Ein Unfall veränderte alles: Marie Quellhorsts Weg in den Spitzensport
Mitte Juni gewinnt Marie Quellhorst den Europameistertitel bei der Para-Cycling-Europameisterschaft im Einzelzeitfahren ihrer Klasse. Jetzt hat die Göttingerin den WM-Titel im Blick. Ihr Weg an die Weltspitze.
"Jetzt genieß' die letzte Runde und fahr' das Ding sicher nach Hause", hört Marie Quellhorst ihren Trainer über das Funkgerät sagen. Dann biegt sie auf den Velodrom mit der Ziellinie ein. Erst seit zwei Jahren ist die 27-Jährige im Para-Radsport aktiv - und hat sich schon jetzt an die Spitze gekämpft.
Seit diesem Moment ist nichts mehr so, wie es vorher war. Marie Quellhorst
Vor elf Jahren, als Marie Quellhorst gerade 16 Jahre alt ist, ändert sich ihr Leben schlagartig. Bei einer Fahrt mit dem Motorrad übersieht sie ein Auto, das am Straßenrand parkt und kann nicht rechtzeitig ausweichen. "Ich bin mit meiner rechten Seite hängen geblieben und 20 Meter weiter im Straßengraben gelandet", erzählt sie. Für eineinhalb Tage liegt sie im künstlichen Koma. Ihr rechter Arm ist durch einen Nervenausriss an der Wirbelsäule beinahe vollständig gelähmt. Das rechte Bein hat nach mehreren offenen Brüchen, Bänderverletzungen und Hauttransplantationen heute noch etwa 30 Prozent weniger Kraft als das linke Bein.
Bei 20 Operationen habe ich aufgehört zu zählen.
Kurze Zeit später wird die heutige Europameisterin nach Hannover verlegt. "Das war eine schlimme Zeit. Ich hatte das Gefühl, dass ich so weit weg von meiner Familie bin, mit 16 ist man ja doch noch sehr abhängig von seinen Eltern." Die schaffen es aber, dass ihre Tochter nie alleine ist. "Jeden Tag war irgendwer zu Besuch: Freundinnen, Familie, Geschwister, Nachbarn. "Keine Ahnung wie sie das gemacht haben", sagt Quellhorst rückblickend. Lange ist unklar, wie die heute 27-Jährige das Krankenhaus verlassen wird, auch ob sie ihr rechtes Bein behalten kann. "In meinem rechten Fuß ist kein Knochen heile geblieben."
Ich musste dann lernen, wie es ist, mit einer Behinderung zu leben. Marie Quellhorst
Parasport ist mehr als Leichtathletik
"Wenn man an Parasport denkt, denkt man automatisch an Leichtathletik", sagt Marie Quellhorst. Schließlich seien die prominentesten Parasportler meist Leichtathleten. "Also habe ich erstmal mit Leichtathletik angefangen." Gleichzeitig kauft sich die damalige Maschinenbau-Studentin ihr erstes Rennrad. Nach vier Jahren Leichtathletik erleidet sie erneut einen Rückschlag: "Ich war an einem Punkt an dem ich aus mentalen Gründen von heute auf morgen keinen Sport mehr machen konnte", so Quellhorst.
Vom Tiefpunkt zum Spitzensport
"Ich habe dann gemerkt, dass ich für die Leichtathletik einfach nicht diese Leidenschaft habe", erzählt sie. Das Rennradfahren holt die Radsportlerin aus einem tiefen Loch, seitdem fährt sie regelmäßig Erfolge ein. 2025 wird sie überraschend Vize-Weltmeisterin - ebenfalls im Einzelzeitfahren. "Der Bundestrainer meinte, fahr' einfach mal mit und hab Spaß. Und genau das habe ich dann gemacht", erzählt die Wahl-Göttingerin und lacht.
Den Stress des Alltags vergessen
Seit dem Wechsel von der Leichtathletik aufs Fahrrad verbringt Marie Quellhorst in der Woche etwa 15 Stunden im Sattel. Für sie ist jede Ausfahrt eine kleine Therapie: "Es ist einfach so ein Reset, den man macht, dass man einmal so den ganzen Alltagsstress, den ganzen Trubel um sich rum so ausblenden und neue Energie schöpfen kann." Zu den Stunden auf dem Fahrrad kommen etwa zehn Stunden Krafttraining und Reha dazu. "Ich verbringe jeden Woche so 20 bis 25 Stunden, die mit Radsport zu tun haben."
Mein Kindheitswunsch war es, zur Polizei zu gehen. Marie Quellhorst
Neben ihrem Beruf als Radsportlerin arbeitet die studierte Ingenieurin und Medizintechnikerin in einem Forschungsinstitut in der Prothetik und Orthetik. "Eigentlich wollte ich immer zu Polizei oder Feuerwehr. Nach meinem Unfall war aber klar, dass sich dieser Kindheitstrraum nicht erfüllen wird."
Um in der Nähe der Eltern zu bleiben, studiert sie erst Maschinenbau und dann Medizintechnik in Erlangen. "Die Bereiche Prothetik und Orthetik kann ich gut mit meiner Sportleidenschaft verbinden." Auch sieht sie noch viel Entwicklungspotenzial in diesen Bereichen. "Es betrifft mich schließlich auch selbst."
Keine Angst auf dem Fahrrad
An ihren Unfall vor zehn Jahren denkt Quellhorst nicht, wenn sie mit bis zu 40 Kilometern die Stunde auf ihrem Rad im Göttinger Umland unterwegs ist. "Ich habe auch keine Angst, wenn ich auf dem Rad sitze", sagt sie. Stürze gehören zum Radsport dazu. "Das muss man einfach ausblenden".
Para-Cycling-WM startet am 4. September
Was die Europameisterin nicht ausblendet, sind ihre Ziele für die anstehende Weltmeisterschaft im Para-Cycling vom 4. bis zum 7. September in den USA. "Ich will auf jeden Fall an meiner Leistung aus dem vergangenen Jahr anknüpfen." Dass sie das schafft, davon ist sie überzeugt - auch weil in diesem Jahr ihr Fahrrad deutlich besser sei. "Letztes Mal bin ich einfach mit meinem Straßenrad und Aufliegern gefahren", erklärt Quellhorst. Seit dieser Saison fährt sie ein hochmodernes sogenanntes Zeitfahrrad.
Bessere Zusammenarbeit für mehr Sichtbarkeit
Neben dem eigenen Erfolg hat die Zeitfahrspezialistin auch das große Ganze im Blick: "Ich würde mir wünschen, dass der paralympische Radsport und der olympische Radsport zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen." Denn diese beiden Bereiche laufen unter verschiedenen Verbänden und wüssten quasi nichts voneinander. Mehr als unglücklich, findet die Europameisterin: "Ich glaube, dass beide Seiten wirklich voneinander profitieren könnten."