Nach Großbrand in Neumünster: Ein Boxclub verliert sein Zuhause

Stand: 09.09.2025 19:26 Uhr

Mühsam haben sich die Boxer von Baltic Sport ihre Boxhalle aufgebaut. Doch die harte Arbeit wurde durch einen verheerenden Großbrand vernichtet. Ihren Kampfgeist wollen sie sich aber nicht nehmen lassen.

von Thomas Viet Dang

So richtig realisiert hat es bei Baltic Sport noch keiner, aber was sich anfangs anfühlte wie ein Albtraum, erwies sich leider als harte Realität: Vor etwa einer Woche brannte ihre Boxhalle in Neumünster samt eines Fitnessstudios und Tanzstudios vollständig aus. Mittlerweile ist das Gebäude einsturzgefährdet. Niemand weiß, was damit passiert.

Training des Boxclubs findet nach einem Brand im Sportwerk Neumünster statt.

Die Boxer hatten ihren Club durch einen Großbrand verloren. Nun können die Sportlerinnen und Sportler aus Neumünster wieder trainieren.

Fast zwei Jahre harte Arbeit vernichtet

"Uns standen alle die Tränen in den Augen, als wir das gelesen haben", erzählt Ingolf Blümle. Der 66-Jährige ist Cheftrainer der Gruppe. Er ist noch sichtlich gerührt, wenn er über den Brand erzählt. "Im ersten Moment hab ich gedacht, mir bleibt das Herz stehen. Das war unsere Zukunft."

Blümle gründete die Boxsparte bei Baltic Sport vor fast zwei Jahren, wollte etwas Gutes für die jungen Menschen in der Stadt tun, wie er sagt. "Wir haben alles Schritt für Schritt besorgt, viele haben auch mal was Eigenes mitgebracht." Auch Spenden gab es immer wieder. Doch jetzt ist vermutlich so gut wie alles weg, was sie sich mühevoll aufgebaut haben.

Die Feuerwehr löscht einen Großbrand in Neumünster nähe der Kieler Straße.

Brennender Müll vor einer Lagerhalle hatte für einen Großeinsatz der Feuerwehr gesorgt. Die Schadenshöhe liegt wohl im Millionenbereich.

"Das war wie mein zweites Zuhause"

Ali Bichri von Baltic Sports Neumünter beim Training.
Ali Bichri trainiert seit eineinhalb Jahren bei Baltic Sport Neumünster. Die Boxhalle war für ihn "wie ein zweites Zuhause", sagt er.

"Das war schockierend für uns alle. Es berührt einen sehr dolle", erzählt Ali Bichri. Er ist 24 Jahre alt und boxt seit etwa eineinhalb Jahren bei Baltic Sport in der Kieler Straße. Bichri gehört zu den Talenten im Boxclub. "Für mich war das wie ein zweites Zuhause. Wir haben andere Pläne gehabt, aber jetzt ist alles Flöten gegangen." Das Feuer nahm ihm den Ort, an dem er seine Leidenschaft, das Boxen, auslebt. Und nicht nur das: Der Sport half ihm, "von der Straße wegzukommen", wie er erzählt. Früher habe er viel Mist gebaut. "Da bin ich heute gar nicht stolz drauf." Mittlerweile sei er durch den Sport viel ausgeglichener als früher, und er habe viel dazu gelernt.

Harter Beton, aber ihr Wille ist härter

Eigentlich wollten Bichri und seine Teamkollegen nach der Sommerpause mit dem Training wieder voll durchstarten. Doch das Feuer machte ihnen vorerst einen Strich durch die Rechnung. Eine schwierige Situation für alle.

Und der Zeitpunkt ist denkbar schlecht: "Die nächsten Wettkämpfe stehen für uns an. Schlimmer geht es jetzt gar nicht", sagt Mario Lenz, der Co-Trainer an der Seite von Ingolf Blümle. Die beiden kennen sich schon viele Jahre, der 34-Jährige lernte unter Blümle das Boxen. "Wir haben alles investiert und so viel Zeit reingesteckt, das ist alles so ärgerlich." Die Motivation in der Gruppe sei aber trotzdem ungebrochen hoch - oder genau deswegen, sagt Lenz. Aber es müsse irgendwie weitergehen. Und so wird kurzerhand der Betonplatz unterhalb der Hochbrücke in der Kieler Straße zum neuen Zuhause der Boxer - zumindest zwischenzeitlich, bis sie eine neue Halle haben.

Gerade jetzt wo wir durchstarten wollten: Wir hatten endlich unser eigenes Equipment, unsere Jogginganzüge. Das ist wirklich traurig, aber wir lassen uns davon nicht unterkriegen. Mario Lenz, Co-Trainer bei Baltic Sport
Die Boxer von Baltic Sports Neumünter beim Training.
Die Trainer Mario Lenz (links) und Ingolf Blümle haben ihre Jungs gut im Blick.

Schon Rocky Balboa hat es vorgemacht

Rund 35 Jugendliche und Erwachsene boxen gemeinsam bei Baltic Sport. "Daraus hat sich eine Familie entwickelt. Und das macht uns aus: Wir akzeptieren jeden, der einfach Lust auf Sport hat", so Ali Bichri. Für die Wettkämpfe müssen sie mindestens viermal die Woche trainieren. Auch Bichri wird im Oktober im Ring stehen. Nix tun, ist also nicht drin. Und so treffen sie sich zum ersten Training nach der dreiwöchigen Sommerpause - und nach dem Brand.

Als erste Einheit steht Warmlaufen auf dem Programm, dazwischen immer wieder ein paar schnelle Kraftübungen auf dem Betonplatz. Sie motivieren sich gegenseitig, die Stimmung ist trotz der Situation gut. Anschließend geht es weiter mit Schattenboxen. Alle stehen in einer Reihe, auf Kommando wird geboxt. Dann folgen Liegestütze, dann wieder hoch, weiterboxen. Die Übungen sind schweißtreibend, der Ton ist rau, die Kommandos hallen durch den ganzen Platz. Es ist hart, aber beim Boxen können sie endlich den Frust rauslassen, der sich seit dem Brand aufgebaut hat.

Die Boxer von Baltic Sports Neumünter beim Training.
Auf dem Betonplatz unter der Hochbrücke läuft das Training: Laufen, Schattenboxen, Liegestütze, Sprints. Mehr ist hier kaum möglich. Aber es ist möglich.

Bis der Schweiß auf den Boden tropft

Ein Dauerzustand ist das Training im Freien aber kaum, nicht nur wegen der bevorstehenden kalten Jahreszeit. Denn für eine richtige Wettkampfvorbereitung fehlen Boxsäcke, Springseile, Boxhandschuhe und viele weitere Sportgeräte, sagt Blümle. Und natürlich ein Boxring - den sie gerade erst neu erhalten hatten. Nur ein paar alte Springseile und Pratzen haben sie dabei - jeder der Jungs hat das mitgebracht, was er Zuhause noch gefunden hat. Ali Bichri kann also mit Trainer Mario Lenz ins Sparring gehen, wenigstens ein bisschen Vorbereitung ist so möglich.

Weiter geht es mit Sprints, die steile Rampe an der Hochbrücke hinauf, inmitten von Passanten und Radfahrern. Die Jungs lassen sich nicht stören, quälen sich immer wieder hoch. Aber irgendwann geht es nicht mehr - eine kurze Pause winkt. "Das soll ja auch anstrengend sein", sagt Blümle und lacht. Er stoppt die Zeit, hat seine Jungs gut im Blick. "Aber sie sind mit Herz dabei, sonst würden sie sich das auch nicht freiwillig antun."

Aber auch er gesteht sich ein: "Das ist schon ganz schön hart." Dann ist es geschafft, das Training neigt sich langsam dem Ende zu. Auch Bichri scheint erschöpft zu sein, aber er versucht es, nicht zu zeigen, schiebt selbst bei Pausen noch kleine Einheiten dazwischen.

Zwischen Trümmern und Hoffnung

Ob in den Trümmern der abgebrannten Boxhalle noch etwas von den alten Sportgeräten zu retten ist, weiß zum jetzigen Zeitpunkt niemand. Noch immer liegen Trümmerteile vor dem Gebäude, Fenster sind zerbrochen, überall sieht man den Ruß an den Wänden. Blümle scheint nur wenig zuversichtlich zu sein, weiß als Feuerwehrmann aus Erfahrung, dass durch Löschwasser und Rauch wahrscheinlich die meisten Sportgeräte kontaminiert und zerstört sein werden - falls sie das Feuer überhaupt überstanden haben. Aber die Hoffnung bleibt, denn eine andere Option haben sie erstmal nicht.

Die Resonanz auf den Brand war groß, auch von anderen Sportvereinen kam Hilfe. "Angeboten hat man uns einiges, auch ein paar Geräte, aber wir haben ja keine Halle. Wo sollen wir hin damit?", fragt sich Blümle. Die Suche nach einer neuen Boxhalle hat längst begonnen. Nur viele Optionen gibt es in Neumünster nicht. Sein Traum war es eigentlich, mal eine eigene Meisterschaft auszutragen. "Dieses Ziel ist jetzt erstmal weiter weggerückt." Ali Bichri ist trotzdem zuversichtlich, dass sie es schaffen werden. "Wir haben das Wissen, wir haben die Leute, wir kriegen das wieder gebacken", ist er überzeugt.

Abgebrannte Sporthalle von Baltic Sports in Neumünster.
8 Bilder

Wenn die Boxhalle ausbrennt: Ein Boxclub kämpft sich zurück

In eine ungewisse Zukunft

Der 24-Jährige darf das Training beenden. Die Gruppe steht im Kreis, Bichri gibt aus der Mitte heraus Kommandos zum Dehnen. Die Stimmung wird lockerer, ähnlich wie ihre Muskeln und Bänder. Der Druck des Trainings fällt langsam ab, sie lachen, reden miteinander, am Ende wird füreinander applaudiert. Ingolf Blümle und Mario Lenz stehen am Rand, sie sind soweit zufrieden mit der Leistung. Aber "ein bisschen geht noch was", witzeln sie. In diesem Moment scheint die Gruppe die Probleme im Alltag zu vergessen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin Schleswig-Holstein – mit Mandy Schmidt und Horst Hoof | 09.09.2025 | 06:00 Uhr

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