"Kennt ihr Namen von Opfern?" Azubis im Demokratie-Training

Stand: 25.09.2026 21:16 Uhr

Die Demokratie erhalten: Jüngste Wahlen und Entwicklungen haben erneut gezeigt, dass dies nicht selbstverständlich ist und Einsatz erfordert - vor allem bei jüngeren Leuten. Eine Osnabrücker Berufsschule macht jetzt ein Demokratie-Training, unter anderem in einer Gedenkstätte.

von Josephine Lütke

"Habt ihr den Begriff 'Gestapo' schon einmal gehört und kennt die Abkürzung?" "Kennt ihr drei Namen von Tätern des Nazi-Regimes außer Adolf Hitler?" "Und kennt ihr auch drei Namen von Opfern?" Workshop-Leiterin Chama Osso fragt die Azubis zu Beginn des Workshops nach ihrem Wissensstand. Die Schüler, Lehrkräfte und eine Schülerin zeigen mit ihren Daumen nach oben oder nach unten. Das Ergebnis: gemischt. Die "Gestapo" kennen viele, bei den Namen wird es schwieriger.

Augustaschacht war Arbeitserziehungslager der Nazis

Eine Gruppe Azubis in der Gedenkstätte Augustaschacht
Die Azubis und ihr Lehrer erkunden die Ausstellung in der Gedenkstätte.

Rund 15 Auszubildende zum Zweiradmechatroniker, Fachrichtung Fahrradtechnik, sind heute in der Gedenkstätte Augustaschacht in Hasbergen (Landkreis Osnabrück) dabei. Sie lernen, dass hier mehr als 2.000 Männer und Jugendliche von den Nazis inhaftiert wurden und dass sie unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten. "Ich finde es sehr wichtig, sich damit zu beschäftigen", sagt Azubi Simon Kasper. Denn: "Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart", zitiert er den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

Zwei Wochen Demokratie-Crashkurs

Und genau darum geht es bei diesem Workshop und den ganzen Projektwochen der Berufsbildenden Schule Brinkstraße, die auch Teil des Netzwerks "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" ist. Denn Rassismus oder Sexismus gebe es auch an ihrer Schule, sagt die Koordinatorin der Projektwochen, Andrea Bosse. Es gebe zwar sehr viele gute Beispiele, wie Schüler über die Kulturen hinaus befreundet sind. Bosse berichtet aber auch von Streit, Hetze, häufigen kleinen Bemerkungen oder Witzen, hinter denen mehr steckt. Also entschloss sich die Schule, verschiedene Aktionen, Workshops und Referenten in zwei Projektwochen zu bündeln. Die Themen reichen von Stammtischparolen über häusliche Gewalt bis hin zu Zivilcourage. Mehr als 2.000 Azubis machen mit. Die meisten von ihnen sind junge Männer aus technischen Berufen.

Lernstoff: Sexismus oder Rassismus

Die Gedenkstätte Augustaschacht
Die Gedenkstätte Augustaschacht erinnert an die Zwangsarbeiter, die hier inhaftiert waren.

Das Demokratie-Training setzt offenbar genau da an, wo klassischer Unterricht an seine Grenzen kommt. "Es gab kein Unterrichtsfach, das Sexismus oder Rassismus lehrt. Woher dieses Gedankengut kommt, was die Folgen davon sind, warum man das sagt: Das wird einem nie beigebracht", sagt Azubi Colin Barwinski. Aber auch was die historischen Fakten angeht, können die Schüler in der Gedenkstätte noch etwas lernen. Azubi Ricardo Scherer weiß beispielsweise nicht genau, was in den Konzentrationslagern oder Arbeitslagern damals passiert ist. Hier vor Ort könne er das besser herausfinden, sagt er.

Viele junge Menschen wissen wenig über Holocaust

Tatsächlich zeigt beispielsweise eine Umfrage der Organisation Jewish Claims Conference, dass etwa 40 Prozent der 18- bis 29-Jährigen in Deutschland nicht wissen, dass etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden. Beim Workshop in der Gedenkstätte Augustaschacht soll die Gruppe der angehenden Zweiradmechatroniker aber nicht nur Fakten lernen. "Es ist entscheidend zu wissen, wie viele Millionen Menschen zur Zwangsarbeit genötigt wurden. Aber allein das zu lernen wird nicht ausreichen, um zu vermitteln, warum das grausam ist", sagt Chama Osso, die den Workshop in der Gedenkstätte leitet. "Durch Diskussionen zum Beispiel werden die Azubis auch mit sich selbst und ihrem empathischen Verständnis konfrontiert."

"Die Geschichte wiederholt sich"

Azubis vor einer Pinnwand
Am Ende des Workshops erarbeiten die Azubis, wie sie sich für die Demokratie einsetzen können.

Zum Ende des Workshops reflektieren die Schüler, überlegen, warum Erinnerung wichtig ist und was sie konkret tun könnten. Azubi Jonas Plegge stellt sein Fazit des Tages vor der Gruppe vor: "Es gibt so viele Parallelen zu der damaligen Geschichte. Die Geschichte wiederholt sich. Gerade in der Machtergreifung sieht man so viele Parallelen, dass wir da wirklich aufpassen müssen, dass wir unsere Demokratie bewahren."

Peter Kurbjuweit ist Sohn eines griechischen Zwangsarbeiters.

Die Wanderausstellung "trotzdem da" in der Gedenkstätte Augustaschacht bei Osnabrück erzählt Geschichten von Scham und Tabus.

Das Mahnmal für KZ-Opfer der 5. SS-Eisenbahnbaubrigade in Osnabrück ist mit Graffiti beschmiert.

Es ist der dritte Vorfall in zwei Jahren. Ob es sich bei dem Graffiti um eine politische Botschaft handelt, wird ermittelt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Hallo Niedersachsen | 25.09.2026 | 19:30 Uhr

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