3. Liga
Hansa in der Datenanalyse: Führt Breitenreiter Rostock zum Aufstieg?
Fußball-Drittligist Hansa Rostock will mit Trainer André Breitenreiter durchstarten und endlich die Rückkehr in die 2. Liga schaffen. Aber wie stehen die Chancen? Ist der Kader überhaupt gut genug? Und was kann Breitenreiter aus der Mannschaft herausholen?
Zuerst die Fakten: Die Rostocker haben unter Breitenreiters Vorgänger Daniel Brinkmann in der vergangenen Saison den möglichen Aufstieg im Saisonendspurt verspielt. Dabei hatten die Verantwortlichen das Erreichen des Ziels durch den kurzfristigen Verkauf von Topscorer Ryan Naderi selbst erschwert. Hansa fehlten am Ende drei Punkte zu Relegationsrang drei.
Wenn man ambitioniert arbeiten möchte, ist man einem gewissen Druck ausgesetzt. Hansa-Trainer André Breitenreiter
Im Sommer gab es einen Umbruch im Kader. Am Ziel Aufstieg wurde festgehalten. Das Team startete unter Brinkmann mit acht Punkten aus vier Spielen - obwohl mit Emil Holten der Top-Torjäger der Vorsaison verletzungsbedingt bisher komplett fehlte. Nach der ersten Niederlage, die es mit 0:4 bei Viktoria Köln in sich hatte, musste der Coach sofort gehen. In den beiden Spielen danach gab es vier Punkte.
Nun also Breitenreiter. Der gebürtige Niedersachse hat Aufstiegserfahrung, feierte mit Paderborn und Hannover jeweils den Sprung in die Bundesliga. Beim FC Zürich wurde der 52-Jährige Schweizer Meister. In seiner Vita stehen allerdings auch weit weniger erfolgreiche Episoden bei Schalke 04, bei der TSG Hoffenheim oder im englischen Huddersfield.
Breitenreiters Fußball steht für Klarheit, ...
Die Analysten von Global Soccer Network (GSN) haben die bisherige Arbeit des neuen Hansa-Trainers untersucht und fassen den Stil so zusammen: "Breitenreiters Ansatz steht in der Regel für klare Linien, klare Abstände, weniger Zwischenrollen und stärker definierte Aufgaben für die einzelnen Mannschaftsteile."
Sein bevorzugtes 4-4-2 mit Doppelsechs erzeuge "grundsätzlich eine klarere Staffelung - statt eines Zehners gibt es zwei zentrale Mittelfeldspieler, zwei Außenspieler und zwei Angreifer". Er setze auf "eine deutlich strukturierte Nutzung von Flügelangriffen und Positionsangriffen". Gerade im Vergleich zu Hansas Spiel unter Brinkmann dürfte der Neue eine deutlich höhere Aktionsdichte verlangen - mit Pressingläufen, Verschieben, Rückwärtsbewegungen, zweite Bällen und unmittelbaren Anschlussaktionen.
... passt aber womöglich nicht so gut zum Kader
Doch was kann Breitenreiter von seinen Vorstellungen in Rostock umsetzen? GSN kommt zu dem Schluss, dass Breitenreiter mit seiner Idee von Fußball gerade einmal zu 71,39 Prozent zum Hansa-Kader passt. Die Daten-Experten nennen die Verpflichtung auf Grundlage der Zahlen "eher eine solide als eine überzeugende Lösung" für Hansa.
Hinzu kommt, dass die offenbar sehr hohen Erwartungen an der Ostsee nicht so recht zur Realität passen. Auf der Grundlage der GSN-Indexwerte ist der Kader der Mecklenburger nicht nur schlechter als in der vergangenen Saison. Im Liga-Vergleich steht Hansa (49,08) sogar nur auf Rang sechs - hinter Düsseldorf, Saarbrücken, Münster, Essen und auch Verl. Genau dort also, wo der Club aktuell in der Tabelle liegt. Die KI-Prognose für diese Saison sieht die Norddeutschen in der Endabrechnung auf Platz fünf.
"Ich sehe sehr viel Potenzial, erfolgreich arbeiten zu können", gab sich Breitenreiter bei seiner Vorstellung optimistisch, forderte aber auch "Einigkeit und Geschlossenheit" innerhalb der Mannschaft und des Clubs.
Hansa war unter Brinkmann zuletzt viel zu sehr von Standards abhängig. Sieben von den elf Toren fielen nach Standards. Gerade einmal zwei Treffer erzielten die Mecklenburger aus Positionsangriffen. Das bedeutet im Ligavergleich Rang 19. Kurios: Von den im Schnitt 19,4 Schüssen pro Partie gingen gerade einmal 3,2 auf das Konto der Stürmer (1,2 aufs Tor). Die Mittelfeldspieler kamen hingegen auf sieben Abschlüsse und sogar die Verteidiger auf 4,2.
Im Zentrum fehlt Hansa die Spielkontrolle
Hinzu kommen 2,4 Gegentore pro Spiel, obwohl der Wert der Expected Goals der Gegner nur bei 1,38 lag. Das deutet laut GSN auf eine "strukturelle Instabilität" hin. In Sachen Luftzweikämpfe und den gewonnenen Duellen zählt Hansa zu den besten Teams der Liga. Bei den Bodenzweikämpfen sieht die Sache ganz anders aus. Im Schnitt 50,6 gewonnene Bodenduelle bedeuten den drittletzten Platz. Dazu kommen nur fünf eroberte freie Bälle pro Spiel - so wenig hat kein anderes Team. Gerade im Zentrum fehlte Hansa die Spielkontrolle.
Breitenreiter in besonderem Maß gefordert
Es gibt also mehr als genug Punkte, an denen Breitenreiter ansetzen könnte. Gleichzeitig muss der Fußball-Lehrer mehr aus dem Team herausholen, als es ihm die Datenexperten zutrauen. Kein leichtes Unterfangen. Manager Amir Shapourzadeh sagte: "Er weiß ganz genau, worauf es bei einem Traditionsverein wie Hansa ankommt, kann eine Mannschaft weiterentwickeln und auf Erfolgskurs bringen."
Laut GSN bewegt sich Hansa in der Dritten Liga in einem Bereich, "in dem Trainerleistung, taktische Organisation und mannschaftliche Entwicklung besonders wichtig werden". Die Analysten sehen viel Arbeit auf den Neuen zukommen, wenn er in Rostock "seinen Fußball" spielen lassen möchte. "Insbesondere bei Pressingintensität, kollektivem Nachschieben, zweiten Bällen, wiederholten intensiven Aktionen und der Besetzung einer echten Doppelspitze" klafft laut Daten (noch) eine große Lücke zwischen dem möglichen Anspruch des Trainers und der Rostocker Wirklichkeit.
Debüt im Landespokal, dann gegen Würzburg
Breitenreiter hat durch die Länderspielpause Zeit, seine Mannschaft auf die kommenden Aufgaben vorzubereiten und noch einmal auf das große Ziel einzuschwören. Sein Debüt an der Seitenlinie wird der neue Coach im Landespokalspiel am 3. Oktober (14 Uhr) beim Achtligisten SV Gützkow geben - eine Pflichtaufgabe. Doch schon mit seinem ersten Ligaspiel bei den Würzburger Kickers am 10. Oktober (14 Uhr, im NDR Livecenter) muss er liefern.