Machtstrukturen: Studie zu geistlichem Missbrauch wird vorgestellt
Die spirituelle Sinnsuche kann schlimmstenfalls in einer persönlichen Sackgasse mit vielen Verletzungen enden. Das zeigt eine neue Studie über spirituellen Missbrauch unter anderem im Bistum Osnabrück.
In der rund 600 Seiten starken Untersuchung mit dem Titel "Macht durch Charisma" nehmen die Forschenden der Universität Münster, Judith Könemann und Bernhard Frings, exemplarisch die frühere Christusgemeinschaft im Bistum Osnabrück und die ehemalige Gemeinschaft "Totus tuus Neuevangelisierung" im Bistum Münster unter die Lupe. Im Gegensatz zum sexuellen Missbrauch ist das Phänomen des geistlichen Missbrauchs bislang kaum erforscht.
Gegenleistung für Sinnstiftung: Gehorsam, Demut und Hingabe
Der Wunsch von Gläubigen, ihre religiösen Überzeugungen intensiv und entschieden zu leben, im Verbund mit Gleichgesinnten Gemeinschaft zu erfahren und sich als Persönlichkeit neu zu finden, kann von Menschen in verantwortungsvollen Leitungspositionen radikal ausgenutzt werden. Indem diese nämlich von den Gläubigen quasi als Gegenleistung für Sinnstiftung und spirituelle Erfüllung sehr gezielt Gehorsam, Demut, Hingabe verlangen. Dies kann zu einer sehr emotionalen Bindung von einzelnen Mitgliedern an eben solche Leitungspersonen einer Gemeinschaft führen, die ihre Machtpositionen bewusst einsetzen, um dadurch massive Kontrolle auszuüben und zu manipulieren, zum Beispiel mit Blick auf die Lebensführung oder die Berufswahl.
Geistlicher Missbrauch kann schwere Folgen haben
Als Druckmittel können dienen: öffentliches Demütigen in der Gruppe, Beschämung, zeitweiser und bewusst eingesetzter Kontaktabbruch. Die psychischen Folgen sind für Betroffene ähnlich gravierend wie bei sexualisierter Gewalt: psychische Erkrankungen, Schwierigkeiten, das Leben selbstbestimmt zu gestalten, Angstzustände, Verlust des sozialen Umfelds, wenn man die Gruppe verlässt. Vier Jahre lang haben die unabhängigen Forscher im Auftrag der Bistümer Osnabrück und Münster, der Kongregation der Thuiner Franziskanerinnen und der Deutschen Bischofskonferenz Interviews mit Betroffenen geführt, mit Verantwortungsträgern in der Kirche gesprochen und Aktenbestände ausgewertet. Aufgedeckt werden bündische Strukturen, toxisches Charisma und Klerikalismus - eine Struktur, bei der das geistliche Amt so stark überhöht wird, dass Amtsträger eine übermäßige Machtstellung über die Gläubigen einnehmen.
Christusgemeinschaft als geistliches Reservoir im Bistum
Ein Schwerpunkt der Studie liegt dabei auf der in den 1970er-Jahren im Bistum Osnabrück gegründeten Christusgemeinschaft. Hervorgegangen war sie aus zahlreichen ehemaligen Teilnehmenden am Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) im Bistum. Junge Menschen also, die biografisch auf der Suche nach Lebensinhalt sowie sozialer und beruflicher Orientierung waren. Eine als "starke Persönlichkeit" beschriebene Ordensfrau der Thuiner Franziskanerinnen nimmt die Schlüsselstellung in der Christusgemeinschaft ein. Bis zum Jahr 1985 ist sie im Bistum für das Freiwillige Soziale Jahr mitverantwortlich.
Einige entschieden sich für den Eintritt ins Kloster
Es sind prägende Jahre. Auch nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr bleibt für zahlreiche Menschen die Christusgemeinschaft ein Thema. In der Hochphase zählt die kirchrechtlich nie anerkannte Vereinigung bis zu 300 Mitglieder. Nicht wenige davon entscheiden sich für den Eintritt ins Kloster oder spüren eine Berufung zum Priester. Als geistliches Reservoir gewinnt die Christusgemeinschaft so eine starke Stellung im Bistum Osnabrück. Die Studie weist nach, dass dies auch ein Grund dafür war, dass öffentlich gewordene Missstände innerhalb der Christusgemeinschaft von der Bistumsseite nur halbherzig verfolgt wurden.
Bischöfe scheuten die notwendige Konfrontation
Man scheute die Konfrontation, wollte es gar nicht so genau wissen, auch aus Sorge, diese Quelle geistlichen Nachwuchses im Bistum Osnabrück könnte bei einer allzu robusten Vorgehensweise womöglich versiegen. Ein Artikel in der Osnabrücker Kirchenzeitung benannte 1992 erstmals öffentlich, dass in der Christusgemeinschaft etwas in die falsche Richtung läuft. Deutlich wurde, dass diese Gemeinschaft nicht für alle ein sicherer Ort war, kein "Safe Space" nur weil er sich im Umfeld der Kirche befand. Die Reaktion der Bistumsverantwortlichen war unzureichend, stellen die Verfasser der Studie fest. So wurden zum Teil zwar Sanktionen verhängt, die streng genommen keine waren, weil zum Beispiel ein Beschuldigter lediglich zu einer Fortbildung geschickt wurde. Zudem: Weder wurden ausgesprochene Sanktionen kontrolliert noch folgten aus ihnen Konsequenzen.
Betroffene lange Zeit alleine gelassen
Mal wurde eine geistliche Begleitung für Beschuldigte empfohlen, mal eine Kommission eingesetzt, die aber bewusst mit Menschen besetzt wurde, die der Kirche sehr nahe standen und zum Teil selbst Mitglieder in Ordensgemeinschaften waren. Der kritische und unabhängige Blick von außen blieb so buchstäblich außen vor. Jahrzehntelang konnte die Christusgemeinschaft im Bistum Osnabrück quasi ein Eigenleben führen, dass von den jeweiligen Bistumsleitungen nicht mit der Aufmerksamkeit verfolgt wurde, wie es nötig gewesen wäre, um Kirchenmitglieder vor spirituellen Auswüchsen einer Gemeinschaft zu schützen, die zwar kirchenrechtlich nie anerkannt war, aber kirchliche Strukturen im Bistum Osnabrück personell prägte.
Bischöfe von Osnabrück und Münster äußern sich im Oktober
Die Studie weist ausdrücklich darauf hin, dass die Bistümer Osnabrück, Münster und auch München damit begonnen haben, analog zu den Ordnungen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt auch Ordnungen zum Umgang mit geistlich-spirituellem Missbrauch zu erlassen. Mit Blick auf institutionelle Schutzkonzepte, Prävention und Intervention ist das Thema spiritueller Missbrauch heute stärker im Blick als noch vor ein paar Jahren. Und doch bleibt aus Sicht der Forschenden noch eine Menge zu tun. Denn spiritueller Missbrauch ist nach wie vor kein eigenständiger Straftatbestand im katholischen Kirchenrecht. Der Vatikan prüft seit zwei Jahren, ob hier Änderungen erfolgen sollen. Die Bischöfe von Osnabrück und Münster, Dominicus Meier und Heiner Wilmer, wollen die vorgestellte Studie nun erst einmal lesen. Am 5. Oktober werden sie dazu öffentlich Stellung nehmen.