Kitas im Norden am Limit: Wenn Improvisation zum Alltag wird
Immer mehr Kinder werden in Kitas betreut, die Qualität steigt - trotzdem müssen Eltern ihre Kinder immer wieder zu Hause lassen, weil Personal krank ist oder andere Aufgaben als die Betreuung übernehmen muss. So überlastet ist das Kita-System im Norden.
In der Kita "Zum Markte" in Goslar steht die Ampel auf Orange. Orange heißt: Viele Betreuerinnen und Betreuer sind krank oder fallen aus anderen Gründen aus. Eltern werden gebeten, ihre Kinder nach Möglichkeit zu Hause zu betreuen. "Jetzt im Herbst geht die Zeit wieder los, in der die Ampel häufiger auf Gelb oder Orange steht", sagt Kitaleiterin Janina Köhler. In besonders schwierigen Situationen springe sie auf Rot. Dann bleibt eine Gruppe geschlossen.
Für viele Eltern ist das eine große Herausforderung - nicht nur in Niedersachsen. Cornelia Regele lebt in Hamburg und hat zwei Kinder in der Kita. Sie erzählt: "Ganz oft wird darum gebeten, dass die Kinder zu Hause bleiben." Beinahe alle zwei Wochen erhalte sie diese Bitte über die WhatsApp-Gruppe der Kita. "Das funktioniert für uns nicht", sagt Regele. Sie studiert, muss ihr Studium jedoch immer wieder zurückstellen, um auf ihre Kinder aufzupassen.
Hohe Belastung in den Kitas
Das Problem beschränkt sich nicht auf eine einzelne Kita oder eine Erkältungswelle im Herbst. Denn Erzieherinnen und Erzieher sind häufiger krank als Beschäftigte anderer Berufsgruppen. Das zeigt eine Bestandsaufnahme der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Besonders viele Fehltage gehen dabei auf psychische Erkrankungen zurück: Laut DAK-Report kamen 2024 auf 100 Beschäftigte in der Kinderbetreuung 586 Fehltage. Das waren rund 70 Prozent mehr als im Durchschnitt aller Berufsgruppen - dort waren es 342 Fehltage.
Hinzu kommt, dass das Personal nicht ausreiche, um die Ausfälle aufzufangen. "In der Praxis sind die Einrichtungen daher immer wieder gezwungen, kurzfristig zu improvisieren", sagt Andreas Dlugos vom Kita-Verband in Goslar, zu dem auch Köhlers Kita gehört.
Viele Fachkräfte machen deshalb Überstunden, die später ausgeglichen werden müssen. Dadurch entstehen weitere personelle Engpässe, während zugleich die Belastung für das verbleibende Team steigt. „Das entwickelt sich zunehmend zu einer Spirale, aus der die Einrichtungen nur schwer wieder herauskommen“, sagt Dlugos.
Betreuungsquoten steigen
Dabei zeigt der Blick auf die Statistik zunächst ein anderes Bild: Die Betreuungssituation hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Immer mehr Kinder werden in Kitas betreut und Eltern entlastet. In allen norddeutschen Ländern liegt die Betreuungsquote im Jahr 2025 für Kinder zwischen drei und sechs Jahren bei mehr als 90 Prozent. Bei den unter Dreijährigen ist die Quote viel niedriger. In Niedersachsen wird nur rund ein Drittel der Kleinkinder betreut, in Mecklenburg-Vorpommern fast zwei Drittel.
Auch der Personal-Kind-Schlüssel, also die Zahl der Kinder pro Betreuer, hat sich verbessert. Dennoch liegen die Länder meist hinter den Empfehlungen der Arbeitsgruppe Frühe Bildung zurück.
Weniger Kinder, aber nicht weniger Belastung
Doch Hans-Joachim Lenke von der Diakonie Niedersachsen warnt davor, die Zahlen zu positiv zu bewerten. Der Personal-Kind-Schlüssel liefert nur ein grobes Bild: Er zeigt zwar, wie viele Beschäftigte grundsätzlich eingeplant sind, berücksichtigt aber weder Ausfälle durch Krankheit noch den Aufwand abseits der eigentlichen Kinderbetreuung. Selbst sinkende Geburtenzahlen in einigen Regionen verzerren das Bild: Zwar nimmt dadurch der Druck auf das System ab, doch für die Fachkräfte wird der Alltag laut Lenke nicht automatisch leichter.
Ein Grund dafür ist, dass Aufgaben wie die Dokumentation oder Elterngespräche immer anspruchsvoller geworden seien. Das belastet das Team zusätzlich: "Wenn sie dokumentieren oder ein Elterngespräch führen, fehlt der Erzieher oder die Erzieherin in der Gruppenarbeit und Kollegen müssen die fehlenden Mitarbeiter kompensieren. Oder die Elterngespräche werden nach Dienstschluss geführt, was zu einer Mehrbelastung führt", so Lenke.
Bund und Länder wollen investieren
Die Länder versprechen mehr Geld für Kitas: Niedersachsen stellt bis 2031 jährlich rund 290 Millionen Euro zusätzlich für die Kindertagesbetreuung bereit. Schleswig-Holstein hat ein 35-Millionen-Euro-Paket für Kitas beschlossen. Und auch Hamburg plant weitere Investitionen.
Ein neues Kita-Gesetz, das aktuell im Bund diskutiert wird, soll früh ansetzen. Einheitliche Tests sollen bereits bei Vierjährigen zeigen, wie weit ihre Entwicklung ist. Kinder, die Unterstützung brauchen, sollen gezielt gefördert werden. Auch diese zusätzliche Aufgabe soll künftig das Kita-Personal übernehmen.
Für die Kita-Leiterin in Goslar, Janina Köhler, ist das neue Gesetz eine weitere Last, die auf die Einrichtungen zukommt. "Wenn sich nicht grundlegend etwas verändert, kann ich mir nicht vorstellen, dass das in einer Kita realisierbar ist", sagt sie. Am Ende bleibt es beim selben Problem: zu wenig Personal, zu wenig Zeit. Eine Dauerschleife, die kein Ende nimmt.