Falsche Schulzeugnisse: Fehler bei Notenvergabe schon vor zehn Jahren

Stand: 01.09.2026 08:50 Uhr

Die Aufarbeitung der Vergabe von möglicherweise mehr als 100 falschen Zeugnissen an einer Schule in Vechta läuft. Doch NDR Recherchen zeigen: Bereits vor zehn Jahren gab es Fälle, in denen die komplizierte Regel falsch angewandt wurde.

von Angelika Henkel

Einen schlechteren Schulabschluss bekommen als einem eigentlich zusteht - Gitta Matthes weiß, was das bedeutet. In den Jahren rund um 2016 half sie einer befreundeten Familie, deren Tochter ein Schuljahr wiederholen musste. Der Grund: Ihre Noten waren an ihrer Gesamtschule im Umfeld von Hannover falsch summiert worden.

Schülerin wiederholt umsonst Schuljahr

"Dem Mädchen ging es ganz schlecht", erzählt Matthes dem NDR. Im Herbst schon, als sie wusste, sie muss das Schuljahr wiederholen - aber noch viel schlechter, als sie im Frühjahr erfuhr, dass sie das völlig umsonst getan hatte. "Und zwar nur, weil nicht sie, sondern die Schule einen Fehler gemacht hatte", fasst Matthes zusammen. Schule und Landesschulbehörde gestanden den Fehler damals ein.

Komplizierte Verordnung möglicher Grund

Der Grund für das falsche Zeugnis: Schlechtere Noten können laut Schulverordnung mit besseren Noten verrechnet werden. Das war nicht geschehen - damals an der Gesamtschule in Hannover, jetzt an der Schule in Vechta. Ein wesentliches Problem: Die Schulverordnung war und ist so kompliziert formuliert, dass sie falsch interpretiert werden kann.

Das Bild zeigt die Geschwister Scholl Schule in Vechta

An einer Oberschule in Vechta haben Lehrer die Ausgleichsregel falsch angewendet. Hunderte Schulen werden jetzt überprüft.

Unwissenheit offenbar bei mehreren Schulen

Matthes ist fassungslos, als sie in den Nachrichten vom Fall Vechta aus diesem Sommer hört. Denn im Zuge ihrer Erfahrungen mit ihrem Schützling hatte sie schon 2016 stichprobenhaft diverse Schulen in Niedersachsen angeschrieben. Dabei legte sie den Schulen das Notenbild vor - mit der Frage, ob man damit einen Abschluss bekäme. Das Ergebnis: Von mehreren Schulleitungen erhielt sie falsche Antworten. Die E-Mails liegen dem NDR vor.

Landesweite Anleitung kam wohl erst 2018

Offenbar erkannten weder Landesschulbehörden noch das Kultusministerium damals die Tragweite der unverständlichen Verordnung. 2017 war die Landesschulbehörde nach Angaben des Kultusministeriums gebeten worden, alle IGS und in Aufgabe befindliche Oberschulen zu informieren. Eine landesweite Anleitung wurde demnach 2018 verschickt.

Verband fordert die Prüfung aller Zeugnisse

Offen ist, wie viele Schülerinnen und Schüler in den vergangenen zehn Jahren betroffen waren und sind - es können Dutzende, es können aber auch Hunderte sein, vermutet Franz-Josef Meyer vom Verband Erziehung und Bildung. Er fordert deshalb eine umfassende Untersuchung und die Prüfung aller Zeugnisse der vergangenen zehn Jahre - auch wenn das viel Arbeit bedeute. "Im Sinne der Gerechtigkeit ist das wichtig, damit auch die Schülerinnen und Schüler wissen, ob sie wirklich ein Abschlusszeugnis haben, das ihren Leistungen entspricht."

Kultusministerin setzt auf Stichproben

Die heutige Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) sieht das anders. Sie sagte dem NDR, aus ihrer Sicht reiche der bisherige Plan. "Um zu erkennen, ob eine Schule die Verordnung systematisch falsch anwendet, reicht es, wenn wir stichprobenartig in unterschiedliche Jahrgänge reinschauen und dann, wenn tatsächlich Fehler passiert sind, alle Jahrgänge prüfen."

Betroffene will nicht mehr an Fall erinnert werden

Die damalige Schülerin, die bereits vor zehn Jahren fehlerhaft keinen Abschluss bekommen hatte, sagte dem NDR, sie wolle nicht an die Öffentlichkeit. Sie habe lange mit dem Gefühl der Ungerechtigkeit zu kämpfen gehabt und wolle sich nicht mehr damit belasten.

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Eine Grundschülerin schaut auf ihr Zeugnis.

Etliche falsche Zeugnisse sind an einer Schule vergeben worden. Eine Recherche lässt erahnen, wo der Ursprung liegt.

Logo der Geschwister-Scholl-Oberschule an einer Gebäudewand.

An der Geschwister-Scholl-Oberschule wurde über Jahre wohl die Ausgleichsregel falsch angewendet. Kultusministerin Hamburg im Interview.

Das Bild zeigt die Geschwister Scholl Schule in Vechta

An einer Oberschule in Vechta haben Lehrer die Ausgleichsregel falsch angewendet. Hunderte Schulen werden jetzt überprüft.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Hallo Niedersachsen | 31.08.2026 | 19:30 Uhr

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