Hausaufgaben abschaffen? Warum Grundschulen in SH neue Wege gehen
An der Grundschule Nortorf gibt es keine klassischen Hausaufgaben mehr. Ganz ohne Lernen zu Hause geht es aber trotzdem nicht. Und für echte Chancengerechtigkeit braucht es mehr - sagt ein Elternnetzwerk.
Zum Schuljahr 2025/26 hat die Grundschule Nortorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) auf 60-minütige Unterrichtsstunden umgestellt. Mit der längeren Unterrichtszeit will die Schule einen Teil dessen auffangen, was früher über klassische Hausaufgaben zusätzlich zu Hause erledigt wurde: Die Kinder haben in den einzelnen Fächern mehr Zeit, Inhalte zu erarbeiten und zu üben.
Denn: Klassische Hausaufgaben gibt es dort seit Februar 2025 nicht mehr. Eine zusätzliche Lernzeit wurde dafür nicht eingerichtet, gelernt und geübt wird im regulären Unterricht. Ganz ohne Lernen zu Hause kommt die Schule trotzdem nicht aus: Lesen, Auswendiglernen oder das Einmaleins sollen die Kinder weiterhin daheim üben. Die Schulleiterin Astrid Krüger spricht deshalb ausdrücklich von einer Schule "ohne klassische Hausaufgaben".
Mehrere Grundschulen in Schleswig-Holstein ohne Hausaufgaben
Die Grundschule Nortorf ist damit kein Einzelfall. Das Bildungsministerium nennt mehrere Grundschulen in Schleswig-Holstein, die bereits auf klassische Hausaufgaben verzichten oder entsprechende Konzepte planen. Wie viele es landesweit genau sind, wird allerdings nicht erfasst.
Die Kinder haben einen positiven Start in den Morgen und müssen keine Angst haben, dass nicht gemachte Hausaufgaben entdeckt werden oder dass sie die Hausaufgaben nicht bewältigen konnten. Astrid Krüger, Schulleiterin Grundschule Nortorf
Entspannterer Schulalltag ohne Hausaufgaben
Nach den bisherigen Erfahrungen sieht die Schule in Nortorf keine negativen Auswirkungen. Zugleich habe sich der Alltag entspannt: Kinder müssten keine Angst haben, nicht erledigte Hausaufgaben vorzeigen zu müssen - heißt es von der Schulleitung.
Eltern schwanken zwischen Entlastung und Sorge
Ganz ohne Bedenken lief die Umstellung nicht. Einige Eltern sorgten sich laut Schulleiterin, weniger darüber zu erfahren, was ihre Kinder lernen und wie ihr Lernstand ist. Die Schule habe darauf mit zusätzlichen Elternabenden und Rückmeldungen reagiert.
Ministerium hält Hausaufgaben weiter für sinnvoll
Eine Pflicht, Hausaufgaben aufzugeben, gibt es in Schleswig-Holstein nicht. Das Bildungsministerium hält Hausaufgaben zu Übungszwecken und zur Förderung selbstständigen Arbeitens grundsätzlich für sinnvoll. Gleichzeitig sieht das Rahmenkonzept des Landes für den Ganztag ausdrücklich Lernzeiten vor.
Das sind strukturierte Phasen, in denen Kinder beim eigenständigen Arbeiten pädagogisch begleitet werden. Je nach Schulkonzept können sie dort Hausaufgaben erledigen, individuell üben oder Lerninhalte vertiefen. Gerade für Kinder, die zu Hause wenig Unterstützung bekommen können, sieht das Ministerium darin einen Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit.
"Für Chancengerechtigkeit braucht es mehr"
Das Migrant*innen-Elternnetzwerk Schleswig-Holstein begrüßt grundsätzlich, klassische Hausaufgaben zu reduzieren oder abzuschaffen und Lern- und Übungszeiten stärker in die Schule oder den Ganztag zu verlagern. Aus Sicht des Netzwerks sollte der Bildungserfolg möglichst wenig davon abhängen, welche zeitlichen, finanziellen, sprachlichen oder fachlichen Möglichkeiten eine Familie zu Hause hat.
Gleichzeitig betont das Netzwerk: Allein Hausaufgaben abzuschaffen, schafft noch keine Chancengerechtigkeit. Dafür brauche es ausreichend Zeit, geeignete Räume, pädagogische Begleitung und eine gute Kommunikation mit den Eltern.
Auch der Verband alleinerziehender Mütter und Väter sieht klassische Hausaufgaben kritisch. Sie könnten zum Stressfaktor werden und Eltern in eine Rolle bringen, die eigentlich bei Lehrkräften liege. Der Verband weist allerdings darauf hin, dass Hausaufgaben in seiner Beratung kein Schwerpunkt sind.
GEW: Hausaufgaben können Ungleichheiten verstärken
Die Bildungsgewerkschaft GEW Schleswig-Holstein sagt: Einfaches Üben kann sinnvoll sein, wenn Kinder Aufgaben selbstständig bearbeiten können und zu Hause geeignete Bedingungen haben. Aufgaben, die Weiterdenken oder zusätzliche Hilfe erfordern, seien dagegen für viele ohne Unterstützung schwer zu bewältigen.
Ein fehlender ruhiger Arbeitsplatz könne ebenfalls zum Nachteil werden. Hausaufgaben könnten bestehende Ungleichheiten deshalb eher verschärfen. Die GEW sieht schulische Lern- und Übungszeiten, etwa im Ganztag, als möglichen Weg zu mehr Chancengerechtigkeit. Sie warnt aber davor, einfach mehr Unterricht anzuhängen. Gerade Kinder mit Förderbedarf seien nach langen Tagen oft erschöpft. Sinnvoller seien aus ihrer Sicht mehr pädagogische Begleitung, kleinere Lerngruppen und geeignete Räume.
Forschung: Qualität der Aufgaben entscheidend
Die Erziehungswissenschaftlerin Marion Pollmanns von der Europa-Universität Flensburg sagt, entscheidend seien unter anderem die Qualität der Aufgaben, ihr Bezug zum Unterricht und die Frage, wie die Ergebnisse dort anschließend aufgegriffen werden. Gerade bei jüngeren Kindern sei zudem freie Zeit zum Spielen wichtig.
Effekt von Hausaufgaben bei jüngeren Kindern gering
Die Grundschule Nortorf hat sich bei ihrer Entscheidung nach Angaben der Schulleiterin unter anderem an den Arbeiten des Bildungsforschers John Hattie orientiert. In seiner 2009 veröffentlichten Forschungsübersicht "Visible Learning" fasste Hattie mehr als 800 Meta-Analysen zu Einflüssen auf schulischen Lernerfolg zusammen.
Beim Thema Hausaufgaben zeigte sich: Bei jüngeren Kindern fällt der Effekt deutlich geringer aus als bei älteren Schülerinnen und Schülern. Hattie folgert daraus allerdings nicht, Hausaufgaben grundsätzlich abzuschaffen, sondern genauer auf ihren Nutzen und ihre Gestaltung zu schauen.
Ich habe mehr Zeit, mit meinen Freunden zu spielen. Rocco, Schüler der 4. Klasse
Bilanz erst in einigen Jahren
Genau diesen Weg will die Grundschule Nortorf zunächst weitergehen. Die Schule ist laut Schulleiterin Astrid Krüger von ihrem Konzept überzeugt und will daran festhalten. Und auch bei vielen Kindern kommt das Konzept gut an.
Einige Schüler erzählen NDR Schleswig-Holstein, dass sie sich freuen nun mehr Zeit zum Spielen und für andere Dinge zu haben. Auch die Schulleiterin beobachtet, dass die Kinder entspannter und mit einem positiveren Start in den Morgen kommen. Eine endgültige Bilanz will die Schule trotzdem erst in zwei bis drei Jahren ziehen.