"Ein Teufelskreis": Was Vorurteile mit Sucht-Betroffenen machen
Sucht ist eine Charakterschwäche - dieses Vorurteil kursiert noch immer. Mit fatalen Folgen für die Abhängigkeitserkrankten und ihr Umfeld. Sucht-Expertin Gabriele Sauermann spricht über die Folgen solcher Glaubenssätze.
Gabriele Sauermann ist Referentin für Suchthilfe und Teilhabe behinderter Kinder und Jugendlicher und seit 2012 beim Paritätischen Gesamtverband - dem diesjährigen Partner der NDR Benefizaktion "Hand in Hand für Norddeutschland". Sie ist außerdem Vorstandsmitglied in der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Verbandsübergreifend engagiert sie sich im Bündnis für Kinder aus psychisch und suchtbelasteten Familien (KipsFam).
Frau Sauermann, mit welchen Vorurteilen müssen Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen leben?
Gabriele Sauermann: Früher galt Sucht als Charakterschwäche. Das zieht sich leider bis heute durch und ist wohl immer noch das größte Vorurteil. Man müsse sich nur zusammenreißen und dann klappe das schon mit dem Aufhören, alles eine Frage der Willensstärke. Und dann kommt die vorwurfsvolle Frage: "Warum schaffst du das nicht?" Dabei ist eine Abhängigkeitserkrankung ja eine Erkrankung. Und bei keiner anderen Erkrankung würde man so etwas zu jemandem sagen: "Du hast Diabetes? Hör doch auf damit, das schaffst du schon!" Das macht es für die Betroffenen noch schwieriger.
Warum?
Sauermann: Solche Vorurteile sorgen dafür, dass sich die Betroffenen selbst stigmatisieren. Die Glaubenssätze der anderen übertragen sich auf sie, so dass sie schließlich selbst denken: Ich bin so schwach, ich bin so wertlos, ich schaffe das nicht. Das ist ein Teufelskreis. Weil die Betroffenen dann viel zu lange glauben, sie müssten sich nur mal zusammenreißen und hätten keinen Anspruch darauf, medizinisch und therapeutisch behandelt zu werden. Dabei geht viel Zeit verloren, in der sie schon Hilfe bekommen könnten.
Was machen solche Vorurteile mit den Familien der Betroffenen?
Sauermann: Die sorgen oftmals dafür, dass die Sucht tabuisiert oder heruntergespielt wird. Dann heißt es beispielsweise beim alkoholabhängigen Familienvater: Der Papa trinkt ja nur Bier, der trinkt nicht die harten Sachen. Das Umfeld ist in aller Regel erstmal darum bemüht, nach außen das Bild von der heilen Familie abzugeben – bei uns ist alles in Ordnung. Und das kann man ja auch verstehen, eben weil Sucht so stigmatisiert ist. Wenn ein Familienvater einen Herzinfarkt hat, haben Außenstehende Mitleid und helfen. Ist er ein "Trinker", ist das leider häufig anders.
Ein anderer Effekt in Familien mit einem abhängigkeitserkrankten Elternteil ist der, dass Kinder häufig die elterliche Rolle übernehmen. Sie kaufen ein, kochen, putzen. Weil sie Angst haben, dass sonst das Jugendamt kommt und sie schlimmstenfalls von der Familie getrennt werden. Also hält die Familie bewusst oder unbewusst den Deckel drauf und hält nach außen dicht. Deshalb haben wir in unserem Land leider drei Millionen Kinder in suchtbelasteten Familien, die still leiden und unter widrigen, nicht kindlichen Umständen groß werden. Und für die es bisher nur sehr wenig Hilfsangebote gibt, obwohl sie ein erhöhtes Risiko haben, später selbst psychisch krank zu werden.
Wie kann man helfen, wenn man einen betroffenen Menschen kennt - oder zumindest vermutet, dass die Person ein Suchtproblem hat?
Sauermann: Ich glaube, man sollte immer beim Ich bleiben. Die eigenen Wahrnehmungen sind der Schlüssel zur anderen Person. Also sollte man dem Abhängigkeitserkrankten gegenüber das benennen, was man wahrnimmt, wie man empfindet und dass man sich einfach Sorgen macht. Das ist viel wichtiger als beispielsweise zu sagen: Ich glaube, du trinkst viel zu viel. Wichtig ist natürlich auch das Setting für ein solches Gespräch: Nicht zwischen Tür und Angel, sondern in einem geschützten Raum zu einer Zeit, zu der die Person es gut aufnehmen kann.
Und wenn die Person das Problem abstreitet?
Sauermann: Das kann gut sein, und man sollte wissen, dass genau das passieren kann. Abhängige Menschen verharmlosen oder negieren ihre Sucht oft. Dann heißt es: Dranbleiben im Gespräch. Man könnte die Person zum Beispiel fragen, ob es noch andere Menschen gibt, die sich um sie sorgen und sie schon mal auf das Thema angesprochen haben. Wichtig ist es, in so einem Gespräch einfühlsam zu sein und nicht auf den üblichen Vorurteilen herumzureiten.
Hilft es, so jemandem eine Liste mit Beratungsstellen in der Nähe vorzulegen?
Sauermann: Auf Beratungsstellen als erste Anlaufstelle hinzuweisen, ist immer gut, noch besser ist es, den Personen anzubieten, sie dabei zu begleiten, weil viele den Schritt allein vielleicht nicht schaffen. Das hängt aber natürlich von der Person ab. Einige Beratungsstellen sind für viele ein No-Go, weil sie glauben: "Das ist doch nicht für mich, das ist für die krassen Fälle." Was natürlich nicht stimmt. Ein anderer Weg zur Behandlung kann auch ein Hausarzt sein. Und für viele kann auch die anonyme Beratung im Internet der erste Schritt sein, sich Hilfe zu suchen.
Haben Menschen, die eine Sucht überwunden haben, besondere Fähigkeiten?
Sauermann: Ja, und diese Skills sind besonders wertvoll in unserer Gesellschaft, die ja nicht gerade locker umgeht mit dem Scheitern. Menschen mit Suchterfahrungen haben gelernt, mit heftigen Niederlagen umzugehen und sich immer wieder herauszuarbeiten. Im Berufsleben sind sie oft diejenigen, die nicht gleich aufgeben, wenn es schwierig wird und die ein gutes Gespür für ihre Kolleginnen und Kollegen haben und Dinge offen ansprechen können.
Das Interview führte Kathrin Bädermann