Bus auf Bestellung: Wie der Rufbus Lücken im ÖPNV schließt
Von A nach B zu kommen, ist auf dem Land ohne eigenes Auto oft gar nicht so einfach. Linienbusse fahren mancherorts nur unregelmäßig. Im Landkreis Ludwigslust-Parchim gibt es deswegen den sogenannten Rufbus.
Die gelben Elektro-Fahrzeuge sind eine Ergänzung zum klassischen ÖPNV-Angebot und kommen immer dann, wenn man sie braucht und vielleicht gerade einmal kein Linienbus unterwegs ist. Das macht sie ziemlich beliebt.
Für Maurice Jakobi ist der Rufbus die einzige Chance, rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Jakobi besitzt noch keinen Führerschein und nutzt das Angebot täglich für den Hin- und Rückweg. "Der normale Bus fährt schon um 7.46 Uhr, meine Arbeit fängt aber erst um 9.30 Uhr an. Dann wäre ich viel zu früh dort", erklärt er.
Um 18.35 Uhr geht es für ihn mit einem der gelben Autos wieder zurück nach Hause. Für sieben Tage im Voraus kann er seine Fahrten über die App der Verkehrsgesellschaft Ludwigslust-Parchim (VLP) buchen.
Bis zu 1.000 Fahrt-Anfragen täglich
Die Fahrgäste werden an den Haltestellen des ÖPNV abgeholt und zur gewünschten Haltestelle befördert. Wer direkt vor der eigenen Haustür aussteigen will, zahlt drei Euro Servicepauschale auf den regulären Fahrpreis. Die Fahrt kostet genauso viel wie eine im regulären Linienbus und kann entweder telefonisch oder per App gebucht werden. Das Angebot ist auch mit dem Deutschlandticket nutzbar. Bis zu 1.000 Anfragen verzeichnet das Verkehrsunternehmen täglich, rund ein Fünftel davon muss aufgrund fehlender Kapazitäten abgelehnt werden.
26 Rufbusse sind im Landkreis aktuell täglich zwischen 5 und 22 Uhr unterwegs. Einen davon fährt Frank Kretschmann. Der Quereinsteiger mag seinen Job. "Man lernt so viele interessante Menschen und auch immer wieder noch neue Ecken in der Region kennen." Die Strecke ändert sich je nach Auftragslage. Kretschmann bekommt die Anfragen auf sein Diensthandy und plant seine Routen selbst. "Dadurch bist du eigentlich dein kleiner eigener Chef."
Bis zu 300 Kilometer legt er bei den rund zehn bis zwölf Aufträgen pro Schicht schon einmal zurück. "Ich mag die Abwechslung der verschiedenen Charaktere", sagt Kretschmann. Von der Rentnerin über den Anwalt bis zur jugendlichen Party-Freundesgruppe ist alles dabei. Zum Beruf gehöre mehr als nur die reine Beförderungs-Dienstleistung von einem zum anderen Ort: "Manchmal ist man auch Psychologe."
Mit autonomen Fahrzeugen soll das Angebot noch deutlich wachsen
Das Rufbus-Angebot wurde im Dezember 2016 ins Leben gerufen, weil eine Bahnverbindung in der Region gestrichen wurde. Die damals 20 Bestellungen pro Tag haben sich mittlerweile verfünfzigfacht. Und geht es nach den Plänen von VLP-Geschäftsführer Stefan Lösel, ist auch das erst die Spitze des Eisbergs. Das Potenzial sei noch deutlich größer: "Wenn wir einen On-Demand-Verkehr anbieten könnten mit zehn Minuten Erreichbarkeit vor Ort, dann lägen wir bei 25.000 Bestellungen am Tag."
Möglich machen könnten das autonom fahrende Rufbusse ohne Fahrer. Eine entsprechende Genehmigung für eine Probephase hat das Verkehrsunternehmen seit diesem Sommer. Noch in diesem Jahr könnten erste Fahrgäste für Testfahrten an Bord sein.
"Spätestens 2035 eine ganz andere Verkehrswelt"
Lösel hat eine klare Vision für den Ausbau des Angebots: "Meine Traumvorstellung ist, dass man im ländlichen Raum auf das zweite Fahrzeug verzichten kann und dass das Wort Elterntaxi seine Bedeutung verliert." Er gehe davon aus, dass es spätestens 2035 eine ganz andere Verkehrswelt gebe als noch heutzutage. Doch bereits jetzt ist der Rufbus für das Verkehrsunternehmen ein Erfolgsmodell. "Wenn wir mit einem normalen Linienverkehr so eine Leistung auf die Straße bringen wollten, wie wir sie heute mit dem Rufbus haben, dann wäre das um ein Vielfaches teurer", sagt Lösel. Das im Landkreis Ludwigslust-Parchim erprobte Modell sei mittlerweile "Benchmark" für das gesamte Bundesland.
Der nächste Fahrgast im Rufbus von Frank Kretschmann ist Soldat John Bösecke auf dem Feierabendweg in Richtung zu Hause. Für ein reguläres Taxi würde er für die knapp sechseinhalb Kilometer lange Strecke zwischen Kaserne und dem Bahnhof in Hagenow mehr als 20 Euro zahlen. "Ich bin mit dem Angebot sehr zufrieden, weil wir sonst natürlich, wie es Soldaten auch eigentlich gewohnt sind, einen Marsch hinlegen müssten."
Auch wenn er zukünftig einmal den Führerschein in der Tasche habe und das erste eigene Auto besitze, könne er sich durchaus vorstellen, den Rufbus regelmäßig weiterhin zu nutzen - schon allein aus Kostengründen.