Gullideckel mit Sensoren: So spürt Flensburg Fehleinleitungen auf
Wenn Regen ins Abwasser kommt, entstehen Kosten für alle. Gullideckel mit Sensoren und Mobilfunkanschluss können eingrenzen, wo die Entwässerung falsch angeschlossen ist.
Bei starkem Regen fließt doppelt so viele Wasser zum Klärwerk in Flensburg wie sonst. Dabei sollte das nicht so sein. Für Regenwasser gibt es seit etwa 60 Jahren ein getrenntes Rohrsystem. Installiert ist es fast flächendeckend in Schleswig-Holstein: Rund 95 Prozent der Gebiete sind auf diese Weise versorgt. Das Regenwasser muss nicht biologisch behandelt werden. Es stört eher die biologischen Prozesse in der Kläranlage und sorgt dort für Kosten, die auf alle Verbraucher umgelegt werden.
Regenwasser erhöht Energiebedarf
Die Kläranlage ist bereits jetzt einer der größten Stromverbraucher in Flensburg. Der Energiebedarf für das Pumpen des Abwassers und die Belüftung für die Mikroorganismen steigt durch die Regenmengen, erklärt Bereichsleiter Jens Eggers vom Technischen Betriebszentrum (TBZ). Die städtische Einrichtung geht deshalb neue Wege, um Fehleinleitungen einzugrenzen. Sie baut in Abwasserschächte Sensoren ein, die den Pegel erfassen.
75 Sensoren liefern Werte im Fünf-Minuten-Takt
Die tellergroßen Geräte nutzen Radartechnik, um den Abstand zum Wasser am Schachtgrund zu messen, erklärt Projektleiter Jonas Baade. Die Werte von 75 Sensoren an wechselnden Orten in der Stadt werden alle fünf Minuten über Mobilfunk einer Software zugeführt. Diese gleicht ungewöhnlich hohe Pegelstände mit den Wetterdaten ab.
Vernebelung liefert den Beweis
Sobald ein Verdacht besteht, rücken die Kollegen dann mit einer Nebelmaschine an. Dies war auch bisher die gängige Methode. Nur kann sie jetzt viel gezielter eingesetzt werden. Der Wasserdampf wird in die Abwasserschächte geführt. Wenn er dann an einer Regenrinne wieder herauskommt, muss diese falsch angeschlossen sein. In Wohnungen kann es nur dampfen, wenn gerade ein Abflussrohr ohne Wasserabschluss offen liegt. Sicherheitshalber informiert das TBZ aber die Feuerwehr, wenn solche Tests durchgeführt werden.
Nachrüstung meist unter 1.000 Euro
Hausbesitzern droht zwar keine Strafe, solange keine Absicht vorliegt, jedoch müssen sie nachrüsten. Meist reichen einige Hundert Euro, um den Anschluss zu verlegen, berichtet Jonas Baade. Wenn Tiefbauarbeiten erforderlich sind, kann es aber auch in die Tausende gehen.
Grundwasser ist noch größeres Problem
Nicht immer liegt es allerdings an Privathaushalten, dass sich das Abwasser verdünnt. Undichte Leitungen, ins Schmutzwasser eingeleitete Quellen, Hangwasser und Drainagen sorgen im mehr als 100 Jahre alten Kanalnetz dafür, dass auch Grundwasser die Kläranlagen belastet, berichtet das TBZ.
AZV Südholstein misst Durchflussmengen
Das bestätigt der Abwasserzweckverband AZV Südholstein. Dieser misst die Durchflussmengen des Abwassers. In Senken werden zudem wasserdichte Kanaldeckel installiert. Eine spezielle Arbeitsgruppe beschäftigt sich am Verbandssitz in Hetlingen (Kreis Pinneberg) systematisch mit dem Fremdwasser. Die Stadt Kiel berichtet auf Anfrage von NDR Schleswig-Holstein, das Thema sei bekannt. Dort sehe das Tiefbauamt keine großen Herausforderungen. Messungen seien daher nicht geplant.
Pilotprojekt der "Smarten Grenzregion"
Flensburg profitiert allerdings auch davon, dass die Stadt Teil der "Smarten Grenzregion" ist, zu der auch die Kreise Schleswig-Flensburg und Nordfriesland gehören. Hier stehen Fördergelder des Bundes für Projekte bereit, die mit Internet und Sensoren neue Ideen verwirklichen. Das reicht vom Fernrohr mit Blick in die Vergangenheit am Schloss vor Husum bis zur Messung von Besucherströmen in Flensburg. Die Sensoren im Abwasserschacht wurden von der Digitalagentur mit 200.000 Euro finanziert.