Zement-Produktion: Wie klimafreundlich kann Schwerindustrie werden?
Das Versprechen ist groß, die Herausforderung ebenfalls: Als eines der ersten Industrieunternehmen will der Zement-Hersteller Holcim in seinem Werk in der Region Hannover klimaschädliches CO2 im großen Stil abfangen und aufbereiten.
Was für Außenstehende nur ein paar sehr sorgsam verschweißte Rohre inmitten einer riesigen Industrieanlage sind, ist für Werksleiter Florian Trela viel mehr. "Unheimlich stolz" sei er, sagt der 47-jährige Ingenieur und Werksleiter und lässt seinen Blick über Leitungen und Rohre schweifen. "Man kann einem Trend, einer Novelle, hinterherlaufen - oder man kann vorangehen und mitgestalten. Wir haben uns entschieden, die Innovation voranzutreiben und die Technologie zu industrieller Reife zu bringen", sagt Trela.
Vom Rauchgas zur Shampoo-Flasche
Nichts weniger, als einen weltweiten Trend setzen, zeigen, dass auch Schwerindustrie umweltfreundlicher werden kann - das haben Trela und sein Team in dem 2.000-Seelen-Dorf Höver vor. Alle Hoffnungen ruhen auf der Pilotanlage, die jetzt an den Start geht. Sie soll CO2, das bei der Zement-Herstellung entsteht, abfangen und so aufbereiten, dass ein neuer Rohstoff daraus wird. Mögliche Abnehmer: Unternehmen wie Procter and Gamble, die aus den aufbereiteten "Resten" aus Höver zum Beispiel Shampoo-Flaschen herstellen können.
Zement-Produktion verursacht riesige Mengen CO2
Der amerikanische Konsumgüter-Konzern ist - wie Holcim - Teil eines EU-Projekts, das das Abfangen und Weiterverarbeiten von CO2 erforscht. Wenn es in Höver gelingen sollte, aus schädlichen Abgasen einen neuen Rohstoff zu gewinnen, dann profitieren am Ende im besten Fall Umwelt und Wirtschaft.
Tatsächlich ist der Handlungsbedarf enorm: Die Zement-Produktion gehört zu den umweltschädlichsten Industriezweigen überhaupt. Das Werk in Höver bei Sehnde in der Region Hannover etwa stößt rund 600.000 Tonnen CO2 pro Jahr aus. Die Pilotanlage soll in einem ersten Schritt etwa 10.000 Tonnen davon abscheiden. Anfang der 2030er-Jahre sollen es dann schon 200.000 Tonnen sein, so Trelas Plan. Tendenz steigend.
"Sonst noch nirgendwo auf der Welt"
Dass dieser Plan tatsächlich aufgeht, liegt auch in der Verantwortung von Lisa Büscher. "Mein Traum ist definitiv, hier eines Tages ein CO2-neutrales Zementwerk stehen zu haben", sagt die 32-jährige Verfahrenstechnikerin. Als Produktionsleiterin kennt sie jede Leitung, jedes Rohr - und jede Tücke der neuen Anlage. Irgendwo abgucken könne sie nicht, Vorbilder gebe es nicht: "Was wir hier machen, passiert zum ersten Mal so in der Zementindustrie. Das heißt: CO2-Abscheidung mit Membran gibt es in dem Maßstab sonst noch nirgendwo auf der Welt." Das bedeutet, vereinfacht gesagt, dass das umweltschädliche Rauchgas durch mehrere Schichten - also Membranen - gefiltert wird, um am Ende den Rohstoff für andere Industrien zu gewinnen.
BUND bezweifelt Umweltnutzen
Eine Zementindustrie ganz ohne Nebenwirkungen? Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) hat da seine Zweifel. Um von den hohen CO2-Emissionen wegzukommen, gebe es bessere Möglichkeiten als das, was in Höver geplant werde. So brauche es etwa alternative Baustoffe, mehr Recycling und innovative Herstellungsverfahren für Zement. Für Diskussionen sorgt außerdem, dass das abgeschiedene CO2 wohl frühestens ab Anfang der 2030er-Jahre in größerem Umfang zu einem Rohstoff für die Industrie werden kann. Was nicht weiterverarbeitet wird, soll unterirdisch in der Nordsee verpresst werden. In Norwegen wird das bereits gemacht. Carbon Capture and Storage (CCS) lautet der Fachbegriff, übersetzt etwa: "Kohlenstoff abfangen und lagern".
Hoher CO2-Preis? Gut für's Projekt
Ob aus dem Pilotprojekt in Höver am Ende tatsächlich eine weltweite Erfolgsgeschichte wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Davon etwa, wie gut es den Ingenieurinnen und Ingenieuren mit ihrer Anlage gelingt, das CO2 so aufzubereiten, dass es tatsächlich für die Industrie nutzbar ist. Und vor allem davon, wie sich die politischen Rahmenbedingungen entwickeln. Ein hoher CO2-Preis etwa macht die Aufbereitung besonders wirtschaftlich, weil das Unternehmen dann viel Geld für CO2-Zertifikate spart.
Erster Transport für März geplant
Der Hersteller der Pilotanlage hofft außerdem, dass auch andere Branchen wie etwa die Kalk- oder Glasindustrie das Geschäftsmodell für sich entdecken. Florian Trela, Lisa Büscher und ihr Team haben jedenfalls schon das nächste Ziel vor Augen: Im März 2027 soll der erste Tankwagen zu Partnerindustrien rollen. Trela ist zuversichtlich: "Wir sehen CO2 als Rohstoff der Zukunft."