Inklusives Wohnen: Ein Quartier für alle in Elmshorn
Hier treffen Jung und Alt, Menschen mit und ohne Behinderung aufeinander: In einem inklusiven Wohnprojekt in Elmshorn wird generationenübergreifende Gemeinschaft und Selbstbestimmung täglich gelebt.
Normalerweise ist unter der Woche um die Mittagszeit nicht viel los in einem Wohnquartier. Am Henry-Durant-Weg in Elmshorn ist das anders. Vor dem Gemeinschaftsraum wuseln Menschen durcheinander, begrüßen sich, einzelne gehen rein, wieder raus. Gleich gibt es Mittagessen, doch erst einmal kommt Besuch aus Nordrhein-Westfalen, von einer, die hier leben möchte. "Es ist toll, dass sich unser Projekt herumspricht", sagt Beate Krupski, Vorsitzende des Vereins "Selbstbestimmt Wohnen am Sandberg." Gemeinsam mit dem Vorstand begrüßt sie die Interessentin und zeigt ihr das Quartier.
Ich war von dem Video total begeistert
"Ich habe euer Video auf YouTube gesehen", erzählt Maren Günther. Ihre Schwester aus Elmshorn habe es ihr geschickt. "Ich war total begeistert!" Maren Günther lebt derzeit in Herford und arbeitet dort in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Sie vermisst ein lebendiges Miteinander. Hier kann sie sich vorstellen, zu leben. "Vor allem wegen der verschiedenen Generationen, die hier zusammenkommen." Beate Krupski: "Wir haben Singles, Familien und Menschen mit Handicap."
Aus der Not geboren: Vereinsgründung vor elf Jahren
Beate Krupski hat vor knapp elf Jahren mit anderen Eltern den Verein "Selbstbestimmtes Wohnen am Sandberg" gegründet – aus der Not, weil sie für ihre Kinder mit geistigen oder körperlichen Behinderungen keine passende Wohnform fanden. Der Elmshorner Bauunternehmer Semmelhaak setzte ihre Ideen um und errichtete ein ganzes Quartier: neun barrierearme Mehrgenerationenhäuser mit 220 Wohnungen und 17 Reihenhäusern. "Alle Wohnungen haben einen Balkon oder eine Terrasse", erklärt Beate Krupski der interessierten Maren Günther, die beeindruckt ist. "Die Idee ist, dass niemand vereinsamt und echte Begegnungen möglich sind. Das Quartier ist wie ein kleiner Stadtteil. Mit Vereinsveranstaltungen bringen wir die Menschen zusammen."
Ehrenamtliche kümmern sich um Aktivitäten
Vermieter ist die Firma Semmelhaak. Um das Miteinander kümmert sich der Verein. 100 Mitglieder hat er inzwischen. Zehn engagieren sich. Ein Ehepaar bietet Fahrten in der vereinseigenen Rikscha an, zum Einkaufen oder einfach aus Spaß. "Für den Perspektivwechsel", sagt Beate Krupski und lacht.
Die kleine Gruppe läuft über das Gelände und kommt zur Quartiersoase, einem Platz mit Sitzgelegenheiten und Sonnenschutz. Einmal im Monat kommt ein Eiswagen. Hier kann gegrillt und gefeiert werden. Ganz in der Nähe ist seit ein paar Wochen die rollstuhlgerechte Boule-Bahn eröffnet. Einmal in der Woche kommt eine Nachbarin vorbei, um es den Bewohnerinnen und Bewohnern beizubringen.
Im SeWo-Treff, (SeWo = Selbstbestimmtes Wohnen), ist immer etwas los. Hier arbeitet Beata Gadihmi, Hauswirtschafterin von der Paritätischen Pflege SH. "Als ich angestellt worden bin, hat man gesagt, Mutti für alle, dich brauchen wir." Ab 6.30 Uhr betreut sie die, die Hilfe brauchen und begleitet sie zum Frühstück. "Viele gehen auch arbeiten." Jetzt bereitet sie das Mittagessen zu: Salat, Safran-Nudeln mit Paprika-Gemüse mit Schrimps und Kuchen. "Freitags wird immer frisch gebacken", sagt sie. "Die Bewohner werden verwöhnt." Die Räumlichkeiten mit offener Küche und Gemeinschaftsraum hat der Vermieter dem Verein zur Verfügung gestellt. Hier ist das Zentrum des Quartiers.
In Gemeinschaft essen, wenn gewünscht
Alle, die hier leben, können in Gemeinschaft essen. Wer keine Pflegestufe hat, zahlt elf Euro. Pflegeleistungen sind buchbar. Pflege SH ist rund um die Uhr vor Ort. Am Tisch sitzen bereits die ersten Hungrigen. Peter Schlüter und seine Frau Monika leben hier, weil sie sich nicht mehr um ihr Haus kümmern konnten. "Hier bekommen wir alles - Mittagessen, Pflege, alles, was wir brauchen – und sind begeistert."
Nele Krupski ist hier selbstbestimmt und autark
Einmal durch den SeWo-Treff hindurch, gelangt man in das Haus, in dem Nele Krupski lebt. Sie kommt gerade von der Arbeit - zu spät fürs gemeinsame Essen. Sie betätigt den Türöffner und rollt im Rollstuhl zu ihrer Wohnung. Nele ist die Tochter der Vereinsgründerin und der Grund für dieses Projekt. Sie ist vor gut zehn Jahren als eine der ersten eingezogen. Jetzt fängt sie an Wäsche abzuhängen. "Selbstbestimmt wohnen heißt für mich auf jeden Fall, autark zu sein, so viel wie möglich selbstständig zu machen." Bevor sie hier einzog, hatte sie vier Jahre in einem Heim gelebt. Dort war sie unglücklich und verbrachte viel Zeit bei ihren Eltern.
Es klingelt, sie rollt zur Tür und öffnet: "Hallo Mama, schön dich zu sehen." Auch jetzt sehen sie sich noch oft, aber sie können sich auch problemlos aus dem Weg gehen. Beate Krupski setzt sich. Mutter und Tochter besprechen, was ansteht und geplant werden muss. Nele erinnert sich, wie viel Überwindung es sie gekostet hat, ihren Eltern zu sagen, dass dies hier jetzt ihr Zuhause ist. Beate lacht und sagt: "Das hättest du mir schon viel früher sagen können. Ich sag doch: Tschakka!" Ihr Ziel sei schließlich von Anfang an gewesen, dass ihre Tochter selbständig leben kann.
Selbstbestimmt leben, in Sicherheit, Vielfalt und Gemeinschaft
Es ist 15 Uhr. Nele Krupski verabschiedet ihre Mutter, denn sie hat einen Termin im SeWo-Treff. Heute ist Bingo-Nachmittag. Sehr beliebt bei den Bewohnerinnen und Bewohnern. 20 sind gekommen. Jung und Alt, behindert und nicht behindert, alle sind willkommen. Beate Krupksi bleibt noch kurz, obwohl sie eigentlich los muss. "Wir machen Veranstaltungen vom Verein und bringen einfach die Menschen zusammen. Das ist hier wie so ein kleiner Stadtteil, das ist echt mein Baby und ich liebe es." Mit "Selbstbestimmt Wohnen am Sandberg e. V." hat sie in Elmshorn eine neue Wohnform geschaffen, die, so finden hier alle, Schule machen sollte: Selbstbestimmt leben, in Sicherheit, Vielfalt und Gemeinschaft.