Schwerin: Junger Profiboxer aus dem Iran trainiert für den Titel

Stand: 22.04.2026 06:48 Uhr

Als Kind flüchtete Gol Agha Haddi mit seiner Familie aus dem Iran nach Deutschland. In einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigslust entdeckte er das Boxen für sich. Heute hat er eine Lizenz als Profiboxer - und träumt vom Weltmeistertitel.

von Natalie Süß

Wenn Gol Agha Haddi auf den Boxsack einschlägt, klingt es wie Kanonenschüsse. Die Schläge, schnell hintereinander in das Polster versenkt, schaukeln sich zu einem ohrenbetäubenden Hämmern auf, das durch den Boxkeller schallt. Jeden Tag ist der 23-Jährige hier, trainiert für ein ambitioniertes Ziel: "Als ich jung war, vor sechs oder sieben Jahren, habe ich mir Vorbilder genommen: Muhammad Ali und Mike Tyson. Die hatten auch nichts und die waren ehrgeizig, die haben alles gemacht und sind Weltmeister geworden. Und das will ich auch schaffen. Ich will irgendwann einen Gürtel holen", erzählt Goli, wie ihn alle nennen. Mit zehn Jahren stand er das erste Mal im Ring. 80 Amateur- und sieben Profikämpfe hat er mittlerweile bestritten - und nebenbei eine Firma und eine Familie gegründet. Der Sport ist für ihn auch ein Ventil: "Ich habe so viel Leid erlebt. Die ganzen Schmerzen, die ich habe, kann ich beim Boxen rauslassen."

Arbeit statt Schule

Pokal für den 3.Platz bei der Deutschen Jugend U-18 Meisterschaft
Gol Agha Haddi boxt seitdem er zehn Jahre alt ist.

Gol Agha Haddi wurde in Afghanistan geboren. Wenige Monate später zog seine Familie in den Iran. Weder die politischen Machtverhältnisse, noch die Lebensbedingungen für die Bevölkerung waren dort besser als in ihrem Heimatland, sagt er. Die Familie lebte sieben Jahre lang ohne Papiere im Iran. Statt zur Schule ging Haddi arbeiten. Mit Autowaschen und Blumenverkaufen steuerten er und seine Geschwister etwas zum Lebensunterhalt der Eltern bei.

Flucht über das Mittelmeer

In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft flüchtete die Familie schließlich nach Europa. Gol Agha Haddi war damals sieben Jahre alt. Noch heute weiß er, wie sie ihre Koffer über die Berge trugen und wie sie nachts, auf der Flucht vor der Polizei, stundenlang rennen mussten. Um über das Mittelmeer zu kommen, teilte sich die Familie auf zwei Schlauchboote auf. Auf hoher See sank das Boot mit seinen zwei Brüdern, während Haddi, seine Eltern und die jüngeren Geschwister hilflos zusehen mussten. "Da waren auch viele Leute mit drin, die nicht schwimmen konnten und dabei gestorben sind", erinnert er sich: "Die Schreie der Menschen höre ich bis heute in der Nacht, wenn ich manchmal Albträume kriege." Seine Brüder überlebten, wurden aber drei Jahre lang in Griechenland festgehalten, bevor sie frei kamen. Die Ungewissheit sei das Schlimmste gewesen, erzählt Haddi: "Das war für mich als Kind schrecklich. Sowas wünsche ich niemandem. Dann sind wir nach Deutschland gekommen."

Familie, Arbeit und Sport unter einem Hut

Mann, Frau und Kind sitzen auf einem Sofa
Maria Behrendt, die Frau von Gol Agha Haddi, ist gleichzeitig seine Managerin.

In einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigslust entdeckte Gol Agha Haddi das Boxen für sich. Sein zweites Training endete mit einer blutenden Kopfwunde. "Da hab ich gesehen, dass das der richtige Sport für mich ist. So bin ich zum Boxen gekommen", erzählt er mit einem breiten Grinsen. Haddi wurde am Sportgymnasium aufgenommen und kämpfte später als Nachwuchsboxer für den BC Traktor Schwerin. Heute kämpft er im Bantamgewicht und hat eine Lizenz als Profiboxer. Vergangenes Jahr kam sein Sohn zur Welt. Seine Frau Maria Behrendt ist gleichzeitig seine Managerin: Sie organisiert die Kämpfe, kümmert sich um die Kommunikation mit Veranstaltern und Gegnern, hilft während der Pausen am Ring und ist ständig auf der Suche nach Sponsoren. "Ich hab das gemacht, um ihn zu unterstützen", sagt sie. Denn Boxen ist teuer. Ein Paar professionelle Handschuhe kostet um die 300 Euro, ein Profiboxkampf je nach Qualifikation des Gegners bis zu 8.000 Euro.

Boxstudio im Keller

Noch kann Gol Agha Haddi nicht vom Boxen leben, geschweige denn eine Familie ernähren. Deswegen hat er sich im März selbstständig gemacht: Gartenpflege, Gebäudereinigung, Hausmeisterservices. "Im Boxen muss man viel investieren. Man muss den Coach bezahlen, die Wettkämpfe muss man bezahlen und dafür hab ja nicht so viel Geld." Und auch die Zeit ist knapp. Nach der Arbeit geht's direkt nach Schwerin zum Training. Wer im Stadtteiltreff Krebsförden nach unten in den Keller steigt, findet sich plötzlich im siebten Boxerhimmel wieder. Der Duft von Leder und Testosteron liegt in der Luft. Boxtrainer Detlef "Deddy" Krause hat hier über Jahre hinweg einen Boxkeller aufgebaut: Im ersten Zimmer baumeln vier große Boxsäcke von der Decke, der zweite Raum wird fast komplett von einem Boxring eingenommen - mit Ringglocke und allem, was dazu gehört. Einrichtung und Equipment konnten nur durch Spenden angeschafft werden.

Respekt im Ring

Boxtrainer zieht jungem Boxer einen Boxhandschuh an.
Boxtrainer Detlef "Deddy" Krause, früherer DDR-Meister im Halbmittelgewicht, ist Haddis Coach, aber auch Mentor sowie Vertrauter.

Hier bringt Krause, früherer DDR-Meister im Halbmittelgewicht, den Kindern und Jugendlichen aus dem Süden Schwerins das Boxen bei - aber auch Werte wie Zuverlässigkeit, Respekt und Fairness. "Auch wenn man eins gegen eins im Ring steht, ist Boxen ein Teamsport", sagt der 62-Jährige. Seit Gol ein Kind war, kennen sich die beiden. Schon damals war Krause von Haddis Kampfgeist beeindruckt: "Talent alleine reicht im Boxsport nicht aus, damit werden keine Weltmeister gemacht. Man muss den Fleiß haben, diesen Ehrgeiz und einfach dieses Ziel vor Augen. Und das hat er schon als kleiner Junge gehabt." Krause ist mittlerweile nicht mehr nur Haddis Coach, sondern auch Mentor und Vertrauter - vor allem, wenn er mal in den Seilen hängt.

Traum vom Titel

Denn Boxen ist nicht nur Technik, Schlagkraft und Ausdauer, sondern auch Konzentration und mentale Stärke. "Im Ring muss ich Arbeit, Zuhause, alles abschalten. Jetzt bin ich beim Boxen, da muss ich den Fokus komplett darauf legen. Ich will was erreichen. Und egal was kommt, ich beiße die Zähne zusammen und zieh durch." Das Ziel ist klar: Gol Agha Haddi will sich auf der Weltrangliste nach oben boxen - und er will einen Titelkampf, um einen Gürtel nach Schwerin zu holen.

Boxer Ramsan Amkhadov während eines Kampfes.

Federgewichtler Ramsan Amkhadov will den großen Durchbruch schaffen. Dafür trainiert er vier Stunden täglich.

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Der gebürtige Mecklenburger holte 1976 in Montreal Gold im Weltergewicht. Er wurde 73 Jahre alt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Nordmagazin | 21.04.2026 | 19:30 Uhr

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