Drogenrückstände im Abwasser: Weniger Amphetamin, mehr Ketamin
In Neubrandenburg und Neustrelitz wurde das Abwasser in diesem Jahr in Mecklenburg-Vorpommern auf Drogenrückstände getestet - auf Initiative des NDR. Andere Städte im Land sahen keinen Grund, die Testung selbstständig durchzuführen.
Sowohl in Neubrandenburg als auch in Neustrelitz sind die Werte bei Amphetamin/Speed im Vergleich zu den beiden Vorjahren leicht gesunken, liegen aber weiterhin auf einem hohen Niveau. In den vergangenen Jahren waren die Werte ähnlich denen von Drogen-Hotspots in Städten in Schweden, Norwegen, den Niederlanden und Belgien. Die Werte für Kokain sind allerdings weiterhin gestiegen.
Entwarnung gibt Siedlungshydrologe Björn Helm von der Uni Dresden für Mecklenburg-Vorpommern jedenfalls nicht: "Erstens weil sie [die Werte] immer noch auf einem hohen Niveau sind und zweitens weil wir durch diese ganzen variablen Faktoren immer ein bisschen Schwankungen drin haben." Er empfiehlt den Städten, auch im nächsten Jahr ihr Abwasser zu testen.
Gut drauf dank "Vitamin K"?
Angestiegen ist hingegen offenbar der Konsum von Ketamin. Ursprünglich als Schmerz- und Narkosemittel genutzt, wird es seit einigen Jahren auch als Antidepressivum eingesetzt. Darüber hinaus wird Ketamin seit den 1990er-Jahren auch in Deutschland als Droge immer populärer und ist auch unter Namen wie Special K, Kate oder Vitamin K bekannt. Der Missbrauch des Medikaments hat in den vergangenen Jahren zugenommen, das belegen die jährlichen Drogenreporte der Europäischen Union. Die Droge ist nun offenbar auch im Nordosten angekommen. Neustrelitz und Neubrandenburg liegen über den Werten aller getesteten deutschen Standorte von 2024.
Neubrandenburg: Politik hält sich nicht für zuständig
In Neubrandenburg sehe man sich politisch nicht zuständig, hieß es von der Stadt:
Eine politische Hauptverantwortlichkeit im Ganzen, insbesondere in der Steuerung dieser Thematik, gibt es nicht. Pressestelle Stadt Neubrandenburg
Es gebe unterschiedliche Träger, die sich je nach Zielgruppe und fachlicher Aufstellung mit dem Thema Prävention und Sucht beschäftigen. Man habe in das Thema Drogenprävention vor allem im Unterricht intensiviert, Umsetzung und Durchführung lägen im Ermessen des staatlichen Schulamtes und des Bildungsministeriums, so die Stadt.
Oberbürgermeister Nico Klose (parteilos) dazu: "Eine ganz konkrete Drogenpolitik als Stadt Neubrandenburg, die gibt es nicht und die sehe ich auch in Zukunft nicht. Weil die Frage wäre, wie soll sie aussehen?"
Ursache für Rückgang der Werte unklar
Was die Ursache für den leichten Rückgang sowohl in Neubrandenburg als auch in Neustrelitz ist, können die Forscher nicht mit Sicherheit sagen. Neben weniger Konsum und vielleicht höheren Anstrengungen in der Prävention könnte auch zum Beispiel der Zeitraum der Untersuchungen eine Rolle spielen: In diesem Jahr wurden die Messungen erstmals in der vorlesungsfreien Zeit unternommen.
Neustrelitz: Zusammenhang mit Großveranstaltungen?
Die Stadt Neustrelitz sieht die erhöhten Messwerte ihrer Stadt im Zusammenhang mit Großveranstaltungen.
Um die Messergebnisse besser einordnen zu können, müsste man ergänzend Referenzmessungen in den winterlichen Monaten durchführen, um saisonale Schwankungen und veranstaltungsbedingte Spitzenwerte ins Verhältnis zu setzen. Überhaupt müsste man zunächst einmal eine Messreihe über mehrere Jahre und vergleichbaren Städten aufbauen, die bestimmte Schlüsse tatsächlich zulässt. Pressestelle Stadt Neustrelitz
Warum die Stadt aber keine eigenen Messungen initiiert, bleibt offen.
Keine Testung in Schwerin, Rostock, Güstrow und Greifswald
2025 wurden erstmalig sechs Städte im gesamten Sendegebiet des NDR getestet: Wilhelmshaven und Seesen in Niedersachsen, Itzehoe und Neumünster in Schleswig-Holstein und Neubrandenburg und Neustrelitz in MV. Die Stadt Hamburg nimmt schon seit einigen Jahren auf Eigeninitiative an der europaweiten Studie der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EUDA) teil.
Die anderen im vergangenen Jahr getesteten Städte - Schwerin, Güstrow, Greifswald und Rostock - haben auf eine eigenfinanzierte Testung in diesem Jahr verzichtet. Zwar nehmen Rostock und Greifswald am bundesweiten Cannabis-Monitoring teil, die Gründe, warum die Städte aber nicht weiterhin selbstständig testen, sind unterschiedlich. In Schwerin heißt es,
Nach der Veröffentlichung der Ergebnisse einer Abwasseruntersuchung im Jahr 2024, für die Landeshauptstadt Schwerin, hat die Stadt gemeinsam mit ihren Partnern umfassende Maßnahmen auf den Weg gebracht, um die Suchtprävention zu stärken und gezielt auszubauen. Pressestelle Schwerin
Warum die Stadt an einer weiteren Beobachtung ihres Abwassers und somit an der Ermittlung des Konsums in der Landeshauptstadt nicht interessiert ist, wurde nicht beantwortet.
Auch die Stadt Rostock plant kein eigenständiges Monitoring des Abwassers auf Drogenrückstände.
Sofern dieses Untersuchungsprogramm fortgesetzt wird, wird eine Teilnahme ins Auge gefasst werden. Sollte das Untersuchungsprogramm nicht weiterverfolgt werden, wird die Kommune prüfen, ob und in welchem Umfang sie etwas Vergleichbares selbst durchführen kann. Presse Stadt Rostock
Die Messungen in der Stadt Güstrow hatten 2024 erhebliche Mengen an Alkohol und Kokain im Abwasser gezeigt, hier antwortete man nicht auf die Anfrage des NDR.
Drese: "Wir müssen uns kümmern"
Mehrere Städte zweifelten auch an der Belastbarkeit der Daten und an der Wissenschaftlichkeit der Abwasserbeprobung. Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) hingegen:
Also natürlich können Abwasseruntersuchungen nie ein ganz genaues Bild geben. Trotzdem sollten wir die Untersuchung ernst nehmen. Und es bringt uns jetzt bei dem Thema nicht weiter, zu sagen, ist das jetzt ganz genau auf die Kommastellen das, was man in Neubrandenburg zu erwarten hat. Es ist eine Tendenz zu sehen und um die müssen wir uns kümmern. Stefanie Drese, Sozialministerin MV (SPD)
Studie soll Ansätze zu politischen Entscheidungen geben
Die TU Dresden führt seit 2016 die deutschlandweiten Untersuchungen zu Drogenrückständen im Abwasser im Auftrag der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EUDA) durch. Die EUDA lässt regelmäßig in ganz Europa das Abwasser analysieren, um an aussagefähige Daten zu kommen. Diese Studien sind die größten ihrer Art. Über 100 europäische Städte beteiligen sich daran. Die Wissenschaftler konnten bislang nachweisen, dass immer mehr Menschen in Europa harte Drogen wie Kokain, MDMA, Speed und Crystal Meth konsumieren. Ihre Studien sollen politischen Entscheidungsträgern auch Ansätze zur Drogenprävention geben, fordern die Forschenden.
Zahlen für MV fehlten
Für das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern fehlten in der Vergangenheit jedoch aussagefähige Daten über den Konsum harter Drogen. Aus diesem Grund hatte die TU Dresden im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks bereits im Juni 2023 in den vier größten Städten Mecklenburg-Vorpommerns Rostock, Schwerin, Neubrandenburg und Greifswald das Abwasser in den Klärwerken der Städte auf Drogenrückstände untersucht. 2024 ist zusätzlich auch das Abwasser in den Städten Güstrow im Westen des Landes und Neustrelitz im Osten des Landes hinzugenommen.
280.000 Euro für Suchtprävention
Nach Veröffentlichung der vom NDR in Auftrag gegebenen Abwasseranalyse im Jahr 2023 kündigten das Sozialministerium und die betroffenen Städte an, mehr Präventionsangebote auf den Weg zu bringen. Aus dem Gesundheits- und Sozialministerium heißt es, die Maßnahmen zur Suchtprävention seien nach der Abwasseranalyse des NDR deutlich erweitert worden. Im Juli 2024 wurden dann zusätzliche Mittel in Höhe von rund 288.000 Euro für die nächsten zwei Jahre bereitgestellt.
Präventionsschwerpunkte an Schulen
Nach Angaben der zuständigen Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) wurden die Mittel überwiegend für präventive Maßnahmen eingesetzt. Vor allem nach Neubrandenburg sei viel Geld geflossen: "Es gab drei Schulungen nochmal extra in Neubrandenburg. Es gibt eine Woche der Suchtprävention, die die Stadt und der Landkreis gemeinsam ausüben. Wir haben unsere Bemühungen zusammen mit unserer Landeskoordinierungsstelle für Sucht schon sehr erhöht und hochgefahren. Natürlich geht immer mehr." Insgesamt bräuchte es aber laut Drese landesweit in der Gesellschaft viel mehr Bewusstsein: "Wie gehen wir mit unserer Gesundheit um? Wissen wir überhaupt, was dort konsumiert wird? Welche Vorbilder sind auch gerade die Erwachsenen den Kindern gegenüber?"
Wie effektiv sind Maßnahmen? Regelmäßige Messung könnte helfen
Die Dresdner Forscher befürworten ein regelmäßiges Abwassermonitoring durch die Städte: "Der Vorteil ist, dass man Veränderungen sehr objektiv erfassen kann, dass man Anstiege und Rückgänge im Konsum sehr gut für verschiedene Zeiträume miteinander vergleichen kann und darüber die Effektivität von Maßnahmen bewerten kann." Auch das Aufkommen von neuen Substanzen könne man so frühzeitig erfassen, betont Björn Helm, Siedlungshydrologe der Uni Dresden.
Grafiken: Michael Hörz