Kommentar: Spiritueller Missbrauch ist perverse Praxis
Ein Studie setzt sich mit spirituellem Missbrauch im Bistum Osnabrück auseinander. Bischöfe hätten Gläubige des Bistums vor Seelenfängern schützen müssen, kommentiert Florian Breitmeier.
Um es klar zu sagen: Nicht jeder, der in einer geistlichen Gemeinschaft seinen Glauben lebt, wird spirituellen Missbrauch erleiden, wird manipuliert und zu unbedingtem Gehorsam gezwungen. Die Forschenden der Uni Münster haben auftragsgemäß ganz bewusst negative Prozesse und Dynamiken in geistlichen Gemeinschaften unter die Lupe genommen. Sie haben kein grundsätzliches Urteil über diese Glaubensform an sich gefällt. Das ist wichtig, gerade um das Verstörende zu verstehen, das dem spirituellen Missbrauch innewohnt.
Aufgabe des eigenen Ichs für spirituelle Sinnerfüllung
Allerdings: Wenn Menschen ihren Glauben in radikaler Konsequenz leben wollen, muss das per se nichts Schlechtes sein. Reflexionen über die eigene Religiosität mit Gleichgesinnten, sich auf tiefergehende Sinnsuche zu begeben mit geistlichen Begleiterinnen und Beratern, auch Supervision in Anspruch zu nehmen, all das ist geübte Praxis für gar nicht so wenige Menschen. Gefährlich wird es aber dann, wenn quasi als Gegenleistung für spirituelle Sinnerfüllung das eigene Ich zunehmend in den Hintergrund tritt, weil eine charismatische Persönlichkeit einem genau sagt, was gut für einen sei und dies Gottes Willen entsprechen würde. Wer dem Kern der eigenen Religiosität vermeintlich nur dann auf die Spur kommen kann, wenn er sich als Persönlichkeit aufgibt und allein dem Wort anderer vertraut, der läuft Gefahr, spirituell missbraucht und ausgenutzt zu werden.
Charismatiker missbrauchen Bedürfnisse von Menschen für eigenes Ego
Im Fall der Christusgemeinschaft gab es Führungspersonen, die einen extremen Moralismus an den Tag legten, vom Bösen sprachen, vielerorts Verderbliches witterten. Dabei handelten sie in bestimmten Situationen selbst pervers. Pervers im Sinne von verdrehen, verfälschen, etwas ins totale Gegenteil verkehren. Denn anstatt Menschen auf ihrer Sinnsuche zu unterstützen, sie freier zu machen, damit diese ihrem Glauben selbstbestimmt auf die Spur kommen können, haben Charismatiker die Bedürfnisse von Menschen auch für das eigene Ego missbraucht. Das ist das Abartige, das Verdrehende, das Perverse an dieser Praxis: Menschen klein halten, ihnen die Eigenständigkeit nehmen, sie geistig eingrenzen.
Bistum muss Gläubige vor Seelenfängern schützen
Die jeweiligen Bistumsleitungen haben über Jahrzehnte die notwendige Konfrontation mit der Christusgemeinschaft gescheut, Hinweisen auf Missstände wurde nicht konsequent genug nachgegangen. Machtworte blieben aus, harte Konsequenzen ebenso. So nahm das Schicksal für viele Betroffene seinen fatalen Lauf. Die Christusgemeinschaft war kirchenrechtlich nie anerkannt. Sie führte bis zu ihrem Ende im Bistum ein Eigenleben. Und doch wäre es die Aufgabe der Osnabrücker Bischöfe gewesen, Gläubige des Bistums ganz seelsorglich vor den Auswüchsen einiger Seelenfänger zu schützen. Die neue Studie zu spirituellem Missbrauch mahnt deshalb zu mehr Wachsamkeit, kirchlicher Verantwortung und Entschlossenheit. Die Sensibilität für das Thema muss präsent bleiben. Kirchenrechtlich, theologisch und in der konkreten Seelsorge.