Klimawandel: Kann das Wattenmeer mit Elbschlick gerettet werden?
Bald könnte das Wattenmeer wegen des steigenden Meeresspiegels in der Nordsee versinken. Eine Helmholtz-Studie sieht im Elbschlick eine mögliche Rettung.
Wer bei Ebbe in Husum (Kreis Nordfriesland) zwischen Dockkoog und Schobüll ans Meer geht, sieht Holzpfähle aus dem Schlick ragen. Diese Lahnungen bremsen die Strömung und fördern die Schlickablagerung. "Früher nutzte man sie, um dem Meer Land abzuringen. Heute dienen sie dem Küstenschutz", sagt Jannes Fröhlich, Umweltforscher und Leiter des Wattenmeerprogramms beim WWF in Husum.
Die Lahnungen verstärken ein Prinzip, das das Wattenmeer seit Jahrtausenden wachsen lässt: "Mit den Gezeiten werden Sedimente transportiert, die sich im Wattenmeer ablagern", sagt Fröhlich und holt mit der Hand Schlick aus dem Watt. "Die feineren Sedimente schaffen es bis hierher in die Buchten, während die gröberen, sandigeren Sedimente sich eher außen ablagern, bei den Inseln und Sandbänken."
Steigender Meeresspiegel: Noch wächst das Wattenmeer mit
Dieser vor allem durch Ebbe und Flut gesteuerter Sedimenttransport ist der Grund dafür, weshalb das Wattenmeer dem Meeresspiegelanstieg von derzeit etwa vier Millimetern pro Jahr trotzen kann. Der Wattenmeer-Experte rechnet aber damit, dass das Watt bald nicht mehr mit dem Anstieg des Meeresspiegels mithalten kann. Für Millionen von Zugvögeln könnten damit Rast-, Brut- und Nahrungsflächen schwinden, auch Seehunde verlören Ruhe- und Aufzuchtplätze.
Ab Mitte des Jahrhunderts könnten Wattflächen verschwinden
Vor zehn Jahren entwickelte die Landesregierung die "Strategie Wattenmeer 2100", die ein "maßgebliches" Sedimentdefizit ab Mitte des Jahrhunderts prognostiziert. Laut Umweltministerium gelten die damaligen Erkenntnisse zur Entwicklung des Wattenmeeres weiterhin. Bei ungebremstem Klimawandel könnten bis 2100 bis zu 75 Prozent der Wattflächen verloren gehen. Eine neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung zeigt, dass sich die Welt in diese Richtung bewegt.
Anpassungen im Wattenmeer wären dann nötig. Als wichtigste Möglichkeit gilt dabei das Einbringen großer Mengen von Sedimenten ins Wattenmeer. Denn derzeit bedient es sich noch aus eigenem Sediment. "Das heißt, dass man Sand und Schlick aus der tieferen Nordsee holt und die Sedimente am Rand des Wattenmeers ausbringt, auf dass sie sich dort mit der natürlichen Strömung verteilen und ablagern", erklärt Jannes Fröhlich.
Helmholtz-Forscher simulieren Sedimentverteilung
Forschende am Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht (Kreis Herzogtum Lauenburg) simulieren, wie das funktionieren könnte. "Es geht darum, Punkte zu finden, an denen man Material verklappt und die strategisch so günstig liegen, dass das Material dann durch die Strömung ins Wattenmeer getragen wird und sich an besonders vom Meeresspiegelanstieg betroffenen Stellen ablagert", erklärt Sedimentexperte Lucas Porz. Eine Studie berechnete, dass jährlich 200 Millionen Tonnen Sediment in der Nordsee und ihren Flüssen bewegt werden. "So viel wie auch durch die natürliche Strömung umgelagert wird", sagt Porz.
Mit Elbschlick das Wattenmeer retten?
Ungefähr die Hälfte dieses Materials stammt aus der Schlickbaggerei, wie sie vor allem in der Elbe stattfindet, um die Fahrrinne für die großen Containerschiffe freizuhalten. Bislang wird der Elbschlick laut Porz dann meist in der Nähe der Mündung verklappt - und gelangt mit den Gezeiten schnell wieder in den Fluss und die Fahrrinne. "Ein Teil davon könnte man sicher nutzen, um damit das Wachstum des Watts zu unterstützen", so Porz. Nach den Simualtionen will er auch mit Feldversuchen starten.
Könnte Elbschlick also das Wattenmeer retten und damit zwei Probleme lösen? Jannes Fröhlich ist da skeptisch und warnt vor Schadstoffen aus dem Hamburger Hafen. "Der Umweltaspekt ist sicherlich eine der größten Herausforderungen", sagt auch Lucas Porz. Für unmöglich hält er das gezielte Einbringen von Elbschlick aber nicht.
Umweltministerium: Bewertung nicht möglich
Das Umweltministerium kann die Hereon-Studie derzeit nicht bewerten, sieht aber den Sedimentimport als wichtigste Anpassungsstrategie. Versuche habe es noch keine gegeben, da die Notwendigkeit erst in Jahrzehnten erwartet wird.
Alternativ müssten Menschen Land fürs Watt hergeben
Jannes Fröhlich hält es für unwahrscheinlich, auf Sedimentimporte verzichten zu können. Das Wattenmeer müsse mitwachsen. "Die Alternative wäre, die schwindenden Wattflächen durch eine Veränderung der Küstenlinie auszugleichen", sagt Fröhlich. Was der WWF-Experte damit meint: Der Mensch müsste Deiche rückbauen und dem Wattenmeer Land zurückgeben, das er ihm einst genommen hat.