Leichtathletik
Rekorde im Laufen purzeln - Darum wird der Mensch immer schneller
Seit diesem Jahr ist die "Schallmauer" offiziell durchbrochen: Ein Marathon in unter zwei Stunden ist möglich - und offenbar noch weitaus mehr, glaubt man dem neuen Weltrekordhalter Sabastian Sawe. Auch auf anderen Lauf-Distanzen in der Leichtathletik purzeln die Rekorde. Wie kann das sein?
Sein historischer Rekordlauf beim London-Marathon im April 2026 war kaum 24 Stunden alt, da versetzte der Kenianer Sawe die Leichtathletik-Welt gleich ein weiteres Mal ins Staunen. In einem BBC-Interview sagte der 31-Jährige, der tags zuvor die Distanz von 42,195 Kilometern in nur 1:59:30 Stunden gelaufen war und damit die offizielle Weltbestzeit um 65 Sekunden unterboten hatte: "Ich hätte gestern noch schneller sein können. 1:58 ist möglich."
Und auch sein Trainer Claudio Berardelli hatte schon kurz nach dem Rennen frohlockt: "Sabastian hat sein maximales Potenzial noch nicht ausgeschöpft. Es war erst sein vierter Marathon." Das dürfte auch für Yomif Kejelcha gelten, den Zweitplatzierten von London 2026: Der 29-jährige Äthiopier unterbot die magische Zwei-Stunden-Marke ebenfalls - und das direkt bei seinem Marathon-Debüt. Vieles spricht also dafür, dass die Grenze schon bald erneut verschoben wird.
Bestzeiten-Boom nicht nur im Marathon
Die Rekorde purzeln auch auf anderen Distanzen: Beim Berliner Halbmarathon 2025 etwa blieb Amanal Petros in 59:31 Minuten als erster deutscher Athlet überhaupt unter einer Stunde. Über 3.000, 5.000 und 10.000 Meter pulverisierte Mohamed Abdilaahi binnen eines Jahres jeweils den deutschen Rekord.
Robert Farken rannte im Juli 2026 in London erneut zum deutschen Rekord über die Meile, während der Brite Josh Kerr im selben Rennen Weltrekord lief. Farken gelang dabei zudem das Kunststück, gleich eine zweite nationale Bestmarke aufzustellen: via Zwischenzeit die über 1.500 Meter.
Bei den Frauen zeigt sich ein ähnliches Bild: Beatrice Chebet etwa absolvierte im vergangenen Jahr als erste Frau der Welt die 5.000 Meter in unter 14 Minuten. Faith Kipyegon lief, ebenfalls 2025, neuen Weltrekord über 1.500 Meter und die Meile. Viele Namen, ein Trend: Der Mensch wird immer schneller. Aber warum?
Carbon-Schuhe: Bessere Laufökonomie
Unter anderem befeuern gleich mehrere Innovationen den Boom der Bestzeiten. Ganz vorne dabei: Carbon-Schuhe. "Die Energie, die beim Fußaufsatz auf den Boden geht, wird heute immer besser nach vorne zurückgegeben", erklärt ARD-Leichtathletik-Kommentator Tim Tonder das Prinzip. Bei den High-End-Modellen sei indes nicht allein das Carbon entscheidend, sondern auch die spezielle Schaumstoffmischung, in der die Carbonplatte verarbeitet ist. Die Kombination aus beidem ermöglicht längere Schritte und eine höhere Laufeffizienz.
Der Effekt geht dabei über den Wettkampf hinaus. Weil die stetig weiterentwickelten Laufschuhe die Muskulatur weniger stark belasten, können Athleten intensiver trainieren und sich zugleich schneller erholen. "Im Training kann man dadurch höhere Geschwindigkeiten realisieren. Das sorgt langfristig für eine bessere Laufökonomie", erklärt Farken im Sportschau-Interview. Besonders auf langen Distanzen macht sich das bemerkbar. "Je länger die Strecke ist, desto größer wird der Vorteil", sagt Tonder.
Fueling und Supplements: Der Magen trainiert mit
Auch bei der Ernährung hat sich viel getan. Standen in der Vergangenheit insbesondere die Kohlenhydratspeicher vor dem Lauf im Fokus, wird inzwischen auch die Energieaufnahme während des Rennens immer weiter optimiert - und sogar gezielt trainiert. "Es geht im Wesentlichen darum, die Glykogenspeicher möglichst optimal zu füllen und während der Belastung kontinuierlich Kohlenhydrate nachzuliefern", so Dr. Hans Braun, Sport- und Ernährungswissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln.
Ein entscheidender Fortschritt betrifft dabei weniger die Inhaltsstoffe als vielmehr ihre Aufnahme. Moderne Gels kombinieren Glukose und Fruktose so, dass der Darm größere Mengen aufnehmen kann. "Das ist nicht nur Marketing, sondern tatsächlich auch wissenschaftlich fundiert", sagt Braun. Sawe etwa soll während seines Weltrekordlaufs rund 115 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde aufgenommen haben - eine Menge, die nur durch gezieltes "Train the Gut", also das Training des Magen-Darm-Trakts, überhaupt verträglich wird.
Im Ausdauersport sind sich alle einig, dass ein großes Trainingsvolumen der Schlüssel ist. Robert Farken
Auch sogenannte Performance-Supplements gewinnen an Bedeutung. Natriumbicarbonat etwa soll die Übersäuerung der Muskulatur hinauszögern und kommt inzwischen auch im Laufsport regelmäßig zum Einsatz. Gleichzeitig mahnen Experten bei einigen Mitteln zur Vorsicht.
"Es tut sich gerade unheimlich viel", erklärt Tonder. "Man muss aber ehrlich sagen: Teilweise bewegen wir uns in einer Grauzone." Braun betont zudem, dass Nahrungsergänzungsmittel niemals das eigentliche Fundament ersetzen: "Leistungsfähigkeit kann man nicht essen, wenn man nicht trainiert."
Training: Präziser, individueller und datenbasierter
Den größten Unterschied macht nicht zuletzt auch für Topläufer Farken weiterhin das Training selbst. Die Trainingswissenschaft hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter und deutlich professionalisiert. Laktatmessungen, Herzfrequenzdaten und eine individuelle Belastungssteuerung ermöglichten es heute, Einheiten wesentlich präziser zu planen als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. "Es kann heute viel individualisierter trainiert werden", so der Mittelstreckler.
Besonders etabliert hat sich auf den Mittel- und Langstrecken das sogenannte Doppelschwellen-Training, auch "Double Threshold Training" genannt, bei dem die Athleten zweimal pro Tag knapp unterhalb ihrer anaeroben Laktatschwelle trainieren. Ziel ist es, hohe Intensitäten möglichst lange aufrechterhalten zu können. Farken: "Im Ausdauersport sind sich eigentlich alle einig, dass der Umfang, also ein großes Trainingsvolumen, der Schlüssel ist."
Inspiration oder auch: der Bannister-Effekt
Nicht zu unterschätzen ist bei der Jagd nach Rekorden aber auch der mentale Effekt. Neue Bestzeiten verschieben immer auch die Vorstellung davon, was überhaupt möglich ist. "Wenn die Konkurrenz schneller läuft, fragt man sich automatisch: Warum sollte ich das nicht auch schaffen?", sagt Farken. Tonder verweist auf den sogenannten "Bannister-Effekt": Sobald ein Mensch eine vermeintliche Barriere durchbricht, vollbringen diese Leistung nach ihm auch andere. Auch deshalb ist fraglich, wie lange Sawes Marathon-Weltrekord Bestand haben wird.
Wie oft und vor allem wie stark die Grenzen noch verschoben werden können, wagt aktuell kaum jemand vorherzusagen. "Vor 15 Jahren hätte niemand geglaubt, dass ein Mensch den Marathon regulär unter zwei Stunden laufen kann", so Tonder. Ein absolutes Limit werde es ganz gewiss geben - wo das aber liegt, scheint heute offener denn je.