Windkraftanlage im Naturpark? Warum Klimaschutz hier strittig ist

Stand: 08.09.2026 07:29 Uhr

Überall im Land sollen neue Windkraftanlagen entstehen - Grundlage sind die Regionalplan-Entwürfe für Windenergie. Vielerorts sind die Menschen damit nicht einverstanden. Im Naturpark Lauenburgische Seen geht es um den Konflikt Naturschutz gegen Klimaschutz.

von Anne Passow

Es nieselt. Aus der Baumreihe am Ende des Felds hört man das Rufen von Kolkraben. Am Himmel zieht ein Rotmilan seine Kreise. Der Naturpark Lauenburgische Seen ist Heimat für viele Arten. Auch der Kranich fühlt sich hier wohl. "Der brütet hier jedes Frühjahr", erzählt Bettina Best - und zeigt auf eine mit hohen Gräsern bewachsene Senke.

Best engagiert sich in der Bürgerinitiative "Naturpark statt Windpark" auch für den Kranich. Denn sie und ihre Mitstreiter fürchten, dass der Lebensraum für diesen und für andere Vögel gefährdet ist - durch Windkraftanlagen. Es ist ein Konflikt zwischen Natur- und Klimaschutz.

Bis zu 260 Meter hohe Anlagen

Denn mitten im Naturpark Lauenburgische Seen (Kreis Herzogtum Lauenburg) liegen mehrere sogenannte Vorranggebiete. Sprich: Hier könnten bis zu 260 Meter hohe Anlagen entstehen - wenn die Regionalpläne des Landes umgesetzt werden. Welche Vorrangebiete zu Windenergie-Gebieten werden, darüber entscheidet aktuell die Landesplanung. Die Möglichkeit für Einwendungen gegen die Entwürfe ist gerade zu Ende gegangen.

Forderung: Keine Anlagen im Naturpark

"Diese Flächen hier sind nicht zu ersetzen. Diese Landschaft ist einzigartig in Schleswig-Holstein - das muss das Land anerkennen", fordert Best. Ihre Bürgerinitiative, die Umweltverbände BUND und NABU und die Stiftung Herzogtum Lauenburg fordern vom Land im Naturpark keine Windkraftanlagen zu bauen.

BUND: Es geht um die Vernetzung von Lebensräumen

Der Naturpark Lauenburgische Seen sei auch deswegen so besonders, weil er direkt an das Biosphärenreservat Schaalsee angrenze, betont Uta von Bassi vom BUND im Herzogtum Lauenburg. Flächen des Naturparks gehören zum Biotopverbund Grünes Band. "In den Zeiten von Klimakrise und Artensterben, muss man alles tun, um Landschaftssysteme ökologisch zu stärken und Naturschutzräume zu vergrößern", so von Bassi.

Ein Windrad vor blauem Himmel und Wolken.

In den Entwürfen der neuen Regionalplänen Windenergie steht, wo in den Kreisen Nordfriesland, Schleswig-Flensburg sowie der kreisfreien Stadt Flensburg Windräder errichtet werden dürfen.

Windkraftwerke in einer Marschlandschaft bei Sonnenuntergang

In den Entwürfen der neuen Regionalplänen Windenergie steht, wo in den Kreisen Plön, Rendsburg-Eckernförde sowie den kreisfreien Städten Kiel und Neumünster Windenergieanlagen errichtet werden dürfen.

Windkraftanlagen stehen auf einem herbstlich gefärbten Feld.

In den Entwürfen der neuen Regionalpläne Windenergie steht, wo in den Kreisen Dithmarschen, Herzogtum-Lauenburg, Ostholstein, Pinneberg, Segeberg, Steinburg, Stormarn und der kreisfreien Stadt Lübeck Windenergieanlagen errichtet werden dürfen.

Klaus Schlie: 6.000 Fahrten mit Betonmischern

Alleine schon der Bau der Anlagen würde erhebliche Schäden im Naturpark verursachen, sagt Klaus Schlie, Präsident der Stiftung Herzogtum Lauenburg. "Wir brauchen für die Anlagen ein Fundament, das einen Durchmesser von 25 bis 30 Metern hat - zwei bis vier Meter tief. Bei 35 Anlagen, die hier erbaut werden sollen, ist das eine Betonfläche, die mindestens 6.000 Fahrten mit Betonmischern erfordert", zählt er auf.

Kabelschächte im Naturpark

Zudem müssten quer durch den Naturpark Gräben für die Kabelschächte ausgehoben werden, dadurch könne sich der Boden erwärmen. "Auch das hat Auswirkungen auf das Ökosystem", so Schlie. Auch Touristen könnten der Region fern bleiben, wenn der Naturpark bebaut würde.

Blick auf den Schaalseekanal im Naturpark Lauenburgische Seen.
12 Bilder

Windpark Lauenburgische Seen

Zu seiner Zeit als Innenminister - bis 2012 bekleidete er dieses Amt - plante Schlie selbst den Bau von Windkraftanlagen mit. Empfindliche Naturräume seien damals eher ausgeschlossen worden, meint Schlie.

Staatssekretär Knuth: Auch Flächen in Naturparks prüfen

Wahr ist aber auch: Damals gab es noch keine gesetzliche Bundesvorgaben. Vor dem Hintergrund des sogenannten Windenergieflächenbedarfsgesetz (WindBG) will das Land bis 2032 bis zu 3,3 Prozent seiner Fläche für Windkraft bereitstellen. Um das zu schaffen, müsse man auch Flächen in Naturparks prüfen, betont Joschka Knuth, Staatssekretär im Umweltministerium. Und: Ein Naturpark sei rechtlich eben nicht das gleiche wie ein Naturschutzgebiet.

FAQ

Das Windenergieflächenbedarfsgesetz bestimmt, wie viel Fläche jedes Bundesland für den Ausbau der Windenergie bereitstellen muss und bis wann diese Flächen bereitgestellt werden müssen. Für jedes Bundesland gelten andere Flächenvorgaben. Schleswig-Holstein soll bis Ende 2027 1,3 Prozent und bis Ende 2032 2,0 Prozent seiner Flächen für Windkraft bereitstellen - diese Zahlen berechnet der Bund nach dem sogenannten "Rotor-out"-Prinzip. Das bedeutet, dass der Mastfuß der Windenergieanlage innerhalb eines Vorranggebietes stehen muss, die Rotoren dürfen darüber hinaus ragen.

Und: es geht um Unabhängigkeit. "Erst der Angriff Russlands auf die Ukraine, dann der Konflikt im Iran und in der Straße von Hormus - wir sehen, dass wir marktlich und auch versorgungstechnisch abhängig sind von fossilen Energieträgern. Davon wollen wir loskommen", so der Staatssekretär.

Scientists for Future: Brauchen mehr erneuerbare Energien

Holger Busche sieht das auch so. Der Geophysiker aus Kiel ist Mitglied bei Scientists for Future - und setzt sich in dieser Funktion für den Ausbau erneuerbarer Energien ein. Er sagt: "Fakt ist, wir brauchen wesentlich mehr erneuerbare Energien. Innerhalb von Schleswig-Holstein haben wir erst die Hälfte der Energie, die wir am Ende des Tages verbrauchen, aus erneuerbaren Energien."

Klimaschutz und Naturschutz stehen sich nach Ansicht Busches nicht als Gegensätze gegenüber. "Insbesondere der Artenschutz hängt ja auch vom Klimaschutz ab. Wenn wir hier das Klima weiter schädigen, wird sich auch die Artenvielfalt verändern."

Anlagen würden Gemeinden auch Geld bringen

Auch in der knapp 1.000-Einwohner zählenden Gemeinde Sterley (Kreis Herzogtum Lauenburg) gibt es Befürworter der geplanten Anlagen. "Viele hier stehen dem aufgeschlossen gegenüber", sagt Bürgermeisterin Ariane Redepenning (AFWS). Ein Grund dafür: Betroffene Gemeinden bekommen von den Betreibern neuer Windkraftanlagen Geld. Sterley wäre betroffen - "Und Projekte haben wir hier genug", meint Redepenning.

Windkraft sorgt für Streit

Die Bürgermeisterin erzählt von Streit in der Region. Die Vorranggebiete im Naturpark würden die Menschen spalten. "Ich kann beide Seiten verstehen - und wünsche mir mehr Miteinander", sagt Redepenning. Gerade mit Blick auf die jungen Leute, seien erneuerbare Energien wichtig. "Wir müssen in die Zukunft schauen, der Stromverbrauch wird ja steigen - und muss irgendwo herkommen."

Bettina Best von der Bürgerinitiative betont, dass auch sie nichts gegen Windkraft hat. "Aber nicht hier, in diesem einzigartigem Lebensraum", sagt sie. Windkraftanlagen haben im Naturpark Lauenburgische Seen ihrer Ansicht nach einfach nichts zu suchen.

Mehrere Windräder stehen auf Feldern

Die Zeit für Stellungnahmen sei zu kurz, sagt auch der Schleswig-Holsteinische Gemeindetag. Am kommenden Mittwoch endet die Frist.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Schleswig-Holstein Magazin | 07.09.2026 | 19:30 Uhr

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