aus der Ferne mit einem Wasserstrahlschneidegerät unschädlich machen? Oder muss sie vor Ort gesprengt werden? "Das ist immer eine Abwägung verschiedener Faktoren in der Situation, und den entsprechenden Gefahren für Leben und Gesundheit von jedem einzelnen von uns, der da dabei ist", sagt Rausch. Häufig könne der Fund einfach abtransportiert werden, oft genug brauche es aber auch eine Evakuierung.
Jeden Tag in Niedersachsen unterwegs
Nicht bei allen Einsätzen des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD) geht es aber um große Fliegerbomben. "Wir sind tatsächlich jeden Tag mehrfach in ganz Niedersachsen unterwegs, inklusive der Inseln, dazu zählt auch die 12-Seemeilenzone", sagt Rausch. Man kümmere sich um sämtliche Munition - um Fliegerbomben, aber auch um Minen und Torpedos, so der Experte.
Häufiger geworden sind vor allem in den vergangenen Jahren Funde in der Nordsee. Kleinere werden oft von Wanderern im Watt gefunden. Größere Granaten werden häufig im Rahmen von Trassen-Bauarbeiten entdeckt, um Stromleitungen von den Offshore-Windparks zur Küste zu bauen.