Zahl der ADHS-Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen steigt deutlich
In Niedersachsen haben innerhalb eines Jahres 13 Prozent mehr Kinder und Jugendliche die Diagnose ADHS bekommen. Das ist ein deutlicher Anstieg. Die Störung ist Experten zufolge aber keine "Modediagnose".
Bei hochgerechnet rund 21.700 jungen Menschen wurde 2024 landesweit eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, festgestellt. Das ergibt sich aus Berechnungen der Krankenkasse DAK-Gesundheit. Dem Kinder- und Jugendreport zufolge sind Jungen fast doppelt so oft betroffen: Hochgerechnet waren es 2024 rund 14.900 Jungen und 6.900 Mädchen.
ADHS bei Mädchen "lange unterdiagnostiziert"
Im Vergleich zum Vorjahr seien besonders viele Mädchen neu diagnostiziert worden. Das zeigt laut Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen, dass ADHS bei Mädchen lange unterdiagnostiziert gewesen sei, da sich die Symptomatik oft weniger externalisierend äußere. ADHS sei ein häufig übersehenes Störungsbild, das bei Mädchen oft erst spät und dann mit zusätzlichen Belastungen sichtbar werde, sagt Präsident Michael Hubmann.
Rund 70.000 junge Menschen mit Diagnose
Landesweit wurden laut DAK im Jahr 2024 6,1 Prozent der 3- bis 17-Jährigen zwischen Nordsee und Harz mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt. Das seien hochgerechnet rund 70.000 jungen Menschen in Niedersachsen. Damit liegt Niedersachsen leicht über dem bundesweiten Durchschnitt von fünf Prozent. ADHS ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich insbesondere durch Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität äußert.
Experte: Von "Modediagnose" kann keine Rede sein
Als Gründe für die zunehmende Zahl von Diagnosen vermuten Experten wie Christoph Correll von der Berliner Charité unter anderem mehr Bewusstsein für ADHS. Ärztinnen und Ärzte, Eltern und Lehrkräfte seien heute besser über die Symptome informiert. "Die Krankheit kann dadurch schneller und früher diagnostiziert und gegebenenfalls behandelt werden - genau das ist wichtig, um jungen Menschen zu helfen, ihre Ziele zu erreichen", sagt der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Charité. Von einer "Modediagnose" oder Überdiagnostik könne im Allgemeinen keine Rede sein.
Pandemie-Folgen und soziale Medien als Verstärker
Verstärkend können bei ADHS Druck und Stress wirken. "Wir beobachten wahrscheinlich zum Teil auch Spätfolgen der Pandemie, weil wichtige Lernschritte eventuell unterbrochen oder verzögert wurden", sagt Correll. Auch der Einfluss sozialer Medien spiele eine Rolle: "Der erhöhte Medienkonsum kann die Konzentrationsfähigkeit mindern, das Stresslevel erhöhen und durch unrealistische Idealbilder den Selbstoptimierungsdruck verstärken."