Hockey-WM
Hockey-Bundestrainer Henning - Der "Prozess-Trainer"
Bei der Hockey-Weltmeisterschaft in den Niederlanden und Belgien laufen die deutschen Männer als Titelverteidiger auf. Trotz eines stark verjüngten Teams hat es Bundestrainer André Henning geschafft, einen Titelkandidaten zu formen.
André Henning wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Sobald der 42-Jährige aber anfängt, über etwas zu sprechen, das ihn begeistert, blüht er auf. "Was fasziniert Sie am Trainer-Dasein, kurz zusammengefasst?" Henning: "Puh, das in nur ein, zwei Sätzen?" Der deutsche Hockey-Bundestrainer ist wortgewandt - manchmal ufern seine Ausführungen auch aus, eloquent klingen sie trotzdem.
Seit fünf Jahren ist Henning Bundestrainer der Männer und reiht sich schon jetzt in die Liste der erfolgreichsten deutschen Nationalmannschaftstrainer ein. Markus Weise feierte als einziger mit den Frauen (2004) und Männern (2008 und 2012) Olympiasiege und holte mit den Männern außerdem zweimal EM-Gold. Bernhard Peters kam auf zweimal WM-Gold und Olympia-Bronze 2004.
"Der Kleine" feiert Erfolge in Serie
"Ich dachte immer: Das sind Namen, an die ich ja nie heranreiche", gibt sich Henning bescheiden: "Für mich fühlt es sich immer noch so an: Das sind die großen Legenden-Trainer und ich bin irgendwie der Kleine, der jetzt hier auch mal ein bisschen mitmachen darf."
Der "Kleine, der mitmachen darf" ist er längst nicht mehr. Henning sammelt Erfolge: Junioren-Weltmeister 2013, zehn Jahre später folgte der WM-Titel mit dem A-Kader, 2024 holten er und seine Honamas olympisches Silber, ein Jahr später beim Heimturnier in Mönchengladbach EM-Gold. Außerdem gab es Bronze bei den Olympischen Spielen 2016 als Co-Trainer bei den Frauen.
"Das glauben mir ja die wenigsten, aber für mich sind die Erfolge Produkte von der Arbeit, die wir machen", sagt Henning, der sich vor allem für seine Spieler freue: "Aus den Erfolgen kann ich für mich persönlich gar nicht so viel mitnehmen, weil ich mich auch mehr für einen Prozess-Trainer halte. Also jemand, der es mag, in Entwicklungen zu gehen, der Prozesse gerne steuert und schaut, wohin sich Menschen entwickeln."
Seit fast 20 Jahren Trainer
Obwohl Henning erst 42 Jahre alt ist, blickt er auf fast 20 Jahre Trainererfahrung zurück. Mit Anfang 20 übernahm er als Cheftrainer beim Bundesligisten Uhlenhorst Mülheim, ursprünglich nur für ein Jahr. Irgendwann brach er sein Jurastudium ab, wurde hauptberuflich Trainer. Die Entwicklung des Individuums fasziniere ihn, aber genauso die Dynamik eines gesamten Teams: Konflikte, Kommunikation, Rollen und Hierarchien.
Er selbst habe gelernt, "eher loszulassen und zu verstehen, dass ich eben nicht alles steuern kann." Eine große Stärke Hennings ist es, Verantwortung abzugeben. Beispielsweise an Experten, die sich in der Taktik besser auskennen als er. "Ich bin eher Generalist geworden als Spezialist", so Henning, der auch seine Spieler an der langen Leine lässt.
Bei ihnen setzt der Bundestrainer ein hohes Maß an Eigenverantwortung voraus. "Trainer stehen nicht auf dem Platz, Trainer berühren keinen Ball. Aber traditionell bestimmen Trainer eigentlich alles und sind dementsprechend auch für alles in der Verantwortung. Von dieser Logik haben wir uns verabschiedet."
Viel Verantwortung für die Spieler
Die Spieler müssten wissen, "was brauchen sie jetzt im Training? Sie müssen eine Taktik zumindest mitentwickeln dürfen, weil sie sie am Ende mit Überzeugung durchsetzen müssen." Überall bestehe zumindest ein Mitspracherecht: "Manchmal dürfen sie alleine entscheiden, manchmal dürfen sie mitentscheiden, manchmal fragen wir sie zumindest, entscheiden dann aber selbst."
In den vergangenen Jahren war dieses Konzept den meisten Nationalspielern schon bekannt: Auf Vereinsebene hatte Henning seine größten Erfolge mit Rot-Weiss Köln gefeiert, unter anderem vier deutsche Meisterschaften innerhalb von fünf Jahren. Als er 2021 als jüngster Bundestrainer jemals das Amt übernahm, hatte er den Vorteil, dass er zahlreiche Spieler kannte - aus seiner Zeit in Köln, Mülheim oder als Trainer der Junioren.
Großer Umbruch in der Nationalmannschaft
Die aktuelle Mannschaft ist für Henning bisher seine unbekannteste - erstmals kennt er den Großteil der Spieler nicht bereits seit Jahrzehnten. Nach den Olympischen Spielen in Paris und der Heim-EM im vergangenen Jahr hatte es einen Umbruch gegeben. Zahlreiche Führungsspieler hatten ihre Karrieren beendet, zuletzt der langjährige Kapitän Mats Grambusch und Innenverteidiger Lukas Windfeder.
"Darauf habe ich mich ehrlich gesagt schon sehr schnell nach Olympia gefreut: Diese neue Herausforderung, die natürlich viele neue Dynamik reinbringt, finde ich extrem toll", sagt Henning, der breit grinst, wenn er von den Jüngeren im Team erzählt: "Die kommen sehr forsch und neugierig, aber auch offensiv mit ihren Ideen, Wünschen und Bedürfnissen und wollen alles sofort einbringen. Die warten jetzt nicht ab. Das ist natürlich noch mal eine neue Dynamik, die dann auch für die Älteren herrscht: Wie können wir das miteinander verbinden?"
Input aus anderen Sportarten
Es ist etwas, das Henning auszeichnet: seine Neugier Neuem gegenüber. Da ist keine Skepsis, sondern Vorfreude auf einen neuen Prozess. Er möchte groß denken und offen bleiben, sodass man manchmal vielleicht irgendetwas hinter Türen sieht, die für andere verschlossen sind.
Der wissenshungrige Coach tauscht sich regelmäßig mit Trainern anderer Sportarten aus, vor allem aber aus dem Fußball, "das kommt uns natürlich auch taktisch am nächsten". Im direkten Austausch mit dem Österreichischen Fußballverband habe er auch für das WM-Turnier direkt etwas übernommen. "Ich versuche immer auch ein bisschen zu kopieren und vor allem mir etwas abzuschauen, weil ich immer noch etwas lernen will. Das ist für mich klar."
EInzug ins WM-Halbfinale geschafft
Bei der laufenden Weltmeisterschaft im belgischen Wavre zeigten die Honamas bisher einen durchwachsenen Auftritt: Zeigten beim Sieg gegen Gastgeber Belgien ihre technische Finesse und eine starke Defensive und ließen aufblitzen, wie viel Potenzial im Team steckt. Verpassten aber nach dem aussichtsreichen Einzug in die Zwischenrunde mit der Niederlage gegen Spanien den vorzeitigen Halbfinaleinzug. Deutschland fehlte es an Konstanz und Konsequenz im Torabschluss.
"Ich habe noch nie etwas gewonnen, ohne einen herben Dämpfer kassiert zu haben. Zweifel habe ich sowieso nicht, sondern Zuversicht in unsere Leistung." Da ist er wieder, der André Henning, der Menschen mit seinen Worten überzeugen möchte.
Gegen Australien sicherte sich sein Team durch einen 4:2-Erfolg den Einzug ins Halbfinale und damit die Chance auf die Titelverteidigung.
Egal, wie es für die deutschen Hockey-Männer ausgeht, Bundestrainer Henning wird seine Schlüsse daraus ziehen, für den nächsten "Entwicklungsprozess". "Wenn ich mal auf irgendetwas stolz oder happy bin, dann eher auf das, was auf dem Weg dahin passiert." Während für Henning also der Weg das Ziel ist, würde sich Hockey-Deutschland über einen nächsten Titel freuen.