Elbvertiefung: Wirtschaftlicher Flop und ökologische Katastrophe?
Um 90 Prozent sind die Fischbestände zwischen Hamburg und Elbmündung laut einer Studie zurückgegangen. Die Fahrrinne verschlickt immer wieder und muss ausgebaggert werden. Um diese Arbeiten droht nun auch rechtlicher Ärger.
Was wurde eigentlich aus der Elbvertiefung? Ist sie abgeschlossen oder nicht? Wie viele Bürger wüssten darauf eine korrekte Antwort? Dem Hamburger Senat ist es an Aufklärung nicht sehr gelegen. Die Geschichte rund um die Vertiefung der Fahrrinne in der Unterelbe scheint keine zu sein, mit der Politiker sich schmücken wollen.
Im Januar 2022 wurde die Vertiefung der Strecke zwischen Nordsee und Hamburger Hafen um einen Meter für abgeschlossen erklärt. Schiffe konnten fortan - je nach Größe, Tide und Fahrtrichtung - mit einem größeren Tiefgang von zusätzlich einem bis 1,90 Meter - die Tideelbe durchfahren. Senat und Wasserstraßenverwaltung des Bundes (WSV) gaben die neuen Maximaltiefgänge frei.
Zehn Monate später musste die Freigabe weitgehend wieder zurückgenommen werden: Die Flut treibt zu viele Sedimente zurück in die Fahrrinne. Von den steiler gewordenen Unterwasserhängen rutscht festes Material in großen Mengen in die Mitte des Flusses. Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard (SPD) kündigte an, 2025 die Solltiefen wieder herstellen zu wollen. Jetzt ist klar, dass daraus nichts wird. Im September wurden die Maximaltiefgänge zwar um bis zu einem halben Meter erhöht. Aber die Vollendung der 9. Elbvertiefung lässt weiter auf sich warten. Man werde jetzt die "Sturmflutsaison" beobachten und danach die Situation neu bewerten, teilt die WSV mit.
Containerriesen laufen Hamburg mit reduzierter Ladung an
Die Reedereien haben sich längst auf die Situation eingestellt. Die großen Containerschiffe kommen nicht voll beladen nach Hamburg. In Europa laufen sie etwa Antwerpen oder Rotterdam als ersten Hafen an und erreichen Hamburg im Anschluss mit reduzierter Ladung. Das liefe auch dann so, wenn die Elbvertiefung wasserbaulich gelungen wäre. Denn die größten Containerschiffe der Welt haben voll beladen bis zu 17 Metern Tiefgang. Eine gelungene Elbvertiefung würde in Hamburg einen maximalen Tiefgang von 14,5 Metern ermöglichen.
Der Containerumschlag in Hamburg liegt stabil bei rund acht Millionen TEU (Einheit zum Zählen von Containern und des Umschlags von Terminals) jährlich, etwas mehr als halb so viel wie in den Konkurrenzhäfen in den Niederlanden und Belgien. Für das Jahr 2025 hatten die Planer der Elbvertiefung um den damaligen Ersten Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) 25 Millionen Container anvisiert, also mehr als dreimal so viel wie jetzt tatsächlich in Hamburg umgeschlagen werden. Die 25 Millionen erscheinen heute als beinah schon lächerliche Phantasiezahl.
In der Tideelbe, also dem Teil des Flusses, der von den Gezeiten beeinflusst wird, ist eine Armada von Bagger- und Spülschiffen unterwegs, die die Fahrrinne von Schlick freizuräumen versuchen. Etwa 30 Millionen Kubikmeter bewegen sie im Jahr. Um die 200 Millionen Euro kostet das ständige Buddeln den Bund und Hamburg jährlich.
Laichgebiete verschwinden, Fischbestand bricht ein
Während der wirtschaftliche Nutzen der Elbvertiefung ausbleibt, tritt der ökologische Schaden immer deutlicher zu Tage. Das unaufhörliche Baggern ist tödlich für die Fische in der Elbe. Das zeigt eine Studie des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels. Die aufgewirbelten Schwebstoffe machen das Wasser trübe und erschweren den Fischen die Nahrungssuche. Die Sedimente setzen sich in den ufernahen Bereichen ab und beschleunigen die Verschlickung.
An den Elbufern türmen sich jetzt Schlickbänke. Flachwasserbereiche, in denen die für die Tideelbe typischen Wanderfische laichen, verschwinden. Seit 2010 sind die Fischbestände zwischen Hamburg und Elbmündung um 90 Prozent eingebrochen, wie die Biologen herausgefunden haben. Die dramatische Schrumpfung betrifft vor allem den Stint, die am häufigsten vorkommende Fischart in der Tideelbe. Auch Kaulbarsch, Finte, Flunder und Brasse verzeichnen einen Rückgang des Bestandes. Der kausale Zusammenhang zwischen intensiven Baggerarbeiten und Fischschwund sei "auf jeden Fall da", sagt Jesse Theilen, Hauptautor der Studie.
Schleswig-Holstein hat rechtliche Bedenken gegen Schlickverklappung
Der Hamburger Senat aber will auf Biegen und Brechen die Elbvertiefung vollenden, obwohl sich die ökologischen Brennpunkte ausweiten. Hamburg verklappt seit einigen Jahren auch Schlick aus dem Hafen am Neuen Lüchtergrund nördlich der Elbmündung, in unmittelbarer Nähe zum schleswig-holsteinischen Wattenmeer. Dort hat der Bund eine Abladestelle für Sedimente aus der Tideelbe.
Die Landesregierung in Kiel hat die Verklappung von Sedimenten aus dem Hafen dort schon immer kritisch gesehen. Jetzt verschärft das grün-geführte Umweltministerium den Ton. Zuerst ging ein Brief von Umweltminister Tobias Goldschmidt an Hamburgs Wirtschaftssenatorin Leonhard. Goldschmidt machte darin "fachliche und rechtliche Bedenken" gegen die Schlickabladung am Rande des Weltnaturerbes Wattenmeer geltend. Der Minister monierte, dass die Umweltverträglichkeit der Hamburger Schlicktransporte nicht geprüft worden sei.
Im Interview mit dem NDR legt Goldschmidts Staatssekretärin Katja Günther nach: "Wir haben ein Rechtsgutachten erstellen lassen", sagt sie. Demnach gebe es keine ausreichende Rechtsgrundlage für die Schlickverklappung aus Hamburg vor der Elbmündung. "Wir müssen gucken, ob das, was dort geschieht, auch tatsächlich mit Europa- und Naturschutzrecht in Einklang zu bringen ist. Daran fehlt es unserer Meinung nach", ergänzt die Staatssekretärin. Es sei eigentlich "Aufgabe von Hamburg, das zu prüfen."
Ist die Verklappung am Neuen Lüchtergrund durch Hamburg illegal? Was bedeuten der Schwund des Fischreichtums in der Elbe und die Bedrohung des Wattenmeers durch Hafenschlick für die politischen Entscheidungsträger in Hamburg? Wirtschaftssenatorin Leonhard und Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) ließen Anfragen von Panorama 3 bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
NABU fordert Verzicht auf 9. Elbvertiefung
"Die Tideelbe ist ein eigenständiges System, das man nicht einfach von menschlicher Hand bändigen kann", resümiert Malte Siegert, der die Hamburger Geschäftsstelle des Nabu leitet. Der Umweltschutzverband hatte die sich nun abzeichnenden ökologischen Folgen der Elbvertiefung von Anfang an vorausgesehen. Siegert fordert vom Senat, auf die 9. Elbvertiefung zu verzichten und sich mit den Navigationstiefen nach der 8. Elbvertiefung zu begnügen. Dadurch könnten die "Baggerarbeiten reduziert werden."
Am 14. Oktober brach Hamburgs Umweltsenatorin Fegebank eine Lanze für die Biodiversitätsforschung. Der Artenschwund sei im Bewusstsein der Menschen noch nicht angekommen, erläuterte sie auf einer Pressekonferenz. Wortreich sprach sie sich für die Errichtung eines neuen Naturkundemuseums und eines Forschungszentrums aus, das vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels betrieben werden soll. Als Standort favorisiert die Umweltsenatorin wie ihre Senatskollegen um Bürgermeister Tschentscher (SPD) die Pleiteruine des Elbtowers (im Volksmund: "Kurzer Olaf") direkt am Flussufer in Hamburg.
Das Leibniz-Institut ist genau die Forschungseinrichtung, die den Zusammenbruch des Fischbestandes in der Elbe untersucht und belegt hat. Der Senat möchte die Wissenschaftler jetzt, für einen Preis von 600 Millionen Euro, im Turm just am Ufer jenes Flusses ansiedeln, in dem die Arten schwinden und das Leben abstirbt.