Experten aus SH: Social Media ab 16 Jahren ist gescheitert
Was nützt eine Altersbeschränkung ab 16 Jahren bei Social Media? Kaum etwas, belegen Studien aus Australien. Experten aus Schleswig-Holstein raten daher zu einem Stufenmodell ab 13. Von Ministerpräsident Günther kommt scharfe Kritik.
Der Kieler Bildungsforscher Olaf Köller zieht nach einem halben Jahr Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren in Australien eine vernichtende Bilanz: "Man merkt hier sehr deutlich, wie man es nicht machen sollte."
Denn laut aktuellen Studien nutzt der Großteil der jüngeren Nutzerinnen und Nutzer weiterhin soziale Netzwerke. Oftmals hätten sie sich nach einer Sperrung ihres Accounts einfach mit einer falschen Altersangabe wieder angemeldet. Köller geht davon aus, dass es in Deutschland bzw. Europa genauso ablaufen würde.
Man lädt im Grunde genommen die unter 16-Jährigen ein, kriminell zu werden, um sich dann auch wieder dort zu registrieren. Prof. Olaf Köller, Leibniz Institut für Bildungsforschung Kiel
Stufenmodell statt Verbot für Unter-16-Jährige
Köller war einer der beiden Vorsitzenden der von der Bundesregierung eingesetzten Expertenkommission "Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt". Diese hatte sich bei der Präsentation ihres Berichts im Juni für eine stufenweise Freigabe von Social Media ab 13 Jahren ausgesprochen.
Im Bericht heißt es: "Schutz darf nicht in pauschalen Ausschluss münden." Für die noch nicht volljährigen Nutzerinnen und Nutzer sollten die Funktionen demnach jedoch eingeschränkt sein. Unter anderem solle es keine endlosen Feeds, keine Push-Nachrichten und keine personalisierte Werbung geben.
Noch keine Möglichkeit zur Alterskontrolle
In jedem Fall brauche es eine wirksame und datenschutzkonforme Technik zur Alterskontrolle, damit das Umgehen der Altersbeschränkung nicht zu einfach sei. Laut Köller könnte das mit der European Digital Identity Wallet (EUDI-Wallet) funktionieren.
Das ist eine App, um sich digital auszuweisen, ohne persönliche Daten preiszugeben. Das Bundesdigitalministerium plant die Einführung für Anfang 2027. Die genauen Funktionen sind aber noch nicht bekannt.
Medienaufsicht: Stufenmodell nimmt Plattformen in die Pflicht
Die Medienanstalt Hamburg Schleswig-Holstein (MA HSH) mit Sitz in Norderstedt (Kreis Segeberg) sieht im Mindestalter von 16 Jahren ebenfalls keine gute Lösung. Die Behörde ist für die Aufsicht der sozialen Netzwerke zuständig, unter anderem sanktioniert die MA HSH die Plattformen wegen jugendgefährdender Inhalte oder unzulässiger Werbung.
Bodil Diederichsen ist unter anderem für Jugendschutz zuständig und fürchtet, dass bei einem Verbot für unter 16-Jährige die Plattformen an ihrer Struktur und ihren Jugendschutzmaßnahmen wenig ändern würden. Gäbe es dagegen einen eingeschränkten Bereich für junge Userinnen und User, wären die Anbieter verpflichtet, diese technischen Voraussetzungen zu schaffen.
Wir halten ein pauschales Verbot schlicht für einen schnellen politischen Schlag, der überhaupt nicht wirksam ist. Bodil Diederichsen, Medienanstalt Hamburg Schleswig-Holstein
Jugendliche würden Kommunikationsmöglichkeit verlieren
Luisa Galli engagiert sich im Jugendrat des Kinderschutzbunds Schleswig-Holstein. Sie sagt, dass es auch für die 13- bis 15-Jährigen digitale Dialogräume brauche. Gerade für diejenigen, die nicht in Städten mit "analogen" Treffpunkten lebten.
Galli denke zum Beispiel an Mädchen im ländlichen Raum, die Gewalt erleben und sich austauschen wollen: "Wen haben sie denn? An wen können sie sich denn wenden, wenn Social Media verboten wird?"
Schulpsychologe: Hohes Gefahrenpotenzial
Die Chance zur digitalen Teilhabe bewertet auch der Schulpsychologe Jörg Lorenzen-Lemke aus dem Kreis Nordfriesland positiv. Dennoch sehe er auch in seiner Arbeit, welche Folgen die übermäßige Nutzung von Social Media haben könne. Er beobachtet nach eigenen Angaben immer mehr Fälle von Depressionen, sozialen Ängsten und Konzentrationsstörungen. Teilweise schliefen Schülerinnen und Schüler ganze Schulstunden durch, sagt Lorenzen-Lemke.
Vorschlag zur Social-Media-Nutzung: Altersgrenze ab 14 Jahren
Er hält eine Altersgrenze von etwa 14 Jahren für sinnvoll. Noch wichtiger sei aber die Begleitung der Jugendlichen in den sozialen Netzwerken. Um sie zu kompetenten Nutzerinnen und Nutzern zu machen, seien die Eltern, aber auch die Institutionen wie Kita und Schule in der Pflicht. Dafür müssten sich diese selbst erst einmal mit den sozialen Netzwerken vertraut machen.
Das in Schleswig-Holstein beschlossene Handyverbot bis zur 9. Klasse ist für Lorenzen-Lemke eine richtige Entscheidung. Das soziale Klima an den Schulen sei spürbar besser geworden und es werde seit langem auch mal wieder nach der Spielekiste gefragt.
Daniel Günther: Wir müssen Kinder vor der Krake Internet schützen
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) hält hingegen auch nach negativen Erfahrungen in Australien an seiner Forderung nach einem Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren im Norden fest. Es brauche ein konsequenteres Durchgreifen bei den Konzernen, wenn es zu Verstößen gegen die Altersbeschränkungen komme.
Viele Jugendliche schon süchtig nach Social Media
Natürlich sei es schwer, jetzt ein Verbot bei den Jugendlichen durchzusetzen, die bereits bei Social Media aktiv sind. Denn diese seien vielfach bereits süchtig.
Er wolle vor allem die Kinder schützen, die noch keine intensiven Erfahrungen mit sozialen Medien gemacht haben. Von einer digitalen Teilhabe der 13 bis 15-Jährigen hält Günther nach eigenen Angaben nichts.
Teilhabe woran? Teilhabe an pädophilen Übergriffen? Teilhabe daran, mit sexualisierter Gewalt konfrontiert zu werden? Sich Enthauptungen anzugucken? Gemobbt zu werden? Daniel Günther (CDU), Ministerpräsident Schleswig-Holstein
Daniel Günther sagt, die Gesellschaft habe sich an den Kindern und Jugendlichen versündigt, weil sie die Gefahren von Social Media nicht rechtzeitig erkannt habe. Jetzt sei es die Aufgabe des Staats, möglichst viele Kinder und Jugendliche zu schützen. Deswegen brauche es eine höhere Altersgrenze.