Radverkehr in Hamburg: Großes Ziel, wenig Strecke
Auf einen Kilometer Straße kommen in Hamburg keine 400 Meter Radweg. Das Fahrrad soll jedoch bis Ende des Jahrzehnts eines der wichtigsten Verkehrsmittel in der Hansestadt sein – wie kann das gelingen? Eine Analyse des NDR-Datenteams.
Bis 2030 sollen in Hamburg 80 Prozent aller Wege klimafreundlich zurückgelegt werden – zu Fuß, mit den Öffentlichen oder per Rad. Das hat der Hamburger Senat vor zwei Jahren entschieden. Doch wie steht es um die Radwege in Hamburg, die zu diesem Ziel beitragen müssen?
Die Bilanz bisher: Laut Hamburger Verkehrsbehörde wurden in den letzten fünf Jahren jeweils ca. 60 Kilometer Radwege neu gebaut oder grundlegend erneuert. Laut Dirk Lau vom ADFC Hamburg ist dabei die Qualität ein größeres Problem als das Ausmaß: "Wenn die 65 Kilometer wirklich qualitativ hochwertig wären, wären wir zufrieden. Aber das ist nicht gegeben."
Die neugebauten und sanierten Wege sind nur ein Bruchteil der etwa 1.500 Kilometer Radwege in der Hansestadt. Im Vergleich: Für Autos gibt es gut 4.000 Kilometer. Auf einen Kilometer Straße kommen also keine 400 Meter Radweg. Allerdings gilt auf der Hälfte der Straßen Tempo 30 und Fahrräder dürfen sich unter die Autofahrer mischen.
Flickenteppich Deutschland: Wo sind die Radwege?
Dass es in Hamburg detaillierte Daten zu Radwegen gibt, ist eher die Ausnahme als die Regel. Gerade für den ländlichen Raum gibt es kaum einheitliche Daten. Der ADFC sieht darin ein Problem, weil nicht klar ist, wo Radwege fehlen und wirklich gebaut werden müssen.
Das Bundesverkehrsministerium hat lediglich Zahlen, wie viele Bundes-, Landes- und Kreisstraßen über Radwege verfügen. In Hamburg gehören nicht einmal drei Prozent der Straßen zu dieser überregionalen Kategorie - die Zahlen sagen also fast nichts darüber aus, wie gut man innerhalb eines Orts vorankommt. Allerdings geben sie zumindest einen Hinweis darauf, wie gut man mit dem Rad von Ort zu Ort kommt - etwa aus dem Dorf in die nächste Stadt.
Der Norden schneidet dabei im Vergleich am besten ab: In Niedersachsen und Schleswig-Holstein kann man immerhin an gut der Hälfte der überregionalen Straßen mit dem Rad fahren. In Mecklenburg-Vorpommern ist es immerhin noch fast jede dritte Straße - das Bundesland liegt damit sogar vor Bayern. Besonders wenige Radwege gibt es im hügeligen Rheinland-Pfalz und in Sachsen-Anhalt. Gerade einmal zehn Prozent der Bundes-, Landes- und Kreisstraßen werden hier von einem Radweg begleitet.
Es kommt nicht nur auf die Länge der Radwege an
Durchgehende Radwege, die von der Straße getrennt sind, können die wahrgenommene Sicherheit erhöhen und zu mehr Radverkehr beitragen. An vielen Stellen sei eine bauliche Trennung aber nicht möglich, sagt Philine Gaffron vom Thinktank Agora Verkehrswende. Wenn sich Fahrräder und Autos eine Straße teilen, trage laut Gaffron allerdings ein Tempolimit von 30 km/h viel zur Sicherheit bei.
Besonders gefährlich sind die Übergänge von Radwegen zu Straßen und Kreuzungen. Christoph Haferburg von der Universität Hamburg hat das im Projekt BikeAccessCheck für die Hansestadt untersucht: "Wo Radwege in den Mischverkehr einmünden, steigt die Unfallhäufigkeit signifikant." So können schlecht einsehbare Radwege sogar gefährlicher sein als breite, übersichtliche Fahrradstreifen direkt an der Straße, bei denen die Radfahrer an Kreuzungen vor den Autos warten können.
Ausbau der Radwege: Das "Wie" ist politisch umstritten
Mobilitätsforscher Haferburg kritisiert die Hamburger Politik, der der Wille für eine zukunftstaugliche Verkehrswende fehle und die lieber an bestehenden Parkplätzen festhalte: "Es wird noch nicht einmal der Bedarf anerkannt, die Infrastruktur entsprechend der bisher schon gestiegenen Nachfrage auszubauen."
Auch die CDU-Bürgerschaftsfraktion in der Opposition hat Probleme mit der aktuellen Verkehrspolitik - allerdings aus der Sicht von Autofahrern. So wirft die CDU dem Senat vor, den Autoverkehr bewusst unattraktiv gestalten zu wollen und sieht in Hamburg keine Fahrradstadt. Stattdessen solle der ÖPNV stärker ausgebaut werden.
Die Hamburger Verkehrsbehörde betont, dass aktuell viel mehr als früher für Radfahrer gemacht werde. Es würden nicht nur deutlich mehr Radwege gebaut und erneuert als vor einem Jahrzehnt. Es werde auch stärker darauf geachtet, dass sich Radfahrer auf den Wegen sicher fühlen können, etwa durch bessere Markierungen und Kreuzungen. Außerdem werde, wo möglich, der Rad- und Autoverkehr getrennt.