Kolumne: Die Wut auf Lebkuchen im Spätsommer
Während die einen über Demokratieunterricht in Schulen diskutieren, beschäftigt andere offenbar noch etwas viel Brisanteres: Lebkuchen und anderes Weihnachtsgebäck im Spätsommer. Unsere Kolumnistin hat dazu eine klare Meinung.
Bei der Recherche für das Thema dieser Kolumne stand ich diesmal mit unserem NDR SH Social Media Team in Kontakt. Ich fragte sie: Was hat unsere Community auf Instagram und Facebook in den letzten Tagen am meisten bewegt? Die Antwort kam schnell.
Auf Nummer eins stehe gerade das Posting mit dem Titel: "Demokratiestunde" steht ab jetzt auf dem Stundenplan für Klassenstufen 5-10". Über 900 Leute hätten es allein bei Instagram kommentiert, über 6.000 Menschen gelikt. Ich schluckte. Und fragte schnell hinterher: Und auf dem zweiten Platz?
Im Zentrum: Ihre Meinung!
Die Recherche für mein Kolumnenthema war dieses Mal besonders. Neuerdings ziert diesen Online-Artikel nämlich ein neues Element: Mein Videoformat, welches ich für unsere Instagram- und Facebook-Kanäle produziere. Immer im Zentrum: Ihre Meinung! Online, so wie auch im echten Leben.
Dominosteine statt Demokratie
Die Antwort: Das Posting mit dem Titel: "Dominosteine und Lebkuchen im August - Seid ihr schon bereit für erste Weihnachtsleckereien?". Uff, ich atmete auf. Denn ich wollte doch sehr gerne ein extrem kontroverses, politisch höchst brisantes, die Menschen spaltendes Thema haben, und nichts anderes sind ganz offenbar "Weihnachtsleckereien".
Demokratiestunde in der Schule
Demokratie in der Schule ist dagegen, nun ja, gähn. In ein wenig mehr als sieben Monaten sind Landtagswahlen und auch von TikTok politisierte Zehntklässler dürfen dann ihr Kreuzchen setzen. Nur fair, dass sie bis dahin mehr über die Grundlagen unserer rechtsstaatlichen Demokratie lernen, finde ich.
Weihnachtsgebäck im Spätsommer? "Nö"
Was kann man da schon gegen sagen? Ich hab, um mich nicht zu öden, die Kommentare unter dem Demokratiestunde-Posting nicht gelesen. Es werden ja doch nur begeisterte Freunde unserer Verfassung gewesen sein, oder? Na ja, egal, viel wichtiger: Lebkuchen im Spätsommer? Ich glaub', es hackt! Oder um es mit den Worten von Insta-Nutzer "hoff.homebaking" auszudrücken: "Nö".
Tod dem Lebkuchen - vor dem 1. November
Genau, auch ich, genauso wie "hoff.homebaking", befinde mich quasi im Widerstand: Tod dem Lebkuchen. Zumindest vor dem 1. November!
In diesen Zeiten, in denen nichts mehr ist, wie es scheint, brauche ich Traditionen. In einer Welt, in der Wale durch die Timmendorfer Bucht schwimmen, eine Königspython sich am Rendsburger Kanalufer schlängelt und das UKSH eine steigende Zahl von Fällen der sogenannten "Avocado-Hand" meldet, brauche ich Eintönigkeit. Muss ich mich auf meine Rituale verlassen können.
Lieber Eis, Pommes und Melone
Diese Traditionen, auf die wir uns doch irgendwie kulturell auch stillschweigend geeinigt haben. Adventszeit heißt "Last Christmas" im Radio, der Duft von Mandarinen und halt Weihnachtsgebäck! Sommer (auch Spätsommer!) dagegen heißt: Melone essen, der Duft von Sonnenmilch, Eis am Strand und Pommes im Freibad. Wenn nun aber die unregulierte freie Marktwirtschaft da so frech daherkommt mit der Begründung, man stelle das Gebäck nur wegen der Nachfrage ins Regal, werde ich sauer.
Die Nachfrage, die eigentlich keine ist
Für mich ist das nämlich unfair: Die Läden können uns doch nicht erst köstliche Lebkuchen, Spekulatius und Dominosteine vor die sonnenverbrannten Nasen setzen und dann feixen: Seht doch, ihr wollt es doch auch!
Zwar gibt es den Adventskram wohl schon seit Anfang der 2000er-Jahre jetzt schon in den Regalen, daran gewöhnen werde ich mich aber nie. Vielleicht ist das auch ganz gut so. An manches sollte man sich schließlich nicht gewöhnen, weil es nicht selbstverständlich ist. Lebkuchen im August nicht. Und unsere Demokratie schon gar nicht.
Wie stehen Sie zu den hochpolarisierten Themen wie "Lebkuchen im Spätsommer" oder "Demokratiestunde in der Schule?" Schreiben Sie mir gerne unter s.kennedy@ndr.de