NachGedacht: Jodelnde Cowboys und ein bisschen Frieden
Der Kopf schwirrt vor lauter Weltgeschehen - aber es gibt eine Oase des Wohlgefallens, in die man sich einmal im Jahr flüchten kann - bzw. konnte, muss leider Lena Bodewein in ihrer Kolumne feststellen.
Puuuh. Der mächtigste Mann der Welt betreibt seine Staatsbesuche wie Business-Deals, findet nichts Schlimmes dabei, einen 400 Millionen Dollar-Jet als Geschenk anzunehmen und lobhudelt bei einem machthungrigen Kronprinzen, in dessen Auftrag mutmaßlich Journalisten zermetzelt werden. Ein ganzer Landstrich wird ausgehungert, wenn er nicht vorher kaputtgebombt wird. Zwei Atommächte gehen sich an die Gurgel über ein Gebiet, das bei der Unabhängigkeit Britisch-Indiens so schlecht aufgeteilt wurde, dass Indien und Pakistan sich noch in hundert Jahren darüber streiten werden; ach ja, wir haben einen neuen Papst, die PKK löst sich auf, Selenskyj reist in die Türkei, um Putin zu treffen, aber Putin kommt doch nicht - und deshalb nimmt Selenskyi nun auch nicht an den Verhandlungen der Unterhändler teil.
Das politische Rad dreht sich mit so vielen Umdrehungen, dass mir ganz schwindelig wird, geht Ihnen das auch so? Umso mehr habe ich mich auf den Grand Prix de la Chanson d’Eurovision gefreut, oder, wie er heute genannt wird, auf den ESC. Dieses stundenlange Fest der Musikfetzen, der einzig wahre Karneval der Kulturen, von durchgeknallt bis nachdenklich, voller Absurditäten, queerem Glamour, phantastisch-finsteren Einblicken in skandinavische Seelen frisch aus der Polarnacht, röhrende Teufel, jodelnde Cowboys, butternde Maiden und koloraturschmetternde Sängerinnen an biegsamen Stäben, halbnackte Acts mit Akrobatik und Pyrotechnik - endlich mal streitlos erfreuen, das noch auf dem neutralen Boden der Schweiz, sollte doch gehen, denke ich. Dachte ich.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen
Denn das ist schon längst nicht mehr wahr. Spätestens seit Conchita Wurst werden hier politische Botschaften mit Glitzer getarnt und in Pailletten verpackt - was ja auch wunderbar ist. Diversität und Toleranz, gegen Homophobie, unbedingt! Doch was ist, wenn es darüber hinausgeht? Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine fand seinen Widerhall, sehr deutlich, als der ukrainische Folk Rap des Kalush Orchestra den ESC gewann. Jetzt forderten viele Parteien zum wiederholten Mal den Ausschluss Israels vom Wettbewerb. Und schon dreht sich die Weltpolitik auch hier rasend. Muss das? Ich weiß es selbst nicht.
Okay, damals, 1956, wurde der Grand Prix de la Chanson d’Eurovision gegründet, um eine unpolitische Bühne des Austauschs für einen noch vor kurzem im Krieg zerstrittenen Kontinent zu schaffen. Das ist ja eigentlich per se eine politische Absicht, oder? Aber: Bei all dieser Aufregung, dieser Exaltiertheit, diesen Eklats wünscht man sich doch eigentlich nur ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen und dass die Menschen nicht so oft weinen, vielleicht noch ein bisschen Liebe, dass ich die Hoffnung nie mehr verlier… Könnte man doch eigentlich auch mal ein Lied draus machen, oder? Nur mit einer Gitarre präsentiert … eine so simple wie bestechende Bitte - da wird aus dem NachGedacht das NachGesungen, denn jetzt brauche ich Sie! Trauen Sie sich! Frieden braucht Mut! "Sing mit mir ein kleines Lied, dass die Welt in Frieden lebt - Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen …" Na los!
Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie diese Kolumne geben die persönliche Sicht der Autorin wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sie sich bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.