Dauerbaustellen belasten auch im Norden viele Geschäftsleute
Auch in den norddeutschen Bundesländern wird viel gebaut, zahlreiche Straßen sind deshalb gesperrt. Während Dauerbaustellen einige Menschen im Alltag aber vielleicht "nur" nerven, steht für andere dadurch die berufliche Existenz auf dem Spiel. Das zeigen auch Beispiele aus Braunschweig und Hamburg.
Während die vielen Baustellen auf Autobahnen und Bundesstraßen, die es in Deutschland gibt, im Alltag vor allem Pendlerinnen und Pendler auf dem Weg zur Arbeit treffen und sie viele Stunden im Stau kosten, belasten Bauarbeiten und Dauerbaustellen in Innenstädten vor allem Anwohnende und Gewerbetreibende. So ist es auch am Hagenmarkt in Braunschweig. Dort wird seit einem Jahr ein innovatives Nachhaltigkeitskonzept umgesetzt: Es werden zusätzliche Bäume gepflanzt und der Platz begrünt.
Umsatzeinbrüche und ausbleibende Kundschaft
Dass die Infrastruktur ausgebaut wird, sei gut und auch nötig, sagt Katharina Markiewicz, die am Hagenmarkt eine Konditorei mit Café führt. Doch die andauernden Bauarbeiten haben auch für ihr Geschäft negative Folgen, da es dadurch schlechter erreichbar ist. Das zeige sich auch in den sinkenden Umsätzen.
"Du hast richtig gesehen, wie die Zahlen immer weiter runtergingen. Einige Wochen kann man überbrücken, aber nicht Monate und über ein Jahr. Mag sein, dass das für große Kettenbetriebe funktioniert, aber wir sind ein kleiner Familienbetrieb. Mir bereitet das schlaflose Nächte", sagt Markiewicz.
Stadt Braunschweig zahlt keine Entschädigung
Seit mehr als 100 Jahren betreibt ihre Familie die Konditorei und das zugehörige Café. Jetzt gerade aber fühlen sie sich von der Stadt alleine gelassen, denn eine Entschädigung für die erlittenen Umsatzeinbußen lehnt die Stadt Braunschweig auf NDR Anfrage ab. Die betroffenen Betriebe dürfen aber vorübergehend ihre Läden und Produkte auch auf den Social-Media-Kanälen des Stadtmarketings bewerben.
Laden-Besitzer kritisieren schlechte Kommunikation
Auch für die Metzgerei von Frederik Göthe, schräg gegenüber der Konditorei, sei die Baustelle geschäftsschädigend, sagt der Inhaber. Nicht nur Laufkundschaft bleibe aus, sondern auch der Durchgangsverkehr. Das seien zum Beispiel Handwerker, die sonst morgens kurz bei ihm anhalten und ihre belegten Brötchen kaufen, so Göthe.
Nicht nur die Baustelle an sich sei das Problem, sondern vor allem die mangelhafte Kommunikation der Stadt: "Es wurden auch viele Absprachen, die mit Anliegern getroffen wurden, nicht eingehalten oder anders durchgeführt, als es eigentlich werden sollte. Das ist dann immer ein bisschen blöd, wenn man morgens hinkommt und dann doch wieder andere Sachen gemacht werden." Die Stadt Braunschweig und die zuständige Baubehörde schreiben auf NDR Anfrage, dass für die Kommunikation mit den Anliegern die Baufirma verantwortlich sei. Dabei habe es offenbar Defizite und jetzt einen Wechsel des Subunternehmens gegeben.
Bauarbeiten noch bis zum Frühjahr 2027
Die Ladenbesitzer wünschen sich außerdem einen verbindlichen Bauzeitenplan. Die verantwortliche Baufirma hat der Stadt Braunschweig gegenüber angekündigt, dass die wesentlichen Arbeiten bis zum Jahresende abgeschlossen sein werden, abschließende Arbeiten ziehen sich demnach aber noch bis zum Frühjahr 2027. "Die Stadt schöpft weiterhin alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten aus, eine Beschleunigung zu erreichen. Dazu stehen wir mit der Baufirma weiter in engen Gesprächen", sagte ein Stadtsprecher auf NDR Anfrage.
Kündigungen wegen der Dauerbaustelle
Noch länger als in Braunschweig wird in Hamburg bereits an der Osterstraße im Stadtteil Eimsbüttel gebaut. Seit Sommer 2024 finden dort Fernwärme-Arbeiten der Hamburger Energiewerke statt. Das heißt auch dort für die Geschäfte, dass sie schlechter zu erreichen sind. So fährt etwa eine Buslinie die Straße nicht an.
Mindestens sechs Geschäfte haben während der Bauzeit schon aufgegeben, also dauerhaft geschlossen. Auch Denise Nötzold, die in der Osterstraße einen Bioladen betreibt, musste sich personell verkleinern: Statt früher zwölf hat sie nun nur noch sechs Mitarbeitende. Jedes Kündigungsgespräch habe ihr das Herz gebrochen, erinnert sie sich. Mit der Situation fühlt sie sich komplett alleine gelassen: "Wir sind der Mittelstand, wir zahlen Steuern, wir zahlen dafür, dass Schulplätze hier im Stadtteil finanziert werden können, was große Unternehmen oft gar nicht machen, weil sie im Ausland sitzen. Da wünsche ich mir einfach von der Politik eine entsprechende Entschädigung."
Auch in Hamburg keine Entschädigungszahlungen
Doch von der Stadt Hamburg wird es eine solche Entschädigung wohl nicht geben. Die zuständige Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft lehnt sie ab und schreibt auf NDR Anfrage, dass nach dem geltenden Straßen- und Wegerecht "vorübergehende Baustellenerschwernisse grundsätzlich zum allgemeinen Betriebsrisiko gehören". Die Hamburger Energiewerke, die für den Fernwärme-Ausbau und somit die Dauerbaustelle verantwortlich sind, schreiben auf NDR Anfrage:
Die Schaffung von Ausgleichs- oder Hilfsfonds liegt nicht im Zuständigkeits- oder Entscheidungsbereich der Hamburger Energiewerke. Hamburger Energiewerke
Ladenbesitzerin Langer: "Wir haben nichts zu feiern"
Anfang November ist ein Fest zur Wiedereröffnung der Osterstraße geplant, an dem sich die Hamburger Energiewerke finanziell beteiligen. Dasselbe gilt für das alljährliche "Osterstraßenfest" im Stadtteil im kommenden Jahr. "Für beide Maßnahmen ist jeweils eine Unterstützung im fünfstelligen Bereich vorgesehen", teilten die Hamburger Energiewerke auf NDR Anfrage mit.
Für Linda Langer, die einen Laden für handbedruckte Textilien und Upcycling-Produkte an der Osterstraße betreibt, sei das aber nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein: "Uns ist einfach nicht zum Feiern zumute, weil wir nichts zu feiern haben. Mir nützt es als Lädnerin nicht so viel, wenn sich Leute an Buden treffen, die extern hier aufgestellt werden. Wir brauchen langfristig wieder die Menschen, die zurück auf die Osterstraße kommen, die Lust haben, in unsere Läden zu gehen."
Offener Brief an Hamburgs Bürgermeister
Langer und fast 70 weitere Kaufleute aus Eimsbüttel haben sich in einem Offenen Brief an den Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) gewandt, um Antworten aus dem Senat zur Zukunft der Osterstraße zu erhalten und - so die Hoffnung - einen wie auch immer gearteten Entschädigungs-Fonds zu erreichen.
Eine Reaktion darauf steht noch aus: Auf NDR Anfrage teilte der Senat Mitte des Monats mit, der Offene Brief sei "am 22. September im Büro des Ersten Bürgermeisters eingegangen und wird bearbeitet".
Statt der ursprünglich veranschlagten 180 Millionen Euro sind die Bauarbeiten an der Osterstraße übrigens mittlerweile etwa 50 Millionen Euro teurer geworden. Den Hamburger Energiewerken zufolge sollen sie Ende Oktober beendet sein.
ADAC: Erheblicher Modernisierungsbedarf auf vielen Straßen
Der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) führt die hohe Zahl an Baustellen in Deutschland vor allem auf den erheblichen Sanierungs- und Modernisierungsbedarf der Straßen-Infrastruktur zurück: "Viele Straßen und Brücken sind in die Jahre gekommen und müssen instand gesetzt oder erneuert werden. Gleichzeitig führen das hohe Verkehrsaufkommen und der gestiegene Lkw-Verkehr zu einer zusätzlichen Belastung der Infrastruktur."
Außerdem seien darüber hinaus regelmäßig kurzfristige Wartungs- und Instandhaltungsmaßnahmen erforderlich. "Dazu zählen etwa die Erneuerung von Schutzplanken, Grünpflegearbeiten oder die Beseitigung von Unfallschäden", schreibt der ADAC. Baustellen seien somit einerseits notwendig, um die Verkehrsinfrastruktur zu erhalten und ihre Sicherheit zu gewährleisten. Andererseits führten die erforderlichen Arbeiten, insbesondere auf stark befahrenen Strecken, zu Einschränkungen für die Verkehrsteilnehmer.