Schatzschneider: Diamant und Kohlenstaub
Dieter Schatzschneider schoss in der zweiten Fußball-Bundesliga mehr als 150 Tore und ist ein Held für die Fans von Hannover 96. In der Bundesliga schaffte der Mittelstürmer den Durchbruch jedoch nicht.
Wenn sich der Hannoversche Sportverein von 1896 und der Hamburger Sport-Verein gegenüberstehen, geht es seit jeher darum, wer denn nun der "richtige" HSV ist. In den Augen vieler Fans gibt es brisantere Derbys, aber ganz grün sind sich die Nordclubs auch nicht. In 50 Jahren Bundesliga haben nur wenige Spieler die Seiten gewechselt. Einer der prominentesten ist Dieter Schatzschneider - längst eine 96-Ikone. Für Schatzschneider ist es stets das Duell seiner großen Liebe gegen seine große Chance.
Letztere schoss der Torjäger im Sommer 1984 achtlos in den Wind: "Als ich zum HSV und Trainer Ernst Happel kam, war ich ein ungeschliffener Diamant", resümiert der 55-Jährige heute. "Als ich 15 Tore und ein Jahr später ging, bin ich zu Kohlenstaub zerfallen." In der Saison 1982/1983 hatten sich die Hamburger gerade selbst Europas Krone aufgesetzt. Beim deutschen Meister und Gewinner des Europapokals der Landesmeister sollte "Schatz" in die Fußstapfen von Horst Hrubesch treten. Doch der Neue verstand nicht, warum er trotz seiner Trefferquote nicht wie sein Vorgänger geliebt wurde. An der neuen Erfahrung, dass Tore nicht alles sind im Fußballgeschäft, zerbrach der aufstrebende Angreifer. Schatzschneider verließ den HSV und verlor seinen Biss.
Ganove in der Fußball-Bundesliga statt im "Knast"
Mit einer Größe von 187 Zentimetern traf der junge Schatzschneider bei all seinen Vereinen fast nach Belieben. Der gebürtige Hannoveraner wuchs im Problem-Stadtteil Vahrenheide auf. Dort regierte das Recht des Stärkeren und Schatzschneider hatte nicht nur eine große Klappe, sondern verschaffte sich auch durch Taten Respekt. "Ich sage es, wie es ist: Ich war ein Ganove", beschönigt er heute nichts. "Was damals passiert ist, war alles grenzwertig. Das hätte auch anders ausgehen können." Für viele seiner damaligen Weggefährten ging es nicht gut aus, "die haben für zwölf, teilweise 15 Jahre eingesessen". Bei ihm war es "nur mal ein Wochenende" in der Zelle.
"Haben bei Conti einen Platz am Fließband frei!"
Dass Schatzschneider den Weg aus Vahrenheide fand, hatte er einzig seiner Durchsetzungsfähigkeit auf dem Fußballplatz, gepaart mit einem starken Torriecher, zu verdanken. Der Ellenbogeneinsatz und seine Kraft, die er auf der Straße einzusetzen gelernt hatte, halfen ihm auch im Sport. Über den OSV Hannover kam der Angreifer im Sommer 1978 mit 20 Jahren zu Hannover 96. Trotzdem hatte er zunächst noch Zweifel an einer Fußballerkarriere: Der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann hatte in seinem ersten Zweitliga-Jahr noch einen Halbtagsjob im Büro: "Ich bin aber froh, dass mir das erspart geblieben ist." Auch wenn er Treffer um Treffer für die "Roten" erzielte, einen Tritt in den Allerwertesten brauchte der Jungspund immer wieder. Nach schlechten Spielen piesackte ihn sein Vater schon mal, indem er meinte, sie hätten "bei Conti schon einen Platz am Fließband freigemacht". Und dann war da noch sein erster Profitrainer Diethelm Ferner, der zu seinem Förderer und Forderer wurde.
Dr. Scharnofske paukte den Rüpel raus
Einmal allerdings konnten auch die beiden ihn nicht vor einer erneuten Dummheit abhalten. Nach einer Niederlage zog Schatzschneider mit Kumpanen die ganze Nacht durch die Kneipen. Auf dem Heimweg beleidigte ihn ein enttäuschter Fan "übel", wie der Ex-Profi noch heute betont, und der angetrunkene Stürmer schlug zu. Die Polizei war schnell zur Stelle und steckte ihn in die Ausnüchterungszelle. Hannovers Schatzmeister Dr. Helmut Scharnofske paukte den Rüpel raus und schleifte ihn auch zum Geschädigten, um sich zu entschuldigen. "Ganz egal, was war, ich habe mich damals immer im Recht gesehen", erinnert sich Schatzschneider. "Probleme habe ich immer sofort geklärt - und nicht mit Worten." Diese Scharmützel hielten ihn beim Weg nach oben jedoch nicht auf. In fünf Zweitliga-Jahren erzielte Schatzschneider 153 Treffer.
"Zwölf, 13 Bundesligisten waren an mir interessiert", berichtet Schatzschneider. Viele Trainer und Manager besuchten ihn in seiner Wohnung in Hannover - im fünften Stock, ohne Fahrstuhl. Darunter Otto Rehhagel, "der sich mit seiner Frau sehr um mich bemüht hat". Auch Bayer Leverkusens Manager-Schwergewicht Reiner Calmund schaute vorbei. "Als der bei mir oben ankam, dachte ich, ich müsste den Notarzt rufen, so wie der gekeucht und geschwitzt hat. Er meinte dann: Hoffentlich lohnt es sich."
Die Mühen lohnten sich nicht. Als der damals beste Club Europas anfragte, der HSV mit Felix Magath und Co., konnten alle anderen einpacken: "Da musste ich hin, ich hielt mich ja damals auch für den besten Mittelstürmer Europas", sagt Schatzschneider und lacht. Sage und schreibe eine Million Euro ließ sich der Renommierclub von der Elbe die Dienste des "Langen" damals kosten. Ein halbes Jahr vor dem Ende seines Vertrags in Hannover legte er noch ein Intermezzo bei Fortuna Köln ein. "Dr. Scharnofske zuliebe", wie er betont. Denn die Kölner zahlten fast 300.000 Euro, für den Schatzmeister der klammen 96er ein wahrer Segen.
Hoch geflogen und tief gefallen
Der Kontrakt in Hamburg war für drei Jahre geschlossen, aber war Schatzschneider in Hannover und Köln noch der Star, musste er sich in Hamburg ganz hinten anstellen. Seinen Torriecher zeigte der Angreifer auch an der Elbe, doch er weigerte sich, auch defensiv zu arbeiten: "Das war damals meine Art. Ich habe keine Zugeständnisse gemacht. Einfach ausgedrückt: Die laufen, ich Tore schießen." Schatzschneider kam bei den Leistungsträgern und Arbeitern wie Magath, Manfred Kaltz und Wolfgang Rolff nicht gut an - trotz der 15 Treffer.
Nach einem Jahr beim HSV warf Schatzschneider das Handtuch. Dass er sich nicht mehr reingehängt und so schnell den Schlussstrich gezogen hat, bedauert er noch heute: "Alles was danach kam, war ein Abstieg. Deshalb habe ich auch früh meine Karriere beendet." Das eine Jahr unter Happel zählt Schatzschneider trotz allem zu den Höhepunkten seiner Karriere.
Großer Respekt vor Martin Kind
Schatzschneider machte die Trainerscheine bis zur A-Lizenz und arbeitete auch einige Jahre als Coach - vor allem in Niedersachsen. Die Mitarbeit bei einem Spielerberater beendete er nach einem halben Jahr. Anschließend war Schatzschneider als Scout im Junioren-Bereich und Repräsentant beschäftigt. Doch auch als Club-Angestellter hielt er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Als der 55-Jährige mal bei einer Presse-Veranstaltung den Fitnesszustand der Mannschaft kritisierte, durfte er auf Geheiß von Profi-Trainer Mirko Slomka nicht mit dem Team zum Europa-League-Spiel nach Moskau fliegen. "Das hat mich nicht beeindruckt und war eine absolut lächerliche Aktion", meint Schatzschneider.
Und als im März 2019 Clubchef Martin Kind als Aufsichtsratschef abgewählt und das neue Kontrollgremium aus Vertretern der Fanszene gebildet wurde, verkündete er seinen Austritt aus dem Verein: "Für mich kommt nicht infrage, dass ich von Leuten vertreten werde, die von Leuten gewählt werden, die im Stadion Gewalt ausüben und Pyrotechnik benutzen", begründete Schatzschneider seinen Schritt.
"Martin Kind ist 96", betont der gebürtige Hannoveraner, "weiß mich aber auch zu nehmen." Beide verbindet eine jahrelange enge Freundschaft, Schatzschneider weigert sich "aus Respekt" trotzdem seit Jahren, seinen Freund auch zu duzen. Er weiß die "Roten" bei Unternehmer Kind wirtschaftlich in den besten Händen und steht dem 96-Boss selbst in sportlichen Dingen mit Rat und Tat zur Seite.
Liebe zu 96, Isabella - und dem HSV?
Neben seiner Frau Isabella, mit der er seit gut 33 Jahren verheiratet ist und drei Töchter hat, gehört Schatzschneiders Herz Hannover 96. "Der Club ist genau mein Ding. Zu 100 Prozent, der Rest genau null Prozent", betont er. Und was ist mit dem Hamburger SV, bei dem er seine "Unschuld" verlor? "Der HSV ist für mich völlig bedeutungslos." Von Gefühlsduseleien 30 Jahre nach seinem Wechsel an die Elbe keine Spur.