Von Rostock in die Antarktis: Forschung im Zeichen des Klimawandels
Eis, keine wirkliche Dunkelheit, monatelange Abgeschiedenheit: Im antarktischen Sommer arbeitet ein internationales Forschungsteam im Weddellmeer - auf der Suche nach Antworten auf die Veränderungen am Südpol.
Mit einem selbstgemalten Bild ihres Sohnes im Gepäck und der Familie im Herzen hat die Rostocker Polarforscherin Heike Link Kurs auf einen der entlegensten Orte der Erde genommen. Ziel ihrer Reise ist die Antarktis - genauer: das Weddellmeer. Ein vom Menschen nahezu unberührter Lebensraum und zugleich ein sensibler Indikator für den Klimawandel. Bis Februar wird das Forschungsschiff "Polarstern" unterwegs sein - für die Wissenschaft bis ans Ende der Welt.
Forschung am Rande der Welt
Seit Jahren untersucht die Biologin an der Universität Rostock die Folgen des Klimawandels im Südpolarmeer. Ihr Fokus liegt auf den kleinsten Bewohnern des Ökosystems: Mikroorganismen im Meereis, in der Wassersäule und am Meeresboden. Besonders im Blick: der antarktische Krill, ein winziger Krebs mit enormer Bedeutung für die gesamte Nahrungskette.
"Wir wollen den gesamten Lebensraum erfassen", so Link. Vom Meereis über Mikroalgen und Mikroorganismen bis hin zum Meeresboden. Entscheidend sei, wie viel organisches Material dort unten ankommt und was sich verändert, wenn das Eis schwindet.
Mit der Polarstern ins Weddellmeer
Fast zwei Monate lang leitet Link die internationale Expedition an Bord der "Polarstern", dem Forschungseisbrecher des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven. Rund 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten dort gemeinsam, analysieren Proben, diskutieren Ergebnisse und dokumentieren ihre Beobachtungen bereits während der Fahrt.
Am 15. Dezember startete die Expedition von Namibia aus in Richtung Antarktis. Mit an Bord auch Versorgung für den Forschungsstützpunkt: Container mit Ausrüstung und Technik, Proviant - tiefgekühlte und frische Lebensmittel sowie Brennstoff - 70 Tonnen Kerosin und 52 Tonnen Polardiesel. Das Zielgebiet: die Neumayer-Station III im Weddellmeer. Eine Region, von der lange angenommen wurde, dass sich das Meereis hier besonders stabil hält.
Ein Eisgürtel mit Fragezeichen
Doch genau diese Annahme gerät ins Wanken. In den vergangenen drei Jahren ist das antarktische Meereis deutlich zurückgegangen. Auch in Regionen, die als vergleichsweise widerstandsfähig galten. Welche Folgen das für das Ökosystem hat, ist noch offen. Umso wichtiger seien regelmäßige Messungen und Proben, betont Link. Nur langfristige Datenreihen könnten zeigen, wie tiefgreifend die Veränderungen tatsächlich sind.
Weihnachten im Eis
Heiligabend hat das Team im Meereisgürtel verbracht. Gearbeitet wird dennoch. Weihnachten machte im Forschungsalltag keinen Halt. Schon auf dem Weg in die Antarktis steht ein anspruchsvolles Programm an, mit Einsätzen bis spät am Abend und früh am Morgen. Auch an Silvester und Neujahr wird gearbeitet - mit Probenentnahme und Auswertung.
Da stellt sich einem schnell die Frage, wann, so fernab der Zivilisation der erste Tiefpunkt erreicht ist. "Tatsächlich ist es so, wenn die Wissenschaft gut läuft, dann kommt man da gar nicht zu, drüber nachzudenken. Wenn natürlich auch die Arbeit auf dem Schiff auf Grund von mehr Eis doch mal schwieirg wird, denkt man auch mal daran, ach, jetzt wäre es doch schön, wieder nach Hause zu kommen", so Link im NDR Interview. Doch durch die ganze Arbeit vorab und mit dem Ziel vor Augen, möchte man diesen Plan dann auch erfolgreich ausführen, erklärt Link weiter.
Navigation zwischen Risiko und Erkenntnis
Die Verantwortung für das sichere Vorankommen trägt unter anderem Kapitän Felix Kentges aus Rostock. Moderne Satellitenbilder erleichtern die Navigation, doch im Eis bleibt jede Route ein Abwägen. Einerseits ermöglicht das zurückgehende Meereis natürlich schnellere Wege, andererseits birgt auch gerade diese Dynamik vor allem später gen Westen auch Risiken für Schiff und Crew.
Forschung als Grundlage für Schutz
Die Expedition ist bereits die vierte dieser Art. Für die Wissenschaftler geht es dabei um mehr als reine Erkenntnis. Die gesammelten Daten könnten auch eine Grundlage liefern für politische Entscheidungen - etwa zum Bestand von Schutzgebieten. Die Antarktis gilt als eine Art Lebensversicherung für den Planeten Erde, sagen Forscher. Ob diese Versicherung greift, hängt auch davon ab, wie entschlossen Politik und Gesellschaft handeln.