Pflanzkartoffeln in SH: So bedroht das Klima die Knolle
Nicht nur für den Kohl ist Schleswig-Holstein bekannt. Auch bei der Pflanzkartoffel ist das Land weit vorne. Angesichts des Klimawandels gerät diese Position aber unter Druck.
Am Vortag sah die Wetterprognose noch ziemlich mies aus. In der Nacht und auch noch an diesem Morgen sollte es regnen. Stattdessen hüllt die Sonne den Kartoffelacker bei Wöhrden (Kreis Dithmarschen) aber in grelles Licht und die Erde ist nur leicht feucht. "Besser geht es nicht", sagt Landwirt Mathis Wiborg. Hinter ihm zieht ein großer Roder seine Bahnen und bis zu 40 Tonnen Kartoffeln pro Stunde aus dem Boden.
Zuletzt hat das Wetter dem 28-Jährigen immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht und die Ernte unterbrochen. Heute läuft die nicht nur auf Hochtouren. Wiborg trifft auch Karsten Zühl, um zu schauen, ob der nächste Feldabschnitt reif für die Rodung ist. "Dafür prüfen wir zum Beispiel, ob die Schale schon hart genug ist, um mit der Erntemaschine vom Feld geholt zu werden", erklärt Zühl und buddelt mit einer Hacke an zwei, drei Stellen Kartoffeln aus.
Nur Niedersachsen hat mehr Anbaufläche
Zühl ist Anbauberater bei Solana, einem großen Produzenten und Züchter von Pflanzkartoffeln mit Hauptsitz in Windeby (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Das Unternehmen hat Landwirt Wiborg unter Vertrag und lässt von ihm auf 70 Hektar Pflanzkartoffeln anbauen, wobei der richtige Begriff eigentlich "vermehren" ist: Man steckt vereinfacht gesagt eine Kartoffel in den Boden und bekommt zehn neue, die man jeweils wieder anbaut.
Die Menge wächst dabei exponentiell: Aus einer Knolle werden innerhalb von nur vier Durchgängen 100.000 Kartoffeln. Theoretisch kann dieses Prinzip auch jeder Landwirt und jeder Privatgärtner für sich nutzen - allerdings passiert dies bei offiziellen "Vermehrern" wie Mathis Wiborg unter kontrollierten Bedingungen.
Schließlich handelt es sich nicht um Speise-, sondern um Pflanzgut, an das hohe gesetzliche Anforderungen gestellt werden und nach diesen am Ende auch je nach Qualität eingestuft wird.
Was Landwirt Wiborg auf seinen Äckern macht, geschieht laut Landwirtschaftskammer in Schleswig-Holstein auf mittlerweile 3.610 Hektar und damit auf fast einem Drittel mehr Fläche als noch 2023. Damit ist das Land flächenmäßig der zweitgrößte Pflanzkartoffelproduzent in Deutschland - nach Niedersachsen und noch vor Mecklenburg-Vorpommern. Der Großteil wird der Kammer zufolge dabei exportiert - Ägypten und Vietnam sind zum Beispiel große Abnehmer.
Ausgangsmaterial muss hohe Standards erfüllen
Bedeutend ist Schleswig-Holstein aber nicht nur aufgrund der großen Anbauflächen. "Es wird hier auch zu einem hohen Anteil sogenanntes Vorstufen- und Basispflanzgut erzeugt", erklärt Zühl und meint damit die besonders frühen Generationen von Kartoffelpflanzen, die sozusagen gerade erst den Sprung aus dem Labor aufs Feld geschafft haben. An die würden besonders hohe gesundheitliche Standards angelegt, so Zühl.
Denn Kartoffeln vermehren sich nicht über Samen, sondern klonen sich im Grunde: Die Knollen, die aus der einen eingepflanzten Kartoffelknolle entstehen, sind genetisch nahezu identisch. "Dabei können sich Krankheitserreger quasi mitvermehren und sich anreichern, weshalb das Ausgangsmaterial möglichst wenig belastet sein darf", erklärt Anbauberater Zühl. Ansonsten besteht die Gefahr, dass größere Teile der Speisekartoffel-Ernte zum Beispiel wegen Fäulnis wegfallen.
Westküste hat Klima-Vorteil
Für die Vermehrung der Pflanzkartoffeln sind da die schleswig-holsteinischen "Gunstlagen" von Vorteil, von denen Zühl spricht und dabei vor allem Flächen an der Westküste meint. "Hier herrscht ein Klima mit vergleichsweise ausgeglichenen Temperaturen und ein steter Wind von der See aus", erklärt Zühl. Das sorge zum Beispiel für einen geringeren Befall von Blattläusen, die gefährliche Kartoffelviren übertragen könnten.
Doch auch an der Westküste zeigen sich die Folgen des Klimawandels. "Der Wind verändert sich und wir haben immer öfter mit Extremen zu kämpfen, mit Trockenheit auf der einen und starken Niederschlägen auf der anderen Seite", erzählt Landwirt Wiborg. Während Trockenphasen das Wachstum störten, könnte Starkregen Böden belasten und vor allem Pilz-Erkrankungen begünstigen. Vor allem, wenn gleichzeitig noch der Wind wegbleibt, der die Pflanzen sonst recht zuverlässig trocknet.
Forschung: Resistente Sorten aus dem Labor
Um Pflanzen zu entwickeln, die mit solchen Bedingungen besser zurechtkommen, betreibt Solana an seinem Hauptsitz in Windeby bei Eckernförde eine große Forschungseinheit.
"Auch gegen Krankheitserreger wie zum Beispiel den Blattrollvirus müssen Pflanzen resistenter werden und damit umgehen können, dass wir weniger düngen wollen", erklärt Lars Böge. Er arbeitet in Windeby als Sortenzüchter und ist für die Pläne verantwortlich, nach denen bestehende Sorten gekreuzt werden.
An diesem Mittwoch stehen in den Gewächshäusern nur noch wenige Pflanzen, die Beeren mit den Samen tragen, die zu Pflanzen mit den erhofften Eigenschaften werden könnten. "Wir haben pro Jahr etwa 450 Kreuzungen, aus denen wir ungefähr eine halbe Millionen Samen gewinnen, aus denen wiederum 200.000 bis 300.000 Pflanzen werden", sagt Böge.
Jede einzelne dieser Pflanzen ist dem Sortenzüchter zufolge genetisch ein Unikat und müsse unter den Bedingungen getestet werden, für die die geplante Sorte angedacht ist.
Sortenzüchtung dauert viele Jahre
"Wenn es gut läuft, bleiben nach zehn Jahren vielleicht drei Pflanzen übrig, die jeweils eine neue Sorte begründen könnten", so Böge. "Entsprechend muss ich als Züchter eigentlich in die Zukunft schauen und überlegen, vor welchen Herausforderungen wir dann stehen." Und auch dann vergehen noch einige Jahre, bis es Knollen der neuen Sorte auf die Felder von Landwirten wie Mathis Wiborg schaffen.
Der junge Landwirt ist überzeugt, dass die Pflanzkartoffelproduktion in Schleswig-Holstein eine Zukunft hat - nicht trotz, sondern vielleicht sogar wegen des Klimawandels. "Ich glaube", sagt er, "dass wir hier Bedingungen haben, die im Vergleich zu anderen Gegenden immer noch im Vorteil sind, weshalb ich denke, dass der Anbau eher noch weiter ausgebaut wird."