Symbolbild: Zwei Kinder streiten sich im Kindergarten um ein Spielzeug.
AUDIO: NDR Data: Beitragsfreie Kinderbetreuung in MV (1 Min)

Kostenlose Kita- und Hortplätze: Die Bilanz nach sechs Jahren

Stand: 15.09.2026 12:29 Uhr

Seit 2020 ist die Kinderbetreuung in MV beitragsfrei: Dafür zahlt das Land rund 250 Millionen Euro im Jahr. Eltern werden dadurch entlastet. Doch was verändert das für Kinder und Fachkräfte?

von Alexander C. Mühlhausen

Ein alter Schulbau im Osten Mecklenburg-Vorpommerns: Verstopfte Toiletten und eine Decke, die den Kindern nur deshalb nicht auf den Kopf fällt, weil Stoffbahnen die Bruchstücke vorher auffangen. Davon berichtet Nicole, die hier Grundschüler im Hort betreut. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das noch bis zur Rente schaffe", sagt sie. "Man hat das Gefühl, dass sich die Bedingungen immer weiter verschlechtern."

Nicoles Fall zeigt, dass die Bedingungen vor Ort oft schwierig sind. Dabei spart das Land nicht bei der Kinderbetreuung, obwohl der Landeshaushalt unter Druck gerät: Der Landesrechnungshof warnt vor einer wachsenden Lücke in den kommenden Jahren. Trotzdem gibt das Land in diesem Jahr gut eine halbe Milliarde Euro für die Kinderbetreuung aus. Davon fließen 250 Millionen Euro in die Beitragsfreiheit. Die Eltern zahlen nur noch für Essen und besondere Angebote wie Sprachkurse.

Die Beitragsfreiheit entlastet Familien direkt. Sie kann aber auch Fachkräften helfen. Denn nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Mecklenburg-Vorpommern haben sich die Löhne vieler Erzieherinnen und Erzieher verbessert.

Lange hätten freie Träger deutlich weniger als Tarifvertrag gezahlt. Heute orientierten sich viele stärker daran, sagt die GEW. Die Beitragsfreiheit habe dazu beigetragen, bessere Löhne durchzusetzen, ohne die Eltern zusätzlich zu belasten.

Zu wenig Zeit für Kinder

Die GEW stand der vollständigen Beitragsfreiheit dennoch von Anfang an kritisch gegenüber. An sich wünscht sich die Gewerkschaft kostenlose Bildung, aber das Geld wäre besser für mehr Fachkräfte und kleinere Gruppen genutzt worden, so die GEW. Denn an der schwierigen Situation für Erzieherinnen und Erzieher im Alltag hat sich kaum etwas geändert. Nicole erlebt den Mangel an Personal jeden Tag. Nach ihrer Aussage betreut sie oft 20 Grundschulkinder gleichzeitig: "Man passt im Grunde nur auf, dass nichts passiert", sagt sie. "Man ist kein Erzieher mehr, sondern man ist nur eine Aufsichtsperson."

Damit ist Nicole nicht allein. Im Hort ist es normal, dass eine Fachkraft für viele Kinder gleichzeitig zuständig ist. Auch in Krippe und Kita ist die Lage schwierig. Allerdings kommen dort weniger Kinder auf einen Erzieher als im Hort. Im Vergleich der Bundesländer gehört MV beim Verhältnis von Fachkräften und Kindern zu den Schlusslichtern.

Ein Mann sitzt mit aufgesetzten Kopfhörern vor einem Laptop, der die Website von Google zeigt

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Weiterhin keine "kindgerechte" Betreuung

Die Bertelsmann-Stiftung spricht sogar davon, dass der Personalschlüssel nicht kindgerecht sei. Die Stiftung empfiehlt beispielsweise bei den Kleinsten drei Kinder pro Erzieher - in der Realität sind es oft über fünf Wickelkinder.

In den letzten Jahren habe es große Fortschritte gegeben, sagt Melanie Böwing-Schmalenbrock, die an der TU Dortmund zur Kinderbetreuung forscht: "Da hat Mecklenburg-Vorpommern noch mal wirklich Geld in die Hand genommen."

Dennoch liegt MV beim Verhältnis von Fachkräften und Kindern weiter im hinteren Feld. Die Landesregierung will die Gruppen schrittweise kleiner machen. Bis sie den Empfehlungen aus der Forschung nahekommen, dürften aber noch Jahre vergehen.

Kinder spielen in einer Kita mit Holzbausteinen. (Themenbild)

Land, Kommunen und Initiatoren der Volksinitiative Kita haben sich auf einen Perspektivplan für Krippen, Kitas und Horte geeinigt.

Breite Zustimmung zu beitragsfreier Kinderbetreuung

Trotz aller Probleme und knapper Kassen ist die Beitragsfreiheit sehr beliebt. Im NDR-Wahl-Navi stimmten die teilnehmenden Kandidierenden mehrheitlich dafür, Kita und Hort kostenlos zu lassen. Auch viele Mitglieder der #NDRfragt-Community waren dafür.

Die Beliebtheit dürfte auch daran liegen, dass viele Eltern unbürokratisch entlastet werden. In anderen Bundesländern zahlen Eltern hohe Beiträge, besonders für Plätze für Kinder unter drei Jahren. Daten des Deutschen Jugend Instituts und der TU Dortmund zeigen: Familien mit mittleren Einkommen geben einen vergleichsweise großen Teil ihres verfügbaren Geldes für die Betreuung kleiner Kinder aus.

In Mecklenburg-Vorpommern fällt dieser Kostenpunkt weg. Eltern müssen sich nicht ausrechnen, ob es sich für sie lohnt, wieder arbeiten zu gehen.

Eine, die davon profitiert, ist Kristina aus der #NDRfragt-Community. Sie hat einen zweijährigen Sohn und immer wieder Probleme mit ihrer Kita. Dennoch will sie die Beitragsfreiheit behalten. "Mecklenburg-Vorpommern hat ja auch die geringsten Gehälter", sagt sie. "Ich frage mich, wie wir uns die Betreuung sonst noch leisten sollen."

Die Beitragsfreiheit steht politisch kaum zur Debatte. Bei Personal und Gruppengrößen hat MV dagegen weiter viel aufzuholen.

Wahlplakate für die Landtagswahl 2026 für SPD (mit Manuela Schwesig) und AfD

Kostenlose Kita, mehr Überwachung: Die #NDRfragt-Community hat klare Positionen. Doch wo stehen die Kandidierenden?

Eine Silhouette von Menschen und ein Wahlkreuz (Bildmontage)

Hier eine Übersicht der Antworten der Kandidierenden zur Landtagswahl, die an der NDR Umfrage "Wahl-Navi" teilgenommen haben.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern | 15.09.2026 | 07:03 Uhr

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