Welt-Sepsis-Tag: Wie eine Betroffene aus SH Leben retten will
Iljana Schmitz entkam nur knapp der Sepsis. Zum Welt-Sepsis-Tag am 13. September klärt sie zusammen mit Pferd Sueño über die leise Gefahr auf. Seit Jahresbeginn gibt es deutschlandweit neue Präventivmaßnahmen.
Ein weißes Pferd trottet ruhig durch Hemdingen (Kreis Pinneberg). An den Beinen leuchten gelbe Reflektoren, auf dem Rücken von Sueño sitzt Iljana Schmitz aus Lägerdorf (Kreis Steinburg) mit einer Fahne in der Hand, auf der "Sepsis muss Allgemeinwissen werden!" steht. Anlässlich des Welt-Sepsis-Tages am kommenden Sonntag sucht die junge Frau das Gespräch mit Passanten.
Es ist für sie eine Herzensangelegenheit: Vor zwei Jahren erkrankte sie an einer Infektion im Gesicht. Vier Ärzte schickten sie mit dem Verdacht auf eine harmlose Grippe nach Hause. Doch Schmitz spürte, dass etwas nicht stimmt. Das Gefühl von Kranksein sei ganz anders gewesen, als sie es von früher gekannt habe, erinnert sie sich. Ein Satz, den sie Monate zuvor beiläufig gehört hat - dass ein ungewohntes Grippegefühl ein Notfall sein kann -, rettete ihr schließlich das Leben. Sie fuhr in die Notaufnahme, wo der Ernst der Lage erkannt und eine Sepsis gerade noch verhindert wurde.
Fehlende Diagnose und Dokumentation
Dass eine Sepsis im Alltag oft unbemerkt bleibt, bestätigt auch das "Deutsche Qualitätsbündnis Sepsis". Dessen Zahlen zeigen auch: Jährlich erkranken in Deutschland rund 240.000 Menschen an der Krankheit. Auf Schleswig-Holstein heruntergebrochen entspricht das geschätzt 8.500 Fällen pro Jahr.
Exakte Daten zu der Anzahl an Krankheitsfällen und der Sterblichkeit fehlen allerdings, weil die Überreaktion des Immunsystems immer aus einer anderen Infektion heraus entsteht und in den Krankenakten oft gar nicht als Sepsis auftaucht.
Kleine Infektion - große Gefahr
Besonders gefährdet sind Säuglinge, ältere Menschen und diejenigen, die eine Vorerkrankung wie Diabetes haben. Aber auch eine kleine Infektion wie ein entzündeter Pickel oder ein Schnitt können zu einer Sepsis führen - bei jedem Menschen.
Dabei verläuft die Erkrankung häufig tödlich: Beim sogenannten septischen Schock, also der schwersten Stufe einer Sepsis, sterben mehr als 40 Prozent der Patienten, erklärt Dr. Marcel Hochreiter, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin am Westküstenklinikum (WKK) in Heide (Kreis Dithmarschen).
Neue Standards für mehr Sicherheit in den Kliniken
Um solche Tragödien zu verhindern, gelten seit Jahresbeginn deutschlandweit neue Regeln des Gemeinsamen Bundesausschusses: Krankenhäuser sind nun zu regelmäßigen Personalschulungen und festen Therapiestandards verpflichtet. Im WKK Heide gehört das bereits seit mehr als zehn Jahren zum medizinischen Alltag.
Damit sollen zum einen Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte sicherer darin werden, eine Sepsis zu erkennen, zum anderen sollen sie lernen, zu verhindern, dass sich eine Sepsis während des Krankenhausaufenthaltes bildet. Häufigste Ursache der Erkrankung ist eine Lungenentzündung, erzählt der Chefarzt, die gerade bei alten Menschen häufig im Krankenhaus behandelt wurde.
Bei einer aktuellen Fortbildung zur "Prävention ZVK-assoziierter Infektionen" demonstriert Hygienefachkraft Christina Walther den 14 Teilnehmenden an einer Übungspuppe den keimfreien Verbandswechsel an Kathetern. Jeder Handgriff müsse exakt sitzen, damit gefährliche Keime erst gar nicht über die Zugänge in die Blutbahn gelangen - und dann eine potenziell tödliche Infektion auslösen können.
Was tun bei Verdacht auf Sepsis?
- Symptome ernst nehmen: Ein nie gekanntes, extrem starkes Krankheitsgefühl, Schüttelfrost oder plötzliches Fieber sind ernstzunehmende Warnzeichen.
- Aktiv nachfragen: In der Arztpraxis oder im Krankenhaus direkt das entscheidende Wort ansprechen: "Könnte es eine Sepsis sein?"
- Notruf 112 wählen: Bei schwerer Atemnot, Verwirrtheit oder extremem Blutdruckabfall sofort den Rettungsdienst rufen. Eine Sepsis ist ein Notfall wie ein Herzinfarkt. Bei Unsicherheit hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117.
Mit Wissen Leben retten
In Hemdingen (Kreis Pinneberg) hält Iljana Schmitz kurz an und verteilt Lesezeichen mit Informationen zum Thema Sepsis an neugierige Spaziergänger. Über ihr Pferd komme sie ganz leicht mit den Menschen ins Gespräch, erzählt sie.
Warum sie diese "Awareness-Ritte" mache? Sie selbst habe noch mit den Spätfolgen ihrer Infektion zu kämpfen, habe seitdem zum Beispiel Erinnerungsschwierigkeiten. Und trotzdem sei sie voller Dankbarkeit darüber, damals noch rechtzeitig behandelt worden zu sein. Sie wünscht sich sehr, dass Informationen über Sepsis bald zum Allgemeingut gehören, genau wie fast jeder die Symptome eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls kennt - damit künftig kein Mensch mehr sterben muss, weil er zu spät auf seine Symptome reagiert.