Die Spaltung der Friesen: 100 Jahre Bohmstedter Richtlinien
Das Bekenntnis zum Deutschtum des Nordfriesischen Vereins 1926 riss tiefe Gräben bei den Friesen auf. Am 12. September jährt sich das Ereignis zum 100. Mal.
Das Friesentum ist vielfältig: So hat die friesische Sprache allein sieben zum Teil sehr unterschiedliche Hauptdialekte. Weniger bekannt ist, dass sich vor genau 100 Jahren ein Riss in Nordfriesland auftat, der bis heute nachwirkt. Mit den "Bohmstedter Richtlinien" bekannte sich der Nordfriesische Verein am 12. September 1926 zum Deutschtum. Mit dem Verzicht auf jegliche Eigenständigkeit waren aber nicht alle einverstanden.
Grenzabstimmung 1920: Friesisch stand nicht zur Wahl
Auslöser war die Abstimmung zum deutsch-dänischen Grenzverlauf 1920, stellt Christoph Schmidt, Leiter vom Nordfriisk Institut, fest: "Es gab eine friesische Identität von den Niederlanden bis nach Dänemark. Deshalb sind sie bei der Abstimmung 1920 zwischen die Fronten geraten, weil es gab nur noch: Bist Du für Dänemark oder für Deutschland?"
Friesische Eigenständigkeit als Störfaktor
1923 bekam der Nordfriesische Verein Konkurrenz: Es gründete sich der Friesisch-Schleswigsche Verein, heute "Friisk Foriining", der die Eigenständigkeit der Friesen als Minderheit in den Mittelpunkt stellte. Beim Nationalitätenkongress 1925 in Genf stellte sich die Frage, ob die Friesen eingeladen werden sollen. Dazu kam es nicht. Doch diese Bestrebungen waren der deutschen Minderheit in Dänemark ein Dorn im Auge.
Nordfriesischer Verein: keine "nationale Minderheit"
Deren Folketingsabgeordneter Johannes Schmidt-Wodder wollte die Grenze wieder nach Norden verschieben. Er drängte den Nordfriesischen Verein dazu, bei seiner Tagung in Bohmstedt ein Bekenntnis zum Deutschtum zu verfassen. Der entscheidende Punkt: "Wir lehnen es ab, als nationale Minderheit betrachtet zu werden." Es folgte eine Unterschriftenaktion. Mehr als 13.000 Friesen unterzeichneten.
Spaltung quer durch die Familien über Jahrzehnte
Bei zwei Vereinen blieb es auch nach dem Zweiten Weltkrieg. "Das hat so lange nachgewirkt. Bei bestimmten Triggerworten spürt man noch heute: Wer redet von Minderheit, wer redet von Volksgruppe," erläutert Schmidt. "Da sieht man, wie das über Generationen nachwirken kann, wenn zu stark auf dieser Klaviatur gespielt wird."
Geschwächte Friesen
Zum 50. Jahrestag im Jahr 1976 bezeichnete der damalige Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg (CDU) in der Festveranstaltung zu 50 Jahren Bohmstedter Richtlinien die Friesen als "originären deutschen Stamm", schreibt der Historiker Thomas Steensen. Marie Hahn, Vorsitzende des Friisk Foriining aus Risum, kennt die Empfindlichkeiten: "Das ist ein großer Konflikt gewesen, der uns auch in der Entwicklung zurückgeworfen hat."
Heute: Aufgabenteilung der Vereine
Heute arbeiten beide Vereine unter dem Dach des Friesenrats zusammen und es hat sich eine Aufgabenteilung etabliert. Der Nordfriesische Verein ist ein Heimatverein für die gesamte Region von Sylt bis Eiderstedt für Kultur, Trachten, Jugendarbeit. Und er pflegt sowohl die friesische als auch die plattdeutsche Sprache. Friisk Foriining kooperiert mit der dänischen Minderheit. Dazu gehört auch der SSW, die "Partei der dänischen Minderheit im Landesteil Schleswig und der nationalen Friesen in Nordfriesland".
Gedenken am 12. September
Letztlich war es nun die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, die zusammen mit dem dänischen Historisk Samfund die Initiative ergriff, in einer Veranstaltung in Drelsdorf am 12. September an 100 Jahre Bohmstedter Richtlinien zu erinnern, gemeinsam mit den Vorsitzenden beider Vereine auf dem Podium. Um Anmeldung wird gebeten.