NADA ermittelt gegen Topsprinter
Fall Owen Ansah: Sportrechtler sieht Versäumnisse auf beiden Seiten
Owen Ansah ist mit einem Vorwurf mit möglicherweise drastischen Folgen konfrontiert: Verweigerung einer Dopingkontrolle. Bis zu vier Jahre Sperre stehen für den deutschen Rekordhalter über 100 m im Raum. Aktuell laufen die Ermittlungen der NADA. Der Sportrechtler Dr. Paul Lambertz schätzt den Fall Ansah ein.
Dr. Paul Lambertz kennt sich aus mit schwierigen rechtlichen Fragen im Sport. Eine solche scheint auch die unangekündigte Dopingkontrolle, die am 9. Juli gegen 14:30 Uhr bei Owen Ansah hätte stattfinden sollen, zu sein. Der 25 Jahre alte Topsprinter vom Hamburger SV wollte gerade zum Flughafen aufbrechen, um zum Diamond-League-Meeting in Monaco zu fliegen, wo er kurzfristig ins Teilnehmerfeld gerutscht war.
Nach Ansahs Angaben hätte er unter Zeitdruck gestanden, um seinen Flieger noch zu bekommen. Zudem sei er kurz vor der Kontrolle auf Toilette gewesen. Deshalb sei die Abgabe der Dopingprobe nicht möglich gewesen.
Dieser Vorgang zeigt laut Lambertz wieder einmal die Komplexität und Herausforderungen im Kampf gegen Doping: "Das Kontrollsystem funktioniert nur, wenn die Athleten jederzeit damit rechnen müssen, kontrolliert zu werden. Das ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist, es muss auch in das Leben der Menschen reinpassen. Das sind ja keine Maschinen, sondern da muss es Gründe geben, warum man eine Probe in dem Moment nicht abgeben kann."
"Athleten müssen den NADA-Code kennen"
Lambertz sieht Versäumnisse auf beiden Seiten. Zum einen hätte Ansah die Konsequenzen eines verweigerten Dopingtests kennen müssen: "Wir reden hier von Profi-Athleten und Teil des Profitums ist eben auch das Auseinandersetzen mit Regeln. Das bedeutet, ich muss mich regelmäßig darüber informieren, welche Substanzen verboten sind, aber auch, was meine Rechte und Pflichten sind. Das heißt: Die Athleten müssen den NADA-Code kennen."
Ansah gibt an, dass ihm nicht bewusst gewesen sei, dass seine Abreise als Testverweigerung gewertet werden würde.
Der Sprinter hat eine schriftliche Benachrichtigung der NADA erhalten, mit dem Vorwurf einer verweigerten Dopingkontrolle. Der 25-Jährige wird anwaltlich beraten und hat sieben Tage Zeit, auf das NADA-Schreiben zu reagieren.
Hätte der Kontrolleur anders agieren können?
Die Frage steht nun im Raum, ob Ansah vom Doping-Kontrolleur noch einmal entsprechend aufgeklärt worden ist. Möglicherweise ist es auch zu Formfehlern im Ablauf dieser am Ende unvollendeten Kontrolle gekommen - eventuell ein Ansatz, um das Ganze anzufechten.
Sportrechtler Lambertz meint, dass sich auch der Kontrolleur anders hätte verhalten können. Er hätte Ansah beispielsweise zum Flughafen begleiten können, um dort die Probe abzunehmen.
Sperre von vier Jahren steht im Raum
Doch nun laufen die NADA-Ermittlungen. Vier Jahre Sperre wären die maximale Strafe für einen verweigerten Dopingtest. Diese ließe sich auf zwei Jahre reduzieren, wenn nicht vorsätzlich gehandelt worden wäre.
Lambertz rechnet damit, dass das Verfahren mindestens ein paar Wochen dauern wird, es sei denn, "es wird gesagt: es ist ein sachlicher Grund, wir stellen das Verfahren ein, dann ist es sofort vorbei."
Aus den geschilderten Umständen kann man laut Lambertz "schon zu dem Ergebnis kommen, dass hier nicht der Wille, sich dem Test zu entziehen, im Vordergrund stand, sondern tatsächlich das, was vorgetragen worden ist: nämlich eben schnell zum Flughafen zu kommen, um den Flug zu bekommen."
Deshalb sieht der Sportrechtler auch gute Chancen für die Verteidigung von Ansah: "Wenn er sich in diesem ganzen Verfahren clever anstellt, denke ich, dass wir sehr wahrscheinlich über eine Reduzierung der Strafe sprechen. Wenn nicht sogar festgestellt wird, dass der sachliche Grund vorliegt."
Ansah weiterhin startberechtigt
Da kein positiver Dopingtest vorliegt, ist Ansah nicht vorläufig gesperrt. Für die deutschen Meisterschaften am kommenden Wochenende in Bochum-Wattenscheid und die Europameisterschaften in Birmingham (10. bis 16. August) wäre er also weiterhin startberechtigt.
Ansah war vor zwei Jahren in Braunschweig in 9,99 Sekunden als erster deutscher Sprinter unter der Marke von zehn Sekunden geblieben. Am 6. Juni steigerte der in Mannheim bei Ex-Weltklasse-Weitspringer Sebastian Bayer trainierende Athlet die Bestmarke auf 9,98 Sekunden.