Psychotherapie: Der Nordosten ist besonders schlecht versorgt
Die Krankenkassen wollen ihre Ausgaben für Psychotherapeuten senken. Im Gespräch sind Honorarkürzungen, beschlossen ist bereits eine Deckelung des Topfes für Therapiebehandlungen.
Seit Juli atmen ambulante Psychotherapeuten und -therapeutinnen zumindest wieder ein wenig auf. Die im April beschlossene Kürzung ihrer Honorare um 4,5 Prozent für die Behandlung von Kassenpatienten ist vorerst vom Tisch. Das hatte das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg im Eilverfahren entschieden. Der Grund: Zweifel an der Berechnungsgrundlage der gesetzlichen Krankenkassen. Die Aussetzung bleibt so lange in Kraft, bis das Gericht über die Rechtmäßigkeit der Honorarkürzung ein Urteil fällt.
Die Krankenkassen hatten die geringere Vergütung damit begründet, dass die Honorare für Psychotherapeuten in den vergangenen Jahren im Vergleich zu anderen Arztgruppen unangemesssen gestiegen seien. "Obwohl die Anzahl der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten stetig steigt und sich die Leistungsmenge ausweitet, ist keine verbesserte Versorgung verbunden mit verkürzten Wartezeiten zu erkennen", kritisierte der Spitzenverband der gesetzlichen Kankenversicherungen (GKV).
Tatsächlich zeigen Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dass die Zahl der ambulanten Psychotherapeuten seit 2016 stetig zugenommen hat: von rund 30.000 auf rund 42.000, also 40 Prozent mehr. Die reine Zahl führt aber in die Irre. Denn viele Therapeuten und Therapeutinnen arbeiten in Teilzeit.
Wenn man die Zahlen auf volle Stellen umrechnet und die leicht gestiegene Einwohnerzahl berücksichtigt, dann sind es sieben Prozent mehr Psychotherapeuten-Vollzeitstellen. So wurden mehr Behandlungen ermöglicht als noch vor zehn Jahren. Doch das Angebot deckt bei weitem nicht den Bedarf ab. Auch deshalb, weil die Anzahl der Kassensitze begrenzt ist, also der Praxen, die Kassenpatienten behandeln dürfen.
Nicht mehr psychisch Erkrankte, aber mehr Nachfrage
Schätzungsweise knapp 18 Millionen Erwachsene sind jedes Jahr von einer psychischen Erkrankung betroffen, also etwa jeder Vierte. Am häufigsten verbreitet sind Angststörungen, Depressionen sowie Alkohol- und Medikamentensucht. Doch nur knapp 19 Prozent der Erkrankten holen sich professionelle Hilfe.
Zwar weisen große Krankenkassen darauf hin, dass die Zahl der Fehltage durch psychische Erkrankungen tendenziell zunimmt. Es gebe aber keine eindeutigen Belege dafür, dass immer mehr Menschen erkranken, erklärt der Psychiater und Psychotherapeut Hauke Wiegand, Vorstandsmitglied im deutschen Netzwerk Versorgungsforschung.
Was aber steige, sei ganz klar die Nachfrage. "Das Angebot wurde ausgeweitet. Dementsprechend steigt auch die Inanspruchnahme. Und dann ist es auch so, dass wir bei einem Teil der psychischen Erkrankung ja auch tatsächlich erfolgreich waren, was die Entstigmatisierung angeht. Menschen sind viel eher bereit, darüber zu reden."
Mecklenburg-Vorpommern ist Schlusslicht im Norden
Die Wartezeit zwischen Erstgespräch und Therapiebeginn beträgt aktuell im Schnitt fünf Monate. Wie lange psychisch Erkrankte auf einen Therapieplatz warten, hängt dabei stark von ihrem Wohnort ab. In der Stadt sind es in der Regel etwa zwei Monate, in ländlichen Regionen dagegen oft ein halbes Jahr.
Für den Norden heißt das: Die Stadtstaaten Hamburg und Bremen sind deutlich besser versorgt als der Bundesdurchschnitt, die ländlicheren Bundesländer Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern deutlich schlechter. Das ergibt eine Analyse des NDR Datenteams anhand von Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.
Die Auswertung zeigt: Die Versorgung hat sich seit 2015 nahezu überall in Deutschland verbessert. Mecklenburg-Vorpommern schneidet nach Brandenburg aktuell aber bundesweit am schlechtesten ab. Dort kommt ein Psychotherapeut rein rechnerisch auf 4.667 Einwohner. Das ist rund ein Drittel mehr Menschen als im Bundesdurchschnitt (3.279). Auch Schleswig-Holstein ist im roten Bereich. Dort muss ein Psychotherapeut ein Viertel mehr Einwohner versorgen als im Bundesdurchschnitt. Zum Vergleich: In Hamburg ist ein Psychotherapeut rechnerisch Anlaufstelle für knapp 1.900 Einwohner. Damit ist die Hansestadt nach Berlin aktuell am besten versorgt.
Ein Blick auf die Versorgung pro Kreisebene verdeutlicht diesen Befund. Mit 14 Psychotherapeuten und -therapeutinnen pro 100.000 Einwohner weist Nordwestmecklenburg den schlechtesten Wert auf, Bremen mit knapp 55 den besten. In den meisten Landkreisen in Schleswig-Holstein sind weniger als 20 Psychotherapeuten und -therapeutinnen für 100.000 Einwohner da, in einigen ländlichen Regionen in Niedersachsen immerhin zwischen 21 und 30.
Schwer Erkrankte finden kaum Zugang zum System
2017 wurde die psychotherapeutische Sprechstunde eingeführt. Damit sollten Psychotherapeuten und -therapeutinnen in einem zeitnahen Gespräch mit Patienten ausloten, wer tatsächlich eine Therapie wie dringend braucht - und wer etwa an eine Beratungsstelle weiter verwiesen werden kann. "Ein absolutes Erfolgsmodell", sagt Cornelia Metge, Vizepräsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer, "weil es eben eine Steuerung der Versorgung erst möglich gemacht hat." Weniger als die Hälfte der Patienten, die diese Sprechstunde aufsuchten, beginnen eine Therapie, begründet Metge.
Versorgungsforscher bemängeln jedoch, dass schwer Erkankte nach wie vor kaum Zugang zur Psychotherapie bekommen. Hauke Wiegand begründet dies so: "Wie das System aktuell strukturiert ist, ist es so, dass die Patienten da hinterher sein müssen, dass sie ganz viele Telefongespräche führen müssen. Man muss vielfach 30, 40 Psychotherapeuten vielfach anrufen, um Vorgesprächstermine zu bekommen. Und das ist aber natürlich ein Selektionsmechanismus, durch den diejenigen, die die Kraft und Energie und das Durchhaltevermögen haben, selektiert werden."
Kinder und Jugendliche warten im Schnitt 28 Wochen auf Therapie
Auch Kinder und Jugendliche warten im Schnitt besonders lange auf einen Therapieplatz. Dabei zeigen aktuelle Studienergebnisse, dass ein beträchtlicher Teil junger Menschen psychisch belastet sind. Nach der jüngsten bundesweiten COPSY-Erhebung traf dies im Herbst 2025 auf knapp ein Viertel der 7- bis 23-Jährigen zu. Auch das Deutsche Schulbarometer kam auf einen ähnlichen Wert. Demnach zeigte ein Viertel aller 8- bis 17-jährigen Schüler und Schülerinnen Hinweise auf ein hohes psychisches Belastungserleben.
Am häufigsten sind bei Kindern und Jugendlichen Angststörungen, Depressionen oder bei Mädchen Essstörungen, berichtet Cornelia Metge, die auch Kinder- und Jugendpsychotherapeutin ist: "In der Corona-Pandemie sind erst die Belastungen, dann die Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen nochmal sprunghaft angestiegen und sind dann auf ein System gekommen, was ohnehin schon überlastet war. Und das hat dazu geführt, dass eben diese Wartezeiten sich nochmal auf 28 Wochen aufsummiert haben. Das ist ein halbes Jahr", berichtet Megte. "Und wenn man überlegt, wie viel Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen in einem halben Jahr vorangeht, ist das ein Zustand, der so nicht haltbar ist."
Bisher ist nur vorgeschrieben, dass mindestens 20 Prozent der niedergelassenen Psychotherapeuten in einem Gebiet Kinder und Jugendliche behandeln sollen. "Das berücksichtigt aber nicht, wie ist der Bedarf vor Ort, wie viele Kinder und Jugendliche leben in diesem Gebiet und wie ist die Krankheitslast dort in dieser Region", erklärt Metge. Berufsverbände fordern deshalb mehr Kassensitze für Kinder und Jugendliche, vor allem auf dem Land. Auch deshalb, weil Minderjährige mobil eingeschränkt sind und häufig nicht alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Therapie fahren können.
Experten fordern zentrale Vermittlung von Patienten
Ob mehr Kassensitze die Versorgung bei Erwachsenen auch verbessern würde? Hier gehen die Meinungen auseinander. Einige Experten setzen auf eine bessere Steuerung des Bedarfs. Hauke Wiegand, Vorstand im Deutschen Netzwerks Versorgungsforschung, verweist auf das Modell "Recover", das ein paar Jahre lange am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf erprobt wurde: "Die haben dort so eine Erstanlaufstelle eingeführt, die dann wirklich eine gestufte Versorgung vermittelt hat."
Menschen mit leichten psychischen Erkrankungen wurden von Hausärzten und mit Hilfe von digitalen Gesundheitsanwendungen wie Apps behandelt, mittelschwer Erkrankte bekamen Gruppen- und schwer Erkrankte Einzeltherapie. "Dort hat sich gezeigt, dass das vor allem auch fehlt", sagt Wiegand. "Dass es also für die Patienten sehr belastend ist, eben diese Organisation der Behandlung selber in die Hand nehmen zu müssen. Und die Patienten haben oft ja auch gar nicht so viele Informationen, wie das Versorgungssystem eigentlich funktioniert".
Gerade digitale Anwendungen werden immer wieder zur Lösung des Engpasses disktutiert. Auch Tele-Therapie, die bereits in der Corona-Pandemie bei leichten oder mittelschweren Erkrankungen genutzt wurde, halten Experten für einen wichtigen Baustein, um Wartezeiten auf dem Land zu verkürzen. Außerdem könnten Gruppentherapien Kapazitäten schaffen - und möglicherweise die Ausgaben senken. Derzeit finden in Deutschland 97 Prozent der ambulanten psychotherapeutischen Behandlungen im Einzelsetting statt.
Laut Hauke Wiegand wird aber ein Bereich in der Debatte oft vergessen: "Wo wir nicht gut aufgestellt sind, ist die Prävention." Die sei oft bei den Krankenkassen angesiedet, mit Yoga-Programmen oder Achtsamkeitskursen. "Doch dort, wo es eigentlich Prävention bräuchte, nämlich in den Schulen, in den Kindergärten, in sozial benachteiligten Regionen, findet sie nicht statt. Und da gibt es ein riesengroßes Potenzial, die Krankheitslast zu lindern".
Prognose: Weniger Plätze für Kassenpatienten bei steigendem Bedarf
Nach einer aktuellen Prognose des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung wird die Nachfrage nach einer ambulanten Versorgung bis 2030 um 23 Prozent ansteigen. Gleichzeitig warnen Berufsverbände und Fachleute davor, dass kurz- und mittelfristig weniger Therapieplätze für Kassenpatienten angeboten werden könnten.
Denn neben der Honorarkürzungen für Psychotherapeuten sieht das im Juli beschlossene Gesetz zur Stabilisierung des Krankenkassenbeitrags vor, dass die Ausgaben für ambulante Psychotherapie nun begrenzt werden. Das heißt: Der Topf, aus dem die Therapiebehandlungen bezahlt werden, wird gedeckelt. Nach aktuellem Stand treten diese Änderungen Anfang 2027 in Kraft. Ausnahmen für die Versorgung von Kinder- und Jugendlichen sollen noch im Herbst 2026 verabschiedet werden.