NDR Buch des Monats: "Die zweitgrößte Liebe" von Ruth-Maria Thomas
Die Autorin Ruth‑Maria Thomas legt mit "Die zweitgrößte Liebe" ihren zweiten Roman vor. Das Ergebnis ist ein schrecklich-schönes, kluges und bewegendes Porträt über Liebe und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung.
Im Jahr 2026 geht das Märchen von "Aschenputtel" wohl nur so - nämlich ohne Happy End. Damit ist nichts vorweggenommen. Das ist von der ersten Seite an klar: Michelle, 33, Empfangsdame in einem Hamburger Nobelhotel, wird eines Tages verschwinden. Einfach so, aus der Wohnung ihres Traumprinzen Henry.
Figuren aus unterschiedlichen Galaxien
Michelle und Henry sind - wie die aus Cottbus stammende Ruth-Maria Thomas selbst - Anfang dreißig, sind bis über beide Ohren ineinander verliebt und mehr als komfortabel in seiner Luxuswohnung untergekommen. Dabei sind sie wie zwei Sterne aus vollkommen unterschiedlichen Galaxien.
Er, Henry, der Märchenprinz, ist Sohn reicher Eltern, der seine Tage damit verbringt, anderer Leute Geld zu vermehren - und damit auch sein eigenes. Sie, Michelle, ist Tochter aus ärmlichen Verhältnissen in der Lausitz, wo gerade ihr Traum von einem eigenen Schmuckladen krachend gescheitert ist.
Selbstbestimmte Michelle trifft Henry im Luxushotel
Sie zog schließlich den Schlüssel aus dem Schloss, wischte sich mit der Hand über die Stirn, lief langsam die Straße herunter, drehte sich noch einmal um, fragte sich: Was bleibt mir noch?
Das, was ich kann.
Das, was ich weiß.
Das, was ich habe.
Mich. Ausschnitt aus "Die zweitgrößte Liebe"
So versucht Michelle - in Lederjacke und ausgelatschten Stiefeln - in Hamburg wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Ausgerechnet im sündhaft teuren Hamburg! Bei einem Minijob in einem Hamburger Luxushotel begegnet ihr dann plötzlich dieser Mann, dieser Henry, so schön, so begehrenswert - und so anders als alles, was sie bisher kannte in ihrem Leben.
Michelles Leben verlief bislang "beschissen"
… wenn sie in schlechten Zeiten die halbe Kilo - ja! - Salami Packung aufriss, dieser Gestank, Luft anhalten beim Reinbeißen. Wenn sie später hungrig im Bett lag, sich einredete, sie wolle sein wie Kate Moss, aber in Wahrheit war ihr Kate Moss scheißegal, in Wahrheit war sie einfach pleite. Essen war bisher immer ein Kompromiss, ein Abwägen, ein Gegenrechnen, ein Im-Zweifel-nicht, im-Zweifel-das-Billigere gewesen. Ausschnitt aus "Die zweitgrößte Liebe"
Michelle ist geradeheraus und manchmal etwas vulgär: Wenn ihr etwas egal ist, ist es ihr "scheißegal", und wenn sie etwas bemerkenswert findet, findet sie es "krass". Dabei ist Michelle selbst bemerkenswert "krass".
Ihr bisheriges Leben war, so denkt sie selbst, "beschissen". Und nun ist da - wie aus heiterem Himmel - dieser schöne Reiche. Einfühlsam, herzlich und unglaublich gut im Bett. Offenbar hat er sich genauso in sie verliebt wie sie sich in ihn. Und er nimmt sie mit in seine Welt.
Zweifel am Märchenprinzen: Ist es ihr Traum oder seiner?
Jetzt saß sie in diesem verschissenen Auto und sah diese verschissene Stadt in der Abenddämmerung an ihr vorbeiziehen, fragte sich, was sie hier eigentlich wollte und ob sie, verdammte Scheiße, nicht eine Sache in ihrem verfickten Leben dazugelernt hatte. Ausschnitt aus "Die zweitgrößte Liebe"
Zum Beispiel, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist. Aber nun ist da plötzlich dieser Märchenprinz, der alles tut, um ihr den Himmel auf Erden zu bereiten. Der alles tut, damit sie endlich aus ihrem anstrengenden Hotel-Job rauskommt und sich doch noch ihren Traum vom eigenen Schmuckladen erfüllen kann.
Oder ist das eher sein Traum? Ist Michelle bloß Henrys "trophy wife", wie ihr jüngerer Bruder es nennt, seine Trophäe, mit dem der edle Retter sich schmücken kann: schön, unendlich sexy und von ihm - dem noblen Henry - aus der Dunkelheit befreit?
Schrecklich-schöner Liebesroman
Man weiß es nicht und folgt dem Geschehen atemlos. Was Ruth-Maria Thomas da schreibt, zeugt von tiefer Kenntnis der Empfindungen einer ostdeutschen Frau aus prekären Verhältnissen, die das Licht sucht, aber von ihm grell geblendet ist, wenn es überhell strahlt.
Aber Thomas' tiefes Wissen um die Gefühle dieser nach Selbständigkeit strebenden Frau, die damit für viele steht, ist das eine. Die Beschreibungen dieser Zerrissenheit, die Sprache, die Dialoge, die Szenen, die Thomas dafür findet, sind das, was diese Geschichte einer Frau, die zwischen Verlangen nach Liebe und dem nach einem eigenen Leben, hin und hergerissen ist, zu einem der schrecklich-schönsten Liebesromane der heutigen Zeit macht.
Die zweitgrößte Liebe
- Seitenzahl:
- 304 Seiten
- Genre:
- Roman
- Verlag:
- dtv
- ISBN:
- 978-3-423-28576-6
- Preis:
- 24 €